Hommage à Pier Paolo Pasolini

Widerstand als Lebenselixier

Pier Paolo Pasolinis 90. Geburtstag feiert das Schwule Museum Berlin mit einer Ausstellung und einer heiter-verspielten Hommage von Klaus Wagenbach.

Rinaldo Hopf: Pasolini – Aquarell auf Buchseiten

Rinaldo Hopf: Pasolini – Aquarell auf Buchseiten © Schwules Museum

Richtig italienisch wurde der Wagenbach-Verlag 1978, und zwar durch Pier Paolo Pasolini. Der lebte zu diesem Zeitpunkt allerdings schon nicht mehr: "Star-Regisseur von Lustknaben erschlagen!" schrien die Schlagzeilen drei Jahre zuvor, wie jetzt im Schwulen Museum Berlin auf Wandplakaten nachzulesen. Drei Räume mit Installationen, Aussagen von Zeitgenossen, kommentierten Film- und Porträtaufnahmen sowie Buchausgaben bieten nun anlässlich des 90. Geburtstags am 5. März Einblicke in das Leben des kontrovers diskutierten italienischen Intellektuellen und Regisseurs, dessen Einstieg in die Filmbranche kurioserweise das Drehbuch für den Luis-Trenker-Film "Flucht in die Dolomiten" war. Zur selben Zeit wandte sich Pasolini, wegen Homosexualität vom Schuldienst dispensiert und von den Kommunisten als zu bürgerlich ausgeschlossen, den kriminellen Milieus der römischen Vorstädte im Roman "Ragazzi di Vita" auch literarisch zu. Und betrauerte, in den Folgejahren politische Polemiken gegen Konsumismus publizierend, den Verlust der spezifischen Kultur der italienischen Bauern und Kommunisten. Deren Solidarität, Dialektsprachen und anarchisch naive Sinneslust (in Gestalt ihn begehrender Jugendlicher) sah er bedroht. Widerstand wurde zum Lebenselixier, summiert Ausstellungskurator Wolfgang Theis.

Als 1978 Pasolinis politische "Freibeuterschriften" erstmals in deutscher Sprache erschienen, war man mit der Auflage zunächst vorsichtig: 1.100 Stück. Denn die linken Meisterdenker hätten die Deutschen ja auf ihrer Seite verbucht, schmunzelt Verleger Wagenbach. "Aber es gab ein Lesergetrappel. Plötzlich gab es junge Leute, die den Untergang der bäuerlichen Welt auch nicht so gut fanden. – Es war die Zeit der Grünen." Die Gesamtzahl des Bändchens belief sich schließlich auf 80.000 Exemplare; seither blühen bei Wagenbach die Zitronen. Das tun sie auch im Jubiläumsjahr: Im März erscheint in Neuauflage die als Chronik konzipierte Pasolini-Biografie von Nico Naldini (15,90 Euro). Weitere Neuerscheinungen im Geburtsmonat: "Pier Paolo Pasolini – Poetisch-Philosophisches Portrait", Audiobook bei Edition Apollon (21,99 Euro), und "Indien" (als Band 4 essayistischer Reiseprosa Pasolinis) im Corso Verlag (24,90 Euro).

Elisabeth Grün

Die Ausstellung "Pier Paolo Pasolini – Hommage zum 90. Geburtstag" läuft im Schwulen Museum Berlin bis zum 1. Mai 2012.

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