Interview mit eBuch-Vorstand Lorenz Borsche zur "Illuminati"-Aktion

"Wir werden Recht bekommen"

Die Genossenschaft eBuch will wegen der "Illuminati"-Aktion vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen Bas­tei Lübbe und Amazon erwirken. Wie berichtet, hatten die Unternehmen die Unterlassungserklärung der eBuch nicht unterschrieben. eBuch wirft Bastei Lübbe und Amazon vor, mit der kostenlosen Download-Aktion, bei der zunächst die Kindle-Lese-App heruntergeladen werden musste, gegen die Preisbindung verstoßen zu haben. Im Interview mit boersenblatt.net gibt sich eBuch-Vorstand Lorenz Borsche siegessicher.

Lorenz Borsche

Lorenz Borsche © Nicole Hoehne

Bastei Lübbe und Amazon haben laut eBuch die Unterwerfung abgelehnt, jeweils mit dem Hinweis, zum einen seien E-Books keine Bücher, zum anderen sei auch das Verschenken eines Buches kein Verstoß gegen Paragraf 3. Die eBuch werde daher mit dem heutigen Tag eine gerichtliche Klärung dazu einleiten. 

Bestritten worden sei auch, dass Bastei Lübbe ein Mittäter sei. Alle Äußerungen aus dem Hause Bastei Lübbe ließen aber darauf schliessen, dass die Aktion zwischen Amazon und Bastei Lübbe abgesprochen war und weitere Aktionen in der Zukunft folgen sollten. Genau um dies zu verhindern, gehe die eBuch dagegen vor.

Bei Preisbindungsexperten bestehen große Zweifel, dass Sie mit Ihrer Klage gegen Amazon und Bastei Lübbe Aussicht auf Erfolg haben. Was passiert, wenn Sie mit der EinstweiligenVerfügung vor Gericht scheitern?
Dann würden wir uns den Grund des Scheiterns genau ansehen. Das wird aber nicht der Fall sein. Wir wollen geklärt haben, dass Paragraf 3 des Preisbindungsgesetzes ("Wer gewerbs- oder geschäftsmäßig Bücher an Letztabnehmer verkauft, muss den nach § 5 festgesetzten Preis einhalten.") das Verschenken von Büchern verbietet. Um es klar zu machen: Es geht in diesem Paragrafen nicht um den einzelnen Akt, bei dem entschieden werden kann: Verkauf oder Schenkung. Sondern: Wer überhaupt gewerbsmäßig Bücher verkauft, muss bei jedem einzelnen den festgesetzten Preis einhalten.

Verschenken, das darf jeder tun, der nicht gewerblich Bücher an Letztabnehmer verkauft, wer das aber tut, muss den Preis einhalten. Der Preis kann möglicherweise auch 0,00 Euro sein, das gilt dann aber für alle Händler und nicht nur für Amazon. Sollten wir erstinstanzlich unterliegen, gehen wir auf jeden Fall weiter bis zum Oberlandesgericht. Ich rechne aber viel eher damit, dass die Gegenseite unterliegt, das aber nicht akzeptieren würde - Bastei Lübbe vielleicht, Amazon nach unserer Erfahrung sicher nicht, da reicht eventuell noch nicht mal ein OLG-Urteil.

Hätte das nicht zur Konsequenz, dass unternehmerische Freiheiten beschnitten werden? Schließlich kann jedes Unternehmen seine Produkte kostenlos und ohne Gegenleistung anbieten. Viele Buchhändler machen ihren Kunden beispielsweise zu Weihnachten Buchgeschenke. Warum wollen Sie das unterbinden? 
Das wollen wir gar nicht. Und hätten Bastei Lübbe und Amazon sich einfach an Branchenusancen gehalten, nämlich dass Rabatte auf Bücher (hier 100 Prozent) eben nicht für Werbung eingesetzt werden dürfen und deshalb generell verboten sind, dann hätten wir nicht auf Paragraf 3 pochen müssen. Wir werden solche Grenzfälle auf keinen Fall thematisieren, wollen aber unbedingt verhindern, dass Amazon oder andere Große, die sich das leisten können, solche Bauernfängerei regelmäßig zu ihren Gunsten betreiben.

Glauben Sie, dass das Preisbindungsgesetz dafür gemacht wurde, solche Freiheiten einzuschränken?
Nein, es wurde gemacht, um einen Wettbewerb – und da steckt ja auch das Wort Werbung mit drin – über den schieren Preis zu verhindern. Und genau das klagen wir jetzt ein und werden auch Recht bekommen, der Paragraf 3 gehört zu den klarsten und eindeutigsten Gesetzestexten, die mir je untergekommen sind.

Rezensionsexemplare oder Bücher, die zum Welttag des Buches verschenkt werden, könnten durch Ihr Vorgehen ebenfalls ins Visier der Gerichte geraten und möglicherweise unliebsame Entscheidungen zur Folge haben.
Wir werden nur den oben genannten Punkt beklagen. Es geht uns nur um diesen einen Fall. Rezensionsexemplare oder die Welttags-Bücher kommen in unserer Klage nicht vor, das Gericht wird also darüber auch nicht entscheiden. Außerdem fällt die Stiftung Lesen nicht unter den Paragrafen 3, da sie nicht „gewerbsmäßig Bücher an Letztabnehmer verkauft“. Rezensionsexemplare solange auch nicht, wie der Verlag selbst kein Direktgeschäft betreibt. Und über den anderen Fall werden wir fein stille schweigen. Es täte uns sehr leid, wenn es da Probleme gäbe, aber wir hätten das nicht zu verantworten, sondern diejenigen, die meinten, man dürfe als gewerblicher Verkäufer Bücher als Werbeaktion gratis abgeben. Nein, darf man nicht.

Zwar kommen Rezensionsexemplare und Welttags-Bücher nicht in Ihrer Klage vor. Wird es nicht dennoch dazu führen, dass auch solche Usancen nicht mehr rechtssicher möglich sind?Wie schon gesagt, Verschenken darf jeder, der nicht gleichzeitig geschäftsmäßig Bücher verkauft, z.B. die Elektro-Firma, die ihren Mitarbeitern zu Weihnachten ein Buch schenkt, oder eben die Stiftung Lesen. Was die Weihnachtsgaben der Buchhändler angeht, da muss man schauen, ob die verschenkten Bücher überhaupt preisgebunden sind, d.h. einen Preis haben. Meistens sind das ja Sonderausgaben. Und sollten die trotzdem eine ISBN bekommen, dann ist es dem Verlag durchaus möglich, den Preis auf 0,00 € zu setzen. Dann darf das Buch auch gratis abgegeben werden. Im Übrigen wird von unseren Buchhändlern seit Jahren eine Weihnachtsgabe organisiert, die kein Buch ist. Falls irgendwer auf die unsinnige Idee kommt, Weihnachtsgaben in Form von Büchern beklagen zu wollen – wir werden das sicher nicht sein.

Wie schnell wird es gehen, bis Sie eine Entscheidung für oder gegen eine Einstweilige Verfügung haben?
Schwer zu sagen, es könnte bei diesem durch die Rechtsprechung noch nicht behandelten Thema auch eine mündliche Verhandlung geben, dann haben wir in drei bis vier Wochen eine Entscheidung. Ohne mündliche Verhandlung wird es ca. eine Woche dauern.

Wie schätzen Sie Ihre Erfolgsaussicht ein?
Das kann ich Ihnen sagen: Genau 100 Prozent, spätestens beim OLG, aber vermutlich schon erstinstanzlich. Der Gesetzestext ist nicht auslegbar und lässt da keinerlei Spielraum zu: Wer gewerblich Bücher verkauft, muss den Preis einhalten. Immer! Tertium non datur.

Wie finanzieren Sie die juristischen Auseinandersetzungen der eBuch?
Wir führen ca. 50 Verfahren im Jahr, mal Preisbindung, mal UWG, von denen wir glücklicherweise nur ganz wenige verlieren, zwei oder drei. Deswegen kostet das nicht viel, außer unserer Arbeitskraft. Natürlich werden wir auch mal Geld los, aber zum Ausgleich können wir manchmal kleinere Strafgelder einsetzen. Aus Genossenschaftsgeldern haben wir 2015 ca. 10.000 Euro dazugeschossen.

Üblicherweise wird das Strafgeld an das Sozialwerk oder andere gemeinnützige Organisationen gespendet ...
Das tun wir in Fällen, bei denen sich das richtig lohnt, in denen wir so eventuell eine längerfristige Auseinandersetzung vermeiden möchten – gerade Branchenmitglieder zahlen lieber ans Sozialwerk. Und bei Fällen, bei denen wir das Gefühl haben, hier ist es wichtig, dem Buchhandel etwas zurückzugeben, was ihm mit eventuell unfairen Methoden abgejagt wurde, z.B. wenn es um Preisbindungsverstöße von Amazon geht. Wenn aber ein Supermarkt einer Kette wieder mal preisgebundene Bücher rein lokal als Aktionsware bewirbt, weil der örtliche Betriebsleiter den entsprechenden Hinweis der Zentrale übersehen hat, dann freuen wir uns, das anfallende Strafgeld für andere Aktionen investieren zu können.

Interview: Christina Schulte

Und hier noch Argumentationslinien der eBuch-Anwälte sowie der eBuch:

Warum E-Books Bücher sind:

Das Gegenargument, E-Books seien keine Bücher, widerlegen die Anwälte der eBuch, die Berliner Kanzlei v. Nieding Ehrlinger Marquardt: Der vom Kabinett gebilligte Referntenentwurf sei juristisch nur eine Klarstellung ohnehin schon bislang geltenden Rechts und diene nur der Rechtssicherheit.

Und so argumentiert die eBuch: "Die Tatsache, dass die Branche sich bislang offenbar in völliger Einigkeit an die von den Verlagen festegesetzten E-Book-Preise gehalten hat, belegt eindrucksvoll, dass eben diese  Branche E-Books schon immer als Bücher betrachtet hat, es ist uns kein Fall bekannt - bei immerhin bislang vermutlich 50-100 Mio. verkauften E-Books - bei dem versucht worden wäre, von diesem Preis um einen gewissen Rabatt nach unten abzuweichen. So fand man den betroffenen Titel auch während der Gratis-Aktionszeit in der Referenzdatenbank des VLB mit seinem richtigen Preis und dem wohlbekannten roten Referenzhäkchen, das ihn als gebundenen Preis und damit der Preisbindung für Bücher unterliegend kennzeichnet.

Warum es Gratis-Aktionen weiterhin geben darf:

Jeder Verlag kann, mit einer Vorlaufzeit von vier  Wochen, den festgesetzten Preis ändern, ggfs. eben auch auf 0,00 €, und ihn Tage oder Wochen später wieder auf einen gewünschten Markt-Preis anheben. Dann allerdings muss jeder Händler, der das Buch oder E-Book ausliefert, diesen festgesetzten Null-Preis einhalten, eine  Überschreitung wäre ebenso ein Verstoß gegen §3, wie jeder Rabatt es ist. Sicher ergeben sich noch andere Fragen in diesem Zusammenhang, aber der eBuch geht und ging es vornehmlich darum, Amazon eine Umgehung des Verbots der Werbung mit preisreduzierten Büchern zu verbieten, denn genau darum geht es im §3 der Buchpreisbindung, für deren genaue Einhaltung die eBuch sich immer eingesetzt hat."

In einer vorherigen Version wurde die Argumente der eBuch irrtümlich den Anwälten der eBuch zugeschrieben. Wir bitten dies zu entschuldigen.

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25 Kommentar/e

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  • Sebastian Dahlmann

    Sebastian Dahlmann

    Wird die eBuch auch gegen die eigenen Mitglieder vorgehen, die ja teilweise in der Vergangenheit den liro Reader verkauft haben, bei dem ebenfalls diverse Titel kostenfrei beim Kauf des Readers inkludiert waren? U.a. auch ein Titel von Bastei Lübbe?

  • Lorenz Borsche

    Lorenz Borsche

    Sehr geehrter Herr Dahlmann,

    Sie haben natürlich völlig recht, hier den Finger in die Wunde zu legen. Tatsächlich sind wir erst durch den lauten Protest von Michael Riethmüller überhaupt darauf aufmerksam geworden, daß hier etwas mnöglicherweise nicht stimmt, wir laufen ja auch nicht ständig mit dem BuchPRG unter dem Arm herum (wenn Sie diese leicht ironisch gemeinte Anspielung nicht auf Anhieb zuordnen können, dann sind Sie einfach viel jünger als ich, das Originalzitat stammt aus den 60igern, wenn ich mich recht erinnere).
    Ja, gewisse Aktionen haben uns schon immer geärgert, Payback-Punkte, mit denen man preisgebundene Bücher kaufen konnte (das geht heute nicht mehr) und anderes, aber ohne die Debatte im Börsenblatt wäre auch dieser Fall vermutlich an uns vorbeigegangen. Deshalb mein besonderer Dank an Michael Riethmüller, die Branche und auch uns dafür sensibilisiert zu haben.
    Und Sie dürfen sicher sein, daß wir alle in Zukunft auf solche Aktionen mit einem ganz anderen Blick schauen werden, das versteht sich von selbst.
    MfG Lorenz Borsche

  • Christian Russ

    Christian Russ

    In unserer Funktion als Preisbindungstreuhänder der Verlage beobachten wir das Vorgehen der Genossenschaft eBuch mit großer Sorge. Auch wir halten den Wortlaut des § 3 für eindeutig - nämlich bezogen auf Buchverkäufe und nicht auf Schenkungen zu Werbezwecken. Im Gegensatz zu Herrn Borsche wollen wir den Gerichten aber nicht vorgreifen und das Ergebnis gerichtlicher Verfahren verkünden, bevor ein Urteil ergangen ist.

    Unsere Sorge gilt den Kollateralschäden, die ein solches Verfahren anrichten kann: Wenn branchenfremde Richter über für unsere Branche existentielle Fragen zu entscheiden haben, kann man Urteile bekommen, die das eine oder andere Kind mit dem Bade ausschütten. Unser Petitum geht dahin, dass wir über Fragen der Zulässigkeit kostenloser E-Books zur Verkaufsförderung - betroffen sind auch Werbeexemplare etc. - zunächst eine Klärung innerhalb der Branche herbeizuführen versuchen, statt mehr oder weniger unkontrolliert Prozessraketen abzuschießen, die zwar erst einmal großes Kino sind, einem vielleicht am Ende aber auf den Kopf fallen. Man soll bekanntlich klug handeln und das Ende bedenken.

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Herr Borsche argumentiert frei nach Pippi Langstrumpf: "Ich mach' mir die Welt, wie sie mir gefällt." Kostenlose Bücher im einen Fall gut, im nächsten böse, mal so, mal so.

    Und das alles basiert auf einer rein wunschgemäßen Auslegung des BuchPrG, die Herr Borsche mit seinen Anwälten quasi ganz exklusiv für sich hat.
    Da wo seiner Meinung nach Eindeutigkeit in der Sachlage besteht, kann man ebenso gut genau anders herum argumentieren. Denn die Einschätzung, dass der Passus "Wer gewerbs- oder geschäftsmäßig Bücher an Letztabnehmer verkauft [...]" pauschal gemeint ist, wird durch kein Indiz im BuchPrG gestützt oder gar begründet.
    Wäre diese von Herrn Borsche interpretierte Bedeutung tatsächlich der Fall, müsste der Text dann nicht in etwa lauten "Wer gewerbs- oder geschäftsmäßigen Handel mit Verlagserzeugnisssen gegenüber Letztabnehmern betreibt [...]"?
    Ich weiß, das ist rein spekulativ. Und genau deswegen ist Herr Borsche ja auch auf dem Holzweg, weil er dem Gesetz eine rein spekulative Interpretation abverlangt, der ein ordentliches Gericht nicht wird folgen können. Erst recht nicht, wenn es in der Causa Lübbe/Amazon eine der möglichen Interpretationen konsolidieren soll und in anderen Fällen das Ansinnen der stationären Sortimenter, Stiftungen, etc., die zu gewissen Anlässen Bücher verschenken, bekräftigen soll. Kein Gericht macht so etwas, wenn ein Gesetzestext nicht die entsprechende Genauigkeit besitzt. Das sehen wir ja gerade an der Rechtsprechung im Fall der strittigen Vergütungszahlungen durch die Verwertungsgesellschaften. Da wird auch aller Wahrscheinlichkeit nach keine Instanz von der plausibelsten Auslegung des derzeitigen Gesetzestextes abweichen.

    Vielleicht mag ich mich irren, und die eBuch erhält Recht vor Gericht. Aber dann haben wir einen Präzedenzfall, der den künftigen Umgang mit Verlagserzeugnissen bei Schenkungen ganz gravierend verändern wird.
    Zum Beispiel wäre dann darüber zu diskutieren, inwieweit es überhaupt noch kostenlose Bücher zum Welttag des Buches geben darf, da diese ja überwiegend von Verlagen zur Verfügung gestellt werden, die sehr wohl auch ein gewerbliches Endkundendirektgeschäft betreiben und bei allem Wohlwollen gegenüber dem Zweck der Stiftung auch eine Werbewirksamkeit durch die kostenlose Abgabe im Sinn haben und ebenjene Bücher zudem an anderer Stelle auch normalpreisig zum Verkauf anbieten.

    Ich bleibe dabei, hier ist meinem Empfinden nach eher eine Hexenjagd im Gange als eine stichhaltige und objektiv begründete Auseinandersetzung.
    Zum Glück ist Justitia zwar blind aber nicht blöd ...

  • IF

    IF

    "Wir werden solche Grenzfälle auf keinen Fall thematisieren, wollen aber unbedingt verhindern, dass Amazon oder andere Große, die sich das leisten können, solche Bauernfängerei regelmäßig zu ihren Gunsten betreiben."

    Lustig, dass Sie das nicht thematisieren. Es gibt ellerdings noch einen Prozessgegner. Und der wird voraussichtlich nicht von einem Dorfanwalt vertreten. Hochmut kommt vor dem Fall.

  • Ole S.

    Ole S.

    eBuch wird verlieren, weil vor wenigen Tagen der Bundesfinanzhof (BFH) geurteilt hat, dass eBooks eben KEINE Bücher sind, sondern "nur" digitale Artikel und deswegen dem vollen Mehrwertsteuersatz unterliegen. Insofern ist das Preisbindungsgesetz nicht anwendbar. IMHO

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    @ Ole S.:

    In besagtem Urteil beruft sich das Gericht darauf, dass E-Books keine Bücher im eigentlichen Sinne sind sondern digitale Dienstleistungen. Es ist übrigens recht fragwürdig, ob mit dieser profanen Einschätzung der eigentlichen Begründung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für Bücher in Bezug auf ihre kulturelle Bedeutsamkeit ausreichend Rechnung getragen wird.

    Auch sollte man meinen, dass E-Books sehr wohl Produkte sind, die nach § 2 abs. 1 nr. 3 des BuchPrG unter die Preisbindung fallen.
    Interessant ist in dem Kontext aber die Fragestellung, ob die Preisbindung auch dann greift, wenn nur ein Nutzungsrecht an einer Sache übertragen wird, wie es bei E-Books ja der Fall ist und die Sache selbst somit gar nicht direkt verkauft wird.
    Es ist insofern durchaus spannend, ob das Gericht im Fall Lübbe/Amazon das Urteil des Bundesfinanzhofes bezüglich der Mehrwertsteuerregelung in seine Überlegungen mit einbeziehen wird.
    An dieser Stelle kann ich mich nur der Meinung von Herrn Russ anschließen, dass die eBuch hier möglicherweise etwas in Bewegung setzt, das in fataler Weise zu grundlegenden Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedinungen des Buchhandels führen könnte. Ich sehe infolgedessen die konkrete Gefahr, dass somit der Branche viel mehr Schaden zugefügt wird, als es jede E-Book-Verschenkaktion über Amazon auch nur ansatzweise vermag.

  • Lorenz Borsche

    Lorenz Borsche

    Lieber Branchenkenner,

    über den Vergleich mit Pippi freue ich mich sehr, eine der Heldinnen meiner Jugend!

    Spass beiseite - für meine Zuversicht gibt es gute Gründe: unsere Anwälte haben eine Erfolgsquote von weit über 90% und sind sich hier sehr sicher. Und ich verlasse mich da lieber auf deren Urteil als auf Ihre erkenntlich falschen Argumente wie z.B. bzgl. der Stiftung Lesen. Ja, Verlage mit Direktvertrieb an Letztabnehmer dürfen an *ebensolche* keine Bücher verschenken. Aber weder ist die Stiftung Lesen ein solcher Letztabnehmer - also dürfen Verlage der Stiftung auch preisgebundenen Bücher sehr wohl umsonst überlassen - noch verkauft die Stiftung Lesen gewerbs- oder geschäftsmäßig Bücher an Letztabnehmer, also spricht auch hier nichts gegen's Verschenken an eben jene Letztabnehmer.

    Und @Ole.S: Es scheint Ihnen entgangen zu sein, daß das BMWi gerade veröffentlicht hat, daß im vom Kabinett verabschiedeten Referentenentwurf ebooks dem Paragrafen 3 unterwprfen werden. Und daß es sich hierbei NUR um eine Klarstellung ohnehin bestehenden Rechts handelt - zum Zwecke der Rechtssicherheit und damit der Vermeidung unnötiger Gerichtsurteile. Und das ist nicht meine humble opinion, sondern: Fakt.

    Last-not-least: wäre jeder einzelne "Vertriebsakt" des gewerblichen Verkäufers jedesmal neu bestimmbar als entweder Kauf oder Schenkung, dann hätten wir einen bösen Widerspruch zu einem von der eBuch unter dem Beifall der Branche erstrittenen OLG-Urteil zur Gültigkeit der VLB-Preis-Referenzdatenbank: In dem Urteil heisst es nämlich, daß der Referenzpreis jederzeit für alle verbindlich gilt, selbst dann, wenn er aufgrund einer fehlerhaften Eingabe zustande kam und z.B. dem aufgedruckten und auf der Verlagswebsite veröffentlichten Preis nicht entspricht. Ein Preis von 0,00 Euro muss also entweder dort hinterlegt sein und für alle gelten, oder keiner darf ihn beanspruchen. Während der "Aktion" von amazon war "Illuminati" mit seinem ganz normalen Preis UND dem roten Refernzpreishäkchen unter Buchhandel.de zu sehen, galt also für alle Buchhändler zwischen Sylt und Garmisch. Aber jeder Kunde hätte mit Hinweis auf den Nullpreis bei amazon jeden Buchhändler unter Druck setzen können, ihm den Titel "zu schenken"? Das kann ja wohl mit dem Paragrafen 3 nicht gemeint sein, oder?

    Um es auf die Spitze zu treiben und den Unsinn der vorgeblichen "Schenkung" ad absurdum zu führen: In Heidelberg gibt es den "Zuckerladen" und der Besitzer würfelt mit seinen Kunden darum, ob sie die Rechung bezahlen müssen, oder, wenn sie ein höheres Pasch als der Ladenbesitzer würfeln, die Tüten geschenkt bekommen. Und das übertragen wir mal ins Neuland und stellen uns auf der amazon-Website einen elektronischen Würfel vor, und Sie dürfen bei jedem Buch, das Sie in den Warenkorb legen, darum würfeln, ob amazon es Ihnen schenkt, oder sie es bezahlen müssen. Nein, was der Zuckerladen darf, das darf der Buchhändler nicht. Dem BuchPRG sei Dank.

    Beste Grüße, Lorenz Borsche

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Ich kann Ihnen nicht folgen, Herr Borsche, selbstverständlich ist jeder einzelne "Vertriebsakt" neu zu bewerten in Bezug auf die Gesetzeslage. Das ist doch hier keine Planwirtschaft sondern ein Marktgeschehen mit höchst unterschiedlichen täglichen Vorgängen.

    Und Ihre Sicht der Dinge in Bezug auf die kostenlose Weitergabe von Verlagserzeugnisse an Endabnehmer ist ebenfalls höchst fragwürdig.
    Möchten Sie es künftig etwa auch unterbinden, wenn zum Beispiel Langenscheidt kostenlose Deutsch-Wörterbücher an Flüchtlinge verteilt? Oder muss Andreas Langenscheidt dafür erst eine Stiftung ins Leben rufen, bevor die eBuch auf die Robin-Hood-Masche verzichtet und ihre Advokaten-Pfeile im Köcher lässt?

    Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich spreche Ihnen und der eBuch keineswegs eine im Kern richtige Denkweise ab. Ich kritisiere lediglich die Wahl der Mittel und die zugrunde liegende Argumentation, sowie die irrige Annahme Ihrerseits, dass Ihr Vorgehen weitestgehend im Sinne der Branche wäre.

    Wie gesagt, Ihrem unerschütterlichen Optimismus zum Trotz hoffe ich sehr, dass Recht im Sinne der Vernunft gesprochen wird und nicht nur im Sinne der eBuch.

  • Dirk Bauer

    Dirk Bauer

    Es gibt hier noch den Aspekt der erlaubten 2%-igen Naturalzugabe, der beim Verschenken von Büchern eine wesentliche Rolle spielen sollte:
    Schenkt z. B. ein Buchhändler einem Kunden unmittelbar beim Betreten seines (Online-)Ladens ein (e-)Buch im Wert von € 10 (preisgebunden oder nicht), und dieser Kunde stöbert dann eine halbe Stunde lang im Laden herum und kauft für € 50 preisgebundene Bücher, fällt dann das Geschenk zuvor nicht unter die maximal 2% erlaubte Zugabe auf den Kauf preisgebundener Bücher?
    Wenn nicht, wäre dadurch einem indirektem Preiswettbewerb Tor und Tür geöffnet? Was ja nicht sein darf.

    Wie lange muss die "Schamfrist" zwischen einem Geschenk und einem späteren Verkauf von preisgebundenen Büchern sein? Einmal raus aus dem Laden, zwei Stunden später wieder rein, oder ein Tag, eine Woche, ein Monat? Wer soll das kontrollieren, wenn das Geschenk nur seinem besten gut vertrauten Stammkunden in die Hand gedrückt wird, der damit sicherlich nicht zum Preisbindungstreuhänder läuft?

    Ab wann darf Amazon dem Kunden nach dem Illuminati-Geschenk ein preisgebundenes eBook oder gedrucktes Buch verkaufen, ohne das Illuminati als Zugabe im Wert von € 8,00 zu sehen ist und damit preisbindungsrechtlich eine Rolle spielt? Vorausgesetzt der Amazonkunde kauft nicht gleich preisgebundene Bücher im Wert von über € 400 ein.

    Ein paar Tage sollten es schon sein, insbesondere wenn Neukunden geworben werden, die weiter fleißig Bücher und eBooks einkaufen sollen. Vielleicht frägt die eBuch nach, denn die restliche Branche wird es nicht tun.

  • Lorenz Borsche

    Lorenz Borsche

    @Dirk Bauer: :thumpsup: - ein Fass ohne Boden, wenn man sich die Theorie der jeweils getrennten Akte von Verkauf und Schenkung zu eigen macht. Mich wundert auch, daß die hier versammelten mehrheitlichen Kommentare im Zeitalter des vermutlich aggressivsten Händlers, den die Branche jemals gesehen hat, die Gefahr, die von einer solchen Definition ausgeht, weitgehend ausblendet, aber kleinste Randsplitter geneigt ist, breitest zu diskutieren.

    @Branchenkenner: Was die Stiftung Lesen angeht - wie wäre es, wenn Sie Ihre Behauptung, meine Auslegung sei "fragwürdig", wenigstens mit einem kleinen und halbwegs plausiblen Argument unterfüttern würden? Denn der Verweis auf die Flüchtlingsdebatte und die Wörterbücher kann's ja wohl nicht sein, oder? Da gibt es ausreichend gemeinnützige Organisationen, denen man solche Wörterbücher spenden kann (=keine Letztabnehmer), und die sie dann auch verteilen - gar kein Verstoß gegen §3, logisch. Ganz anders hingegen - und das hatten wir neulich auf dem Tisch, wenn der Verlag solchen Organisationen im Direktvertrieb einen Mengenrabatt einräumt, den er dem Buchhändler nicht gewährt. Wir haben das still geklärt (oder haben Sie da irgendwas gehört?) und der Verlag hat nun ganz offizielle Rabattstaffeln, an denen eben auch der Buchhändler teilhaben darf.

    Und bitte verraten Sie mir, welche Wahl der Mittel wir denn hätten haben sollten? Auslistung, wie das andere vorgeschlagen haben, halten ich im Sinne eines kundenorientierten Denkens für wirklich keine gute Alternative, aber wie verhindern wir, daß amazon irgendwann anfängt, "eBook-Gratis-Minuten" einzuführen? Also einfach erklärt, daß am Superfriday zwischen 10 und 10:15 alle ebooks "geschenkt" seien? Nur um im Sinne eines turbokapitalistischen Verdrängungswettbewerbs die anderen Anbieter, die nicht über stillhaltende Aktionäre und entsprechende Kapitalreserven verfügen, platt zu machen?

    Im übrigen verstehe ich auch nicht, was das sein soll: Recht im Sinne der eBuch. Recht ist Recht, manchmal passt es dem einen, manchmal dem anderen nicht. Aber der Grundkonsens sollte doch sein, daß wir das Recht, wenn es denn gesprochen wurde, als solches als überparteilich und neutral akzeptieren, oder täusche ich mich?

    LG Lorenz Borsche

  • Fritz Iv

    Fritz Iv

    Bei möglichen Ausnahmen von der Regel wird das Gericht natürlich auf den Sinn der Regelung rekurrieren, die in der Hauptsache eine Wettbewerbsverzerrung zwischen großen und kleinen Händlern verhindern soll. Bücherspenden zu Wohltätigkeitszwecken dürften daher als Fallbeispiel keine Rolle spielen. Interessanter ist die Frage, ob durch einen Fall wie diesen der Wettbewerb via verstecktem Preisvorteil a) womöglich intendiert ist (vermutlich ja, was Amazon angeht, aber auch Lübbe dürfte sich ja irgendeinen Vorteil durch Amazon versprochen haben - eine Hand wäscht da die andere) oder ob b) eine Wettbewerbsverzerrung eintreten könnte, auch wenn die nicht unbedingt beabsichtigt war (ebenfalls vermutlich ja). Damit wäre eigentlich ziemlich klar, dass das Gesetz in Fällen wie diesen zuständig ist und angewendet werden muss. Die "Gegenfälle" sind da alle ohne Belang bzw. völlig anders gelegen, weil sie nichts mit dem Wettbewerb im Handel zu tun haben. Um genau den geht es aber im Gesetz. Und dummerweise ist AMZN ja kein kleiner Händler, sondern marktdominant im E-Book-Bereich.
    Aus der formaljuristischen Situation dürfte daher schwer über eine inhaltliche Argumentation heraus zu kommen sein. Die Klage deckt sich auch mit dem Sinn des Gesetzes.
    (Disclaimer: IMHO)

  • Besorgter Leser

    Besorgter Leser

    "unsere Anwälte haben eine Erfolgsquote von weit über 90% und sind sich hier sehr sicher"

    WOW....90%, ich wusste gar nicht, daß es schon so viele Verfahren wegen verschenkten e-books gab. Natürlich haben Sie nicht hingeschaut als Hugendubel das gleiche vor wenigen Wochen beim Tolino gemacht hat, natürlich haben alle anderen Händler in weiser Voraussicht die ständig vorhandenen Angebote (auch von Bastei-Lübbe) nicht wahr genommen, nur aus dem Grund, daß sie hier eine Einmaligkeit konstruieren wollen.

    Herr Borsche, Sie sind in einer einmaligen Situation: wenn Sie tatsächlich durch alle Instanzen gewinnen sollten, ist es das Ende jeglicher Werbeaktionen, die es schon ewig bei e-books in dieser Art gibt, Hut ab, die Kundengewinnung wird dadurch für euch sicher erleichtert (Ironie aus).

    Wenn Sie verlieren sollten, was sehr wahrscheinlich ist, haben Sie sich nicht zuletzt durch dieses süffisant-überhebliche Interview nebst Ihren Antworten hier ins Abseits der Lächerlichkeit geschossen.....win/win ist anders, oder?

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Das Vorhandensein des BuchPrG fußt im ureigensten Sinn keineswegs auf dem Bedürfnis des Schutzes der Interessen einzelner Händler bzw. der Notwendigkeit eines allzeit ausgeglichenen Wettbewerbes, sondern alleinig auf der Gewährleistung der möglichst flächendeckenden Verbreitung des Kulturgutes Buch. Und ebendies kann Amazon nunmal gerade in Bezug auf E-Books so gut leisten wie kein anderer Händler. So what?

  • Lorenz Borsche

    Lorenz Borsche

    @Fritz Iv: Ja, im Zweifel wird man immer die Intention eines Gesetzes bemühen, wenn eine Interpretation nicht eindeutig zu sein scheint. Und da sich solche Werbeaktionen nur die ohnehin schon Grossen erlauben können, ist das genauso zu betrachten wie eine Rabattreduktion z.B. um 99,9%. Es ist ja auch kaum vermittelbar, warum eben dies, also der "Verkauf" eines 10 € Buches für nur 1 Cent ein Verstoß gegen §3 sein soll, ohne diesen einen Cent es aber erlaubt sein soll. Ja, klar, genau deshalb werden Firmen wie Karstadt für den nominellen einen Euro "verkauft", und formaljuristisch ist das natürlich in Ordnung, aber plausibel ist es in unserem Falle (1 Cent versus 0 Cent) halt nicht.

    @Besorgter Leser: Im obigen Interview gibt es keinen Hinweis darauf, daß es sich nur um eBook-Verfahren gehandelt haben könnte, wie Sie behaupten. Wer Lesen kann, ist klar im Vorteil.

    Und was die Gewinnung von Kundschaft angeht: Schnäppchenjäger, die als Leser "besorgt" sind darüber, daß man ihnen das Gratisschnäppchen wegnehmen könnte, sind genau die Kunden, die man *nicht* gewinnen will. Man will diejenigen, die den Beratungsservice des Buchhändlers schätzen, die eine Gesellschaft schätzen, die mittelschichtsgeprägt und zentriert ist und nicht in Billigjobber (Paketfahrer, Lagerarbeiter) und andererseits wenige überbezahlten Manager zerfällt, die es schätzen, wenn sich in ihrer Innenstadt nicht nur leerstehende Läden mit Dönerbuden abwechseln, weil es noch einen vitalen Einzelhandel gibt, die wissen, daß das gesundeste Rückgrat der Geselschaft nicht die Großunternehmen sind, sondern die kleinen 1-15 Personenbetriebe, die die meisten und stabilsten Arbeitsverhältnisse schaffen.

    Aber all das ist dem Schnäppchenjäger völlig unklar, soweit kann der gar nicht denken, die Stimulation seiner Amygdala durch das vermaledeite %-Rabattzeichen ist so übermächtig, daß alle sich daraus ergebenden negativen Entwicklungen ausgeblendet werden.

    Das, lieber besorgter Leser, das sollte Ihnen Kopfzerbrechen machen, wenn Sie sich schon Sorgen machen wollen. Die Breite des Verteilungsnetzes und die Vielfalt der angeboteten "Produkte" (=Bücher/Titel) sind eine direkte Folge der Tatsache, daß das BuchPRG die brutalstmöglichen Dschungelgesetze durch die Herstellerpreisbindung soweit einschränkt, daß auch der Stadtteilbuchladen eine Chance hat. Und kein Ökonom dieser Welt wird mich - dank dieses existierenden Beispiels - davon überzeugen können, daß die Konkurrenz der Händler über den Preis (bei identischem Produkt) *gesamtgesellschaftlich* sinnvoll sei. Was nützt es mir, wenn das Joghurt 10 Cent billiger ist, wenn ich dazu mit dem Auto auf die grüne Wiese fahren muss? Aber es schadet mir, weil der fussläufig gelegene kleine Händler um die Ecke durch diesen Preiswettbewerb leider vernichtet wurde, ich also jetzt auf die Wiese fahren MUSS.

    Und allen, die das noch nicht so richtig realisiert haben, sei gesagt, daß amazon dort, wo das möglich ist, schon klar die gegenteilige Strategie fährt: Oh, Sie interessieren sich für ein Produkt? Und eben hat es noch 149.- Euro gekostet? Schade, Sie waren zu langsam, der Computer hat Ihr Interesse verzeichnet und - schwupps - den Preis auf 169.- Euro erhöht. Nein, das ist nicht Science fiction, das ist leider Realität. Auch vor solchem Beschiß könnte eine fixe Herstellerpreisbindung schützen - aber Ökonomen würden das natürlich niemals als Argument gegen freie Preise gelten lasse, die sind ja immer schlauer als alle anderen, glauben immer noch an den homo oeconomicus und deshalb gibt es ja auch keinerlei größere Wirtschafts- und Finanzkrisen ... ;-)

    Sorry, aber das muste mal raus.

    LG Lorenz Borsche

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Mal ernsthaft: Es kann doch bei der ganzen Debatte nicht wirklich darum gehen, dass Amazon hier ausgebremst werden soll, weil sie groß und dominant sind.
    Ja, wir befinden uns tatsächlich "im Zeitalter des vermutlich aggressivsten Händlers, den die Branche jemals gesehen hat" und Amazons Verhalten hat auch durchaus Züge eines "turbokapitalistischen Verdrängungswettbewerbs", um Herrn Borsches bange Konstrukte zu rezitieren.

    Aber das ist nunmal die heutige Wirklichkeit. Willkommen in der globalen, der echten Marktwirtschaft. Vorbei ist die Zeit des stiefmütterlichen Marktplatzgeschehens, welches den Buchhandel dank des BuchPrG und anderer althergebrachter Branchenprinzipien und Klüngeleien wohlbehütet und kaufmännisch hinreichend entlastet hat und zudem aber auch in einen wohligen Dornröschenschlaf versetzt hat, dem weite Teile des stationären Sortiments in den letzten Jahren nur mit viel Mühe entrissen werden konnten. Und viele sind ja bekanntlich aus diesem Schlaf erst gar nicht mehr aufgewacht.

    Aber nicht Amazon macht den Buchhandel, wie wir ihn kennen kaputt, sondern die Kunden, die einfach völlig veränderte Bedürfnisse haben. Amazon ist ja schließlich nicht aus heißer Luft entstanden, sondern aus einer Geschäftsidee und Philosophie, für die sich breite Teile unserer Gesellschaft aufrichtig begeistern und kommende Generationen vermutlich noch in einem Maße begeistern werden, wie wir uns das jetzt kaum vorstellen können.

    Warum ist das nur so schwer zu akzeptieren? Warum gestehen sich die klassischen Buchhandelsunternehmen nicht auch mal ein, dass sie allesamt in den letzten zehn Jahren massiv gepennt haben? Und dass es die Kunden, wie sie früher die Auslagen der Sortimenter alljährlich belagert haben, nur noch in höchst überschaubarer Anzahl gibt? Und warum konzentrieren sich ebenjene Sortimenter nicht jetzt ausschließlich auf den Wettbewerb vor der eigenen Haustür, statt immer wieder den hass-, angst- oder vielleicht doch neiderfüllten Blick auf Amazon zu werfen? Als wenn mit einer Klageflut gegen den gelben Riesen wirklich etwas zu gewinnen wäre, da ist man mit der Fokussierung auf Ideen wie buy local oder grundsätzlich gutes Standortmarketing weit besser beraten.

    Soweit meine Meinung zu den der Debatte zugrunde liegenden Ursachen.

    Zum eigentlichen Thema sei noch gesagt, dass es erst richtig spannend werden wird, wenn der EuGH von dem Fall Wind bekommt. Dann wird es nämlich ganz schnell vorbei sein mit unserer geliebten Preisbindung. Und alles nur, weil Herr Borsche darüber streiten will, ob ausgerechnet Amazon dem Kunden ab und zu mal was schenken darf (trotz artgleicher Vorgänge bei zahlreichen anderen Branchenteilnehmern) oder eben nicht. Dann soll es eben so sein.

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Herr Borsche, dieses von Ihnen beschriebene ökonomische Wunschszenario lässt sich meiner Meinung nach nur in einer Planwirtschaft realisieren. Oder natürlich nur durch die massive Umerziehung der Gesellschaft, vor allem der ach so bösen Schnäppchenjäger, die ja offensichtlich völlig grundlos und unbedacht den fiesen Kapitalismusmotor befeuern, in dessen Abgasen der selbstlos- treuherzige Einzelhandel der alten Schule zu ersticken droht.
    Ist Ihnen schon mal eingefallen, dass es die unmittelbaren Lebensumstände bzw. existentiellen Notwendigkeiten sind, die für viele Menschen heutzutage das Jagen nach Schnäppchen zum obersten Gebot werden lassen?

    Und gerade diese Schnäppchenjäger sind eben oft auch Leute, die in den kleinen 1-15 Personenbetrieben arbeiten und sich täglich fragen, ob es wirklich die stabilsten Arbeitsverhältnisse sind, wenn man lediglich vier Wochen Kündigungsschutz genießt, keine Betriebsräte gründen darf, haufenweise unbezahlte Überstunden macht, unpünktliche Lohnzahlungen in Kauf nehmen muss, bei Insolvenz keine Chance auf irgendwelche Übergangslösungen hat und zudem noch oft direkt mit völlig willkürlich aggierenden Chefs mit Allmachtsphantasien konfrontiert ist.

    Aber das alles würde es dann ja in der gutbürgerlichen und mittelschichtsgeprägten Welt Ihrer Träume natürlich nicht mehr geben.
    Dann stellt vermutlich auch die FDP den Bundeskanzler und der Buchhandel bekommt sein eigenes Gesetzbuch. Sorry, aber dann wandere ich aus, wie wahrscheinlich viele andere frei denkende Menschen auch.

  • Besorgter Leser

    Besorgter Leser

    @Lorenz Borsche

    Sie werden es nicht für möglich halten, aber es gibt mehr als genug Menschen, die abhängig sind von den "vermaledeiten" Rabattzeichen, sie könnten sich ihr Leben sonst nicht leisten. Das ist in der Tat ein Umstand, der mir Kopfzerbrechen bereitet. Ihre Vorstellung von belebten Innenstädten mit Fachhändlern des Mittelstandes, geprägt von Kompetenz und Beratungsqualität ist schon alleine durch die immensen Kosten in den Innenstädten mehr Wunsch als Realität.

    Der Wettbewerb ist nunmal da, kein Städtchen, was nicht eine "Shopping-Mall" in der Nähe hat mit Discountern und entsprechenden Preisen, alles unter einem Dach, kostenlos Parken...eben die ganze Palette, was Kunden wichtig ist. Daneben gibt es den stetig wachsenden Online-Handel, was die Frage aufwirft, ob die momentane Anzahl an Buchhandlungen überhaupt noch benötigt werden oder es nicht viel zuviele sind. Die Schließungen der letzten Jahre scheinen darauf hinzudeuten.

    All das kann die Buchpreisbindung nicht ändern, im Gegenteil: Ihr Lieblingsfeind Amazon verkauft stetig mehr Bücher mit einer garantierten Marge, das ist doch Klasse eine Cash-Cow im Sortiment zu habe, oder? Der Kritikpunkt an der Klage hier ist doch eher, dass Sie mit zweierlei Maß messen, derlei Gratis-Aktionen sind vollkommen normal, nur von es der Große macht ist es böse. Wie Klaus Kluge schon schrieb: "Wöchentlich gebe es vier Preisaktionen, an dem auch die stationären Buchhändler teilnehmen könnten („bislang mit nicht allzu großer Resonanz“)." Offenbar scheut sich der Verlag nicht JEDEN möglichen Kunden zu bekommen (auch den Minijobber, Schnäppchenjäger und Paketboten), ist ein guter Mann mit Weitsicht.

  • IF

    IF

    Die Buchpreisbindung als Rettung der Innenstädte, jetzt wird es grotesk.
    Und Schuld am Elend der Welt ist ohnehin der Kunde, dieser geizige Schnäppchenjäger, welcher der Marge des gebeutelten 1-15 Mitarbeiter-Mittelstands einen Strich durch die Rechnung macht.

    Wenn ich mich im Buchhandel so umschaue, den Tolino lieblos in der Ecke platziert, den 999. Mankell (Gähn) neben dem 1001. Band Harry Potter (Doppelgähn) zentral in der Auslage platziert, kommt mir der infame Gedanke, dass der Buchhandel auch ein wenig Mitschuld trägt an seinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Da werden ihn auch seine liebgewonnen Privilegien nicht retten. Und auch kein Ankläffen der Konkurrenz.

  • Lorenz Borsche

    Lorenz Borsche

    @Branchenkenner & Besorgter Leser: Vielen Dank für Ihre Hinweise und Argumente, die ich gerne aufnehmen resp. diskutieren möchte, das erfordert aber einen längeren Text, zu dem ich heute wohl nicht mehr kommen werde - ich muss auch mal richtig "arbeiten" ;-)
    Aber das soll nicht heissen, daß ich das auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben werde. Ich hoffe, die Kommentarfunktion zu diesem Artikkel steht auch über den Tag hinaus zur Verfügung und wird nicht, wie beim SPON irgendwann beendet.

    Schönes WE, LG LB

  • Besorgter Leser

    Besorgter Leser

    "Aber das soll nicht heissen, daß ich das auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben werde."

    Sie haben es leider auf diesen Tag verschoben, schade, hätte ich Ihnen nicht zugetraut!

  • Lorenz Borsche

    Lorenz Borsche

    @Besorgter Leser: Sie haben (fast) recht, danke für die Erinnerung, ich werde mich morgen dran machen, versprochen! LG LB

  • Lorenz Borsche

    Lorenz Borsche

    "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt" hiess es in den 70ern und heute zitiert man gerne: "Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren." Beides meint aber dasselbe, das schon Friedrich Schiller in die unsterblichen Worte fasste: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt."

    Gerne wird im Zusammenhang mit der amerikanischen Ökonomie das Gesetz des Dschungels angeführt, es herrsche nun mal auf einem freien Markt das Gesetz des Stärkeren und dagegen könne man leider nichts machen, der Branchenkenner bezeichnet das als die "echte Marktwirtschaft". Das allerdings ist grober Unfug, den die Zivilsationsleistung des Menschen besteht ja nun gerade darin, das reine Recht des Stärkeren zu Gunsten der Rechte einer ganzen Gruppe eingeschränkt zu haben. Warum sonst, lieber Branchenkenner, sollte denn Mord und Totschlag verboten sein? Und Raub und Diebstahl und Betrug und all das? Und genau das: nämlich die Errichtung von Gesetzen, die ein friedvolles Zusammenleben auch den Schwächeren ermöglicht, wurde ganz selbstverständlich auf die Wirtschaft ausgeweitet, nicht zuletzt um der unbegrenzten Ausbeutung Schwacher durch einzelne Starke Einhalt zu gebieten. Das ging nicht immer friedlich, die Bauernaufstände haben viel Blutvergiessen gefordert, die diversen Weberaufstände quer durch die Jahrhunderte hatten alle denselben ökonomischen Hintergrund: Verarmung durch unzureichende Löhne, Hunger und Not.

    Und eine Marktwirtschaft, wäre Sie denn so frei und ungebunden, hätte sicher auch keine Kartellgesetz, warum denn, soll doch der Größte und Stärkste obsiegen. Wirtschaft wird also immer in irgendeiner Form eingeschränkt und gebunden, um wenigsten den gröbsten Auswirkungen des Rechts des Stärkeren Einhalt zu gebieten - und das ist auch gut so. Wenn Sie wissen wollen, warum Sie in Los Angeles praktisch immer im Stau stehen, und sich dann fragen, warum der ÖPNV völlig unzureichend ist, dann landen Sie unweigerlich bei der Geschichte, wie die Ölkonzerne den Bau eines Strassenbahnnetzes wirksam unterbunden haben - in den 30iger Jahren. Die Stadt leidet noch heute unter diesem "Recht des Stärkeren". Und das existiert leider trotz aller Beschränkungen auch heute noch, wie Bertold Brecht prophetisch formuliert hat: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" Wie wahr: Zuerst beklauen die Banken ihrer Kunden, indem sie ihnen Schrottpapiere verkaufen, dann sind sie auch noch "to big to fail" und müssen mit Steuergeldern gerettet werden, ist das nicht fantastisch? Sie sehen also: es gibt seeeehr gute Gründe, einzelne Wirtschaftsteilnehmer nicht zu groß werden zu lassen, denn sie werden ganz automatisch tun, was eben nur der Stärkere tun kann: Sie werden versuchen Konkurrenten zu vernichten, auszuhungern, um ihre eigene Position zu sichern und die ganz Schwachen, die Kunden, am Ende auch noch zu übervorteilen. Und, falls sie sich dabei verkalkuliert haben, mit Steuergeldern retten zu lassen.

    Heute haben wir in Sachen amazon/Lübbe zwar die Sympathie der Gerichte auf unserer Seite, aber wegen unzureichender Formulierungen im BuchPRG leider nicht "Recht bekommen". Klar geworden ist damit aber auch, daß dieses Gesetz in sich widersprüchlich ist, und das müssen jene verantworten, die es geschaffen haben. Aber im Großen und Ganzen hat das BuchPrG sehr wohl seinen Zweck erfüllt: anders als in England oder Schweden mussten wir in Deutschland nicht das ganz große Buchhandlungssterben verzeichnen, und alle Branchenkenner sind sich einig, daß dies sowohl dem BuchPrG als auch der guten Arbeit der kleinen, lokalen Buchhändler zu verdanken ist.

    LG LB

  • Besorgter Leser

    Besorgter Leser

    Lieber Herr Borsche,

    erst einmal Danke für den Kommentar. Sie haben in vielen Dingen Recht, gar keine Frage, allerdings (und das wissen Sie auch selbst) wird es zu einer Erhaltung des Ist-Zustandes nicht reichen nur gegen den bösen, großen vorzugehen, sondern sich auch bewusst machen, dass sehr wahrscheinlich die Anzahl der stationären Buchhandlungen nach unten gehen wird. Der Grund liegt klar auf der Hand: das Kaufverhalten hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Sicher, den größten Anteil am Kuchen bekommt amazon, das aber auch nicht so furchtbar unverdient, sind sie doch in Sachen Kundenzufriedenheit das Maß der Dinge, von Lieferzuverlässigkeit, etc., ganz zu schweigen.

    Natürlich zahlt der Kunde einen zusätzlichen Preis in Form von Daten. Ihnen werden nun die Haare zu Berge stehen, wenn ich Ihnen sage, daß ich persönlich zielgerichtete Werbung durchaus schätze und schon so manche Neuerscheinung (Buch, DVD, BluRay) erst durch amazon gesehen habe.

    Für mich, nehmen Sie das bitte nicht persönlich, ist diese Aktion verschwendetes Geld gewesen, sinnvoller wäre es eingesetzt in die Kernkompetenz des Buchhandels. Bauen Sie etwas Ähnliches, reden Sie darüber, lassen Sie die Kunden testen, das wird zwar nicht den stationären Handel stärken, aber (und das ist wichtig) sie werden den Gesamtumsatz nicht weg bröckeln lassen. Allemal sinnvoller als einen vollmundigen Prozess zu führen, der zwar Schlagzeilen bringt, schlußendlich aber ein Schuß in den Ofen war.

    Zum Schluß sei noch angemerkt, daß Sie die sozialen Aspekte meiner Kommentare (Stichwort Schnäppchenjäger, sozial Schwächere) vollkommen ausgeklammert haben. Würde aber wahrscheinlich den Ramen hier sprengen, also auch abgehakt.

    LG
    Besorgter Leser

  • Lorenz Borsche

    Lorenz Borsche

    Lieber besorgter Leser,

    >Sie haben in vielen Dingen Recht, gar keine Frage,

    das Kompliment kann/darf ich zurückgeben, und bei so manchem Argument muss ich sagen: Leider.

    >dass sehr wahrscheinlich die Anzahl der stationären Buchhandlungen nach unten gehen wird.

    Damit ist zu rechnen, und ja, das tun wir auch, wir sind nicht blauäuig ;-)

    >Der Grund liegt klar auf der Hand: das Kaufverhalten hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Sicher, den größten Anteil am Kuchen bekommt amazon,

    da allerdings täuschen Sie sich, das ist keineswegs so. Leider erweckt die Presse seit Jahren den Eindruck, es gäbe keinen anderen Buchhändler mehr als amazon. Tatsache ist aber, daß über amazon ca. 20% des Marktes fleissen (ich spreche vom Umsatz mit Büchern, und zwar dem marktgängigen Umsatz, also ca. 5+x Milliarden €). Die Schätzungen schwanken da, aber 20% dürften ein sinnvolles Maass sein.. Ähnlich groß ist Thalia, und Sie sollten den Umsatz der nächstkleineren Ketten nicht unterschätzen (Hugendubel, Mayersche, Schweizer Sortiment, Osiander, Rupprecht etc.) und dann noch die mehreren tausend "normalen" Buchhandlungen. Von denen sind etwa 20% bei uns, und wir haben mit dem Anabel-Zentrallager letztes Jahr zum ersten Mal die 100 Mio € Grenze (VK) durchstoßen. Diese Marktteilnehmer alle zusammen sind also immer noch ca. 4 mal größer als amazon, auch wenn der normale Buchkäufer das nicht glauben mag. Wie gesagt, Presse halt....

    >sind sie doch in Sachen Kundenzufriedenheit das Maß der Dinge, von Lieferzuverlässigkeit, etc., ganz zu schweigen.

    Hier leider ein: Ja, das ist so. Und übrigens meine Rede (intern und extern) seit anno Tobak.

    >Natürlich zahlt der Kunde einen zusätzlichen Preis in Form von Daten. Ihnen werden nun die Haare zu Berge stehen, wenn ich Ihnen sage, daß ich persönlich zielgerichtete Werbung durchaus schätze und schon so manche Neuerscheinung (Buch, DVD, BluRay) erst durch amazon gesehen habe.

    Warum sollten mir die Haare zu Berge stehen? Allerdings berichten genau das auch ganz normale Buchkäufer im Laden. Nicht umsonst hat ja Jeff Bezos, oh Wunder, neulich ganz unvermutet das "physical browsing" entdeckt - man könnte fast meinen, er hätte es erfunden ;-) - und baut jetzt Läden.

    >Bauen Sie etwas Ähnliches, reden Sie darüber, lassen Sie die Kunden testen,

    Lieber besorgter Leser, ich schätze gute Ratschläge, insbesondere, wenn sie fordern, was wir seit langem tun. Daß so etwas nicht einfach ist, können Sie sich vorstellen, denn anders als amazon haben wir keine von Aktionären prall gefüllte Geldbörse zur Verfügung. Das Einsammeln von Investorengeld verursacht die größten Marktverzerrungen, die man sich denken kann. Egal, welches Projekt Sie anschauen, wirklich Innovatives aus den ganz normalen Gewinnen, die auch in anderen Branchen selten mehr als 1-3% des Umsatzes betragen (Ausahme: Apple), zu stemmen, ist sehr, sehr schwer und dementsprechend ein langwieriges Geschäft.

    Wäre der scheinbare Erfolg von Tesla erklärbar ohne daß Elon Musk Megatonnen an Geld im Zweifelsfall auch straflos verbrennen darf? Ich will die Leistung von Bezos wirklich nicht kleinreden, aber dieses Wachstum hätte er ohne Investorenmillionen niemals schaffen können. Nun aber zu uns: vor mehr als zwei Jahren haben wir das Projekt "genialokal" auf die Schiene gesetzt, einen übergreifenden Shop für viele hundert Buchhändler. Ja, sagen Sie, aber das gibt es doch schon lange, Libri-Shop, buchkatalog.de, buchhandel.de.... Nun, schauen Sie es sich an, dann können wir darüber reden, was den Unterschied dieser Shops zu genialokal ausmacht. Wenn das Konzept (alle unter einem Dach = eine Adresse, Flächendeckung, Abholung am selben Tag, falls im Regal - Bestände werden angezeigt - oder am nächsten Morgen etc.pp) funktionieren soll, müssten aber möglichst viele mittun. Da hilft die Konkurrenz durch den Börsenverein per Buchhandel.de natürlich nicht wirklich weiter. Es ist wie in den Bauermkriegen: die Bauern haben verloren, weil sie nicht einig waren, weil sie persönliche Eitelkeiten gepflegt haben, statt im Sinne aller vereint zu kämpfen. Und glauben Sie bloß nicht, dieses Phänomen wäre auf Interessengruppen untereinander beschränkt...

    >das wird zwar nicht den stationären Handel stärken,

    Doch, das ist *ein* Ziel: mit lokaler Kompetenz (Beratung + physical browsing ;-) global, d.h. erstmal landesweit, zu glänzen

    >aber (und das ist wichtig) sie werden den Gesamtumsatz nicht weg bröckeln lassen.

    Und das ist natürlich erst recht ein Ziel, genau darum geht es hauptsächlich.

    >Allemal sinnvoller als einen vollmundigen Prozess zu führen, der zwar Schlagzeilen bringt, schlußendlich aber ein Schuß in den Ofen war.

    Man muss das eine tun (genialokal), aber deswegen das andere nicht unbedingt lassen. Es gibt hier eine große Rechtsunsicherheit. Wenn amazon ein eBook für 0,00 Euro anbietet, aber gleichzeitig in der Referenzpreisliste der - von einem OLG-Urteil bestätigt - bundesweit unbedingt gültige Preis von 9,99 Euro verlangt werden *muss*, dann haben wir ein Problem. Und das geht nicht weg, nur weil man den Kopf in den Sand steckt. Wer hindert amazon daran, jederzeit und solange, bis alle anderen eBook-Portale ausgehungert sind, jeden Freitag von 11-12 alle ebooks für den Kindle kostenlos anzubieten? Wenn Sie dann vor der Entscheidung stehen, einen Tolino oder einen Kindle zu kaufen, gibt es da noch eine freie Entscheidung? Genau das war der Hintersinn des Preisbindungsgesetzes: diesen Markt einmal nicht den Größten und Stärksten zum Fraß vorzuwerfen, damit auch - im Sinne der Vielfalt - die Kleinen eine Chance haben - und damit sind nicht nur Buchhandlungen gemeint.

    >Zum Schluß sei noch angemerkt, daß Sie die sozialen Aspekte meiner Kommentare (Stichwort Schnäppchenjäger, sozial Schwächere) vollkommen ausgeklammert haben.

    Ja, das hatte ich. Sie werden allerdings wenige (ökonomische) Studien finden, die beweisen, daß "Schäppchenjagd" funktioniert, denn gesamtwirtschaftlich muss das immer irgendwie bezahlt werden. Oft genug (bei anderen Produkten) durch mindere Qualität, die dann letzen Endes doch teurer kommt. Und allzu oft finden Sie das Paradoxon, daß gerade sozial Schwächere häufiger als Andere gar nicht wirklich günstig einkaufen (z.B. gerne die Kippen und den Schnaps an der Tanke) bzw. einen gesamtwirtschaftlich "teuren" Lebensstil pflegen (Fertigpizza und Chips => Übergewicht => Diabetes 2) - die Statistken hierzu sind leider eindeutig.

    Last-not-least: was war zuerst: Henne oder Ei? Der unterbezahlte Billigjob beim "Schnäppchenanbieter" oder das Verschwinden normaler Jobs durch die Konkurrenz eben jenen "Schäppchenanbieters"? Das Verschwinden "normaler" Läden auf den Einkaufsmeilen, in deren Lücken dann Luxus-Ketten und Dönerläden gestoßen sind - oder die ungebremst und übelst ausbeuterischen Ladenmieten durch gierige Vermieter? Wo können Sie heute nochin Ihrer Einkaufsstrasse Schrauben und Haken und Ösen kaufen, ganz normalen Alltagskram also, ausser auf der grünen Wiese im Riesenbaumarkt? Ich kenne noch einen solchen Laden, da können Sie eine Unterlegscheibe oder einem Dichtungsring hinlegen, und der Verkäufer zieht eine seiner hunderttausend Schubladen auf und präsentiert Ihnen das passende Stück in neu. Und verkauft Ihnen das gewünschte Federchen, den Schrankknauf oder was es auch ist, einzeln! Les temps perdu....

    Darüberhinaus: Schäppchenjagd ist nicht per se ein "soziales" Thema, aber leider ein zutiefst neuro-psychologisches. Bekanntermaßen löst, Hirnscans beweisen das, schon alleine der *Anblick* des %-Zeichens ein Belohnungsgefühl aus. Was die Werbestrategen leider genau wissen.

    Und was Bücher angeht: das billigste Buch ist immer noch das in der Bibliothek ausgeliehene. Seltsamerweise sind die Nutzer öffentlicher Leihbüchereien auch gleichzeitig die fleissigsten Buchkäufer, und zwar mit großem Abstand! Erklären Sie mir das ;-)

    LG LB

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