Interview mit dem Schauspieler und Sprecher Ulrich Noethen

"Sagen, was geschrieben steht"

Am Sonntag wurde in Wiesbaden der Hörbuch-Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden für das beste Kinder- und Jugendhörbuch 2015 an die Headroom-Verlag-Produktion "Kommissar Gordon – Der erste Fall" von Ulf Nilsson verliehen. boersenblatt.net hat mit dem Schauspieler Ulrich Noethen gesprochen, der als Erzähler bei "Kommissar Gordon" dabei ist.

Ulrich Noethen

Ulrich Noethen © picture-alliance

Sie sind der Erzähler. Eine schöne Rolle? Wären Sie lieber die Kröte gewesen?
Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Man hat mich gefragt, ob ich in der bezaubernden Geschichte der Erzähler sein möchte und ich hatte glücklicherweise Zeit und habe zugesagt.  Kommissar Gordon ist ausgesprochen sympathisch, ein Mensch, beziehungsweise eine Kröte, die eigentlich  ihrer Aufgabe nicht wirklich gewachsen ist, und sich nur mit Hilfe von Suchtmitteln, nämlich in diesem Fall  Muffins, einigermaßen über Wasser hält. 

Was war Ihre Aufgabe?
Die Geschichte zu erzählen und den Figuren Kontur zu geben. Dafür liest man den Text sehr genau, sucht nach einer Stimme dafür, nach einer Tonlage. Leicht ist man in Versuchung, in einen Märchenonkelton zu verfallen. Der ist zwar nicht grundsätzlich verkehrt, darf aber nicht zu süßlich werden. Diese Balance zwischen Sachlichkeit und Ohrensesselgemütlichkeit gilt es zu halten. Mir persönlich gefällt es, die Dinge schlicht zu benennen, zu sagen, was geschrieben steht, ohne die Sätze metaphysisch mit geisterhafter oder raunender Stimme aufzuladen. 

Das machen dann ja auch schon die Kröte (Udo Kroschwald) oder das Eichhörnchen (Jens Wawrczeck).
Als Erzähler nehme ich mich zurück, denn wenn ich im Studio bin, weiß ich ja noch nicht, welche Spielräume die Kollegen brauchen. Dem möchte man nicht vorgreifen. 

Das scheint gelungen. „Kommissar Gordon“ erhielt den Kinderhörbuchpreis BEO, eine Empfehlung der Stiftung Zuhören und ist Kinder- und Jugendhörbuch 2015. Einzige Kritik, die im Netz kursiert: Ihr gerolltes „R“ bei Gordon. Warum haben Sie das gemacht?
Habe ich das wirklich gerollt? Eher doch so (macht einen dunklen, unkenartigen Ton). Das ist doch ganz klar, der Name Gordon kommt doch nicht von ungefähr – das ist die Unke! Das spricht sich von selbst so aus, wenn man daran denkt.

Stimmt genau! Das hat der Kritiker nicht verstanden. Und ich auch nicht. Lässt sich eigentlich aus jedem guten Kinderbuch auch ein gutes Hörbuch machen?
Viele Faktoren spielen eine Rolle. Wenn es nur um den Text geht, der vorgelesen wird, ohne Geräusche, Musik und so weiter, dann liegt es allein bei der Regie und beim Sprecher. Je mehr dazu kommt, desto mehr muss das Gesamtpaket stimmen. 

Warm, melodiös, vertraut - was sagen andere über Ihre Stimme? Haben Sie ein Lieblingskompliment?
Mir ist nichts in Erinnerung. Ein Journalist hat mir einmal ein vergiftetes Kompliment aus zweiter Hand zugespielt, wonach ich eine Stimme habe, die so beruhigend sei, dass man spätestens nach einer halben Stunde einschlafe. 

Das hing wohl eher mit dem Hörer zusammen.
Ja, mit dem Hörinteresse, ob jemand wirklich zuhören möchte. Mir ist es lieb, wenn ich eine Geschichte von jemandem erzählt bekomme, dessen Stimme ich vertrauen kann. Ich sitze beim Zuhören nicht gern alarmiert im Stuhl und warte auf die nächste Überbetonung, die mir irgendetwas weismachen möchte. 

Sie interpretieren also gern selbst. Beim Zuhören wird der Text ja von zwei Köpfen interpretiert, dem des Lesers und dem des Hörers.
Wie die Interpretationsleistung des Sprechers inklusive Stimme aufgenommen wird, ist total subjektiv. Was für den einen sehr gut passt, erzeugt bei einem anderen Pickel. Die Schönheit der Stimme liegt sozusagen im Ohr des Betrachters.

"Vom Winde verweht", "Krieg und Frieden", usw. Lesen Sie diese wirklich großen Werke komplett, bevor Sie ins Studio gehen?
(Ungläubiges, anhaltendes Lachen) Und ob! Man hat im Studio nur eine gewisse Aufmerksamkeitsspanne. Wenn man unvorbereitet kommt und dann erst nach den Bögen suchen muss und nicht weiß, was eigentlich auf einen zukommt, dann wird es schwer sein, den Text zu interpretieren. Es sei denn, man ist ein Meister darin, sich von Satz zu Satz zu hangeln.

Es soll Sprecher geben, die behaupten, ihre Lesung würde sich mehr nach authentischem Erzählen anhören, wenn Sie den Text noch nicht kennen.
Das ist einfach Quatsch. Man wird dann so oft von Dingen überrumpelt, die man hätte wissen müssen, dass ein Erzählfluss unmöglich ist. Im Moment des Vorlesens muss ich den Erzählfluss erzeugen, das ist die Aufgabe. Mir gelingt das nur, wenn ich weiß, was da steht, wenn ich eine Ahnung habe. Ich muss den Satz nicht auswendig kennen, aber ich muss wissen, was auf mich zukommt.

Intensive Textarbeit gehört bei Ihnen also zur Vorbereitung. Gibt es Tipps in Sachen Stimmpflege?
Nein. Es ist einfach ein Geschenk, dass meine Stimme - bis jetzt – toitoitoi - wenn nötig über mehrere Tage funktioniert. Ich komme ins Studio, die Kollegen in der Regie hören sich die letzten Zeilen des Vortags an, ich spreche an - und wir können genau da weitermachen. 

Haben Sie Sprechervorbilder?
Nein. Es gibt etliche Sprecher, denen ich gut zuhören kann. 

Lesen Sie lieber für Kinder oder für Erwachsene? Oder ist das die falsche Frage, weil es auf den Stoff ankommt?
Es ist die falsche Frage, aber es ist auch wieder die richtige Frage. Selbstverständlich lese ich noch lieber für Erwachsene; Texte die mich selber interessieren, die ich begreifen möchte, in die ich tiefer eindringen möchte. Kinderbücher sind doch relativ schnell zu durchschauen. 

Sehen Sie bei Sprecherjobs genau hin, was kommt, oder ist das eher eine Frage des Zeitmanagements?
Im Großen und Ganzen ist das eine Frage des Terminkalenders, die meisten Vorschläge sind gute Texte. Es gab allerdings vor drei Jahren, ein Hörbuch, wo ich kurz vor Aufnahmebeginn noch abgesagt habe, weil ich mit dem Text einfach nichts anfangen konnte. Das war keine schöne Erfahrung.

Hören Ihre Kinder Ihre Hörbücher?
Ja, ist mir ein bisschen peinlich, aber im Moment steckt „Petersson und Findus“ im CD-Player. 

Bei Ihnen stehen im Frühjahr gleich zwei Filme an. Welche sind das?
Zum einen ist das "Die Akte General", ein Fernsehfilm über Fritz Bauer. Der zweite Film ist das "Tagebuch der Anne Frank" als Kinofilm. 

Sie sind sehr fleißig. Monique Schwitters, Joachim Meyerhoff, Andrea Sawatzki – Schauspieler schreiben gern. Wird es auch von Ihnen einen Roman geben?
Nein, ganz bestimmt nicht. Ich lebe mit einer Frau zusammen (die Schriftstellerin Alina Bronsky), die das meisterhaft kann. Es gibt überhaupt keinen Grund, in dieser Richtung tätig zu werden, zumal ich fürs Schreiben keine Begabung habe.

Interview: Sabine Schwietert

Ulrich Noethen, geboren 1959 in München, gehört zu den vielseitigsten Darstellern des deutschen Kinos und Fernsehens. Zu seinen großen Erfolgen gehört sein Kinodebüt in Joseph Vilsmaiers "Comedian Harmonists", für das er 1998 mit dem Deutschen und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Charakterrollen spielte er in Christian Schwochows "Die Unsichtbare" (2011) oder den Deutschen Filmpreis-Gewinnern "Oh Boy" (Jan-Ole Gerster, 2012) und "„Hannah Arendt" (Margarete von Trotta, 2012). 2015 stand Ulrich Noethen u.a. für den Fernsehfilm „Der General“ (Regie: Stephan Wagner) und den dritten Teil seiner Reihe "Neben der Spur – Todeswunsch" (Regie: Thomas Berger) sowie für den Kinofilm "Anne Frank"“ (Regie: Hans Steinbichler) vor der Kamera. Mit seiner melodiösen, warmen Erzählstimme hat er viele Hörbücher gesprochen.

Mehr zum Hörbuch und zur Preisverleihung finden Sie hier.

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