Interview mit Hartmut Falter von der Mayerschen

"Wir schaffen Kultur"

Bücher sind wertvoll. Daran sollten sich ihre Preise und ihre Inszenierung orientieren. Mayersche-Chef Hartmut Falter über den Handel mit Genüssen – und über die nächsten Neueröffnungen. INTERVIEW: TORSTEN CASIMIR, CHRISTINA SCHULTE

Hartmut Falter

Hartmut Falter © Mayersche Buchhandlung

Im stationären Sortiment sind die Umsätze laut Branchen-Monitor Buch bis Ende November um 2,8 Prozent zurückgegangen. Wo verortet sich die Mayersche kurz vor Jahresschluss?
Hartmut Falter: Kurz vor Jahresschluss liegt ein Großteil unserer Läden bei einer "schwarzen Null", also bei stabilen Umsätzen. Einige wenige Buchhandlungen tendieren leicht negativ, einige wiederum äußerst positiv. Insofern liegen wir offensichtlich besser als der Branchenschnitt.

Viele Ihrer Kollegen im Buchhandel plädieren für höhere Bücherpreise, um den insgesamt sinkenden Umsätzen entgegenzuwirken. Welche Meinung vertreten Sie? Haben höhere Bücherpreise – Beispiel Ken Follett – ungünstige Auswirkungen auf die Absatzzahlen?
Höhere Preise sind richtig und wichtig für die Buchbranche. Ken Folletts Roman "Das Fundament der Ewigkeit" ist ein Beispiel, das wir sehr begrüßen. Leider sind die Kunden in den letzten Jahren in die falsche Richtung geführt worden. Das Buch als Kulturgut hat einen besonderen Wert. Eben jene Wertigkeit darf von unserer Branche nicht missachtet werden, es darf nicht dazu kommen, dass das Buch als minderwertig wahrgenommen wird. Eine einmalige Anhebung des Preises halte ich allerdings für deutlich sinnvoller als Anhebungen in vielen kleinen Schritten. Einzeldiskussionen über etwaige Preiselastizitäten sind müßig und vernebeln die Notwendigkeit, das Richtige zu tun.

Viele Händler klagen über eine rückläufige Passanten- und Kundenfrequenz. Wie nehmen Sie das für Ihre Filialen wahr? Gibt es große Unterschiede zwischen Ihren einzelnen Standorten?
Ja, die gibt es. Die Mayersche hat signifikante Zuwächse in Mittel- und Nebenzentren sowie Stadtteillagen zu verzeichnen. Unsere Passanten- und Kundenfrequenzen sind insgesamt stabil. Sorgen machen wir uns vielmehr um die Frequenzen anderer Händler und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Städte.

Verstehe ich Sie richtig, dass immer mehr Kunden wohnortnah in ihren Stadtteilen bleiben und nicht mehr in die Zentren gehen?
Ja. Deshalb kommen wir den Kunden entgegen. Mit der Mayerschen und den Mayersche Shops im Nebenmarkt.

Wie erklären Sie sich den Rückgang der Passantenzahlen in vielen Citylagen?
Das Einkaufsverhalten hat sich verändert. Man schätzt vermehrt das Angebot vor Ort. Die Kunden legen immer mehr Wert darauf, bewusst lokale Händler zu unterstützen. Für den Fall, dass man ein Buch benötigt und die Buchhandlung geschlossen hat, haben wir in Aachen einen Buchautomaten, bereits den zweiten in der Stadt, an unserer Buchhandlung aufgestellt – "24h-Buchnotdienst" –, in dem von unseren Buchhändlern ausgewählte Bücher zum Kauf rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Geld einwerfen, Buch ziehen: So schnell ist nicht mal der Online-Versandhandel. Wir planen, das Konzept Buchautomat weiter auszubauen.

Eignet sich dieser Service für alle Lagen und Filialgrößen, oder funktioniert er nur unter bestimmten Bedingungen?
Das wissen wir noch nicht. Wir arbeiten uns von Groß nach Klein durch.

Wie könnte der negativen Entwicklung in den Stadt­zentren entgegengewirkt werden?
Darauf gibt es nur eine Antwort: Qualität und Erlebnisse für unsere Kunden! Im nächsten Jahr werden wir weitere Buchhandlungen eröffnen. Davon wird jede ein eigenes Café haben. Für sehr viele gehören das Buch und ein Kaffee oder Tee einfach zusammen. Diese zwei Genüsse kombinieren wir in der Mayerschen. Wir wollen unseren Kunden zum Buch die Möglichkeit des Verweilens bieten. Am besten geht das bei einer Tasse Kaffee in schönem Ambiente. Wir schaffen dadurch einen Ort zum Wohlfühlen – eine Art analogen Rückzugsort. Wer live sehen will, wie unsere Zukunft des Buchhandels aussehen wird, den laden wir herzlich in die Mayersche nach Ratingen ein.

Die Forscher der GfK zeigen, dass seit einigen Jahren die Zahl der Buchkäufer deutlich zurückgeht, sogar viele bisherige Vielkäufer wenden sich ab. Wie wirkt sich dieser Trend in Ihrem Unternehmen aus? Und welche Erklärungen haben Sie bisher für den Käuferrückgang?
Zunächst sollte man festhalten, dass Schwankungen bei soziodemografisch sortierten Käufergruppen und bei Warengruppen normal sind. Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Kunden wird immer größer. Und genau diesen gilt es zu gewinnen. Dabei sollte man aber nicht nur auf das Medien- und Kommunikationsverhalten schauen: Unseren Kunden vor Ort bieten wir Lesungen, Autogrammstunden, Themenabende und vieles mehr. Wir schaffen Kultur in den Städten! In unseren Buchhandlungen schaffen wir eine angenehme Wohlfühl-Atmosphäre. Zusätzlich zu unserem KaffeeFleck entsteht diese auch durch unser Servicekonzept: kostenloses WLAN, bequeme Sitzgelegenheiten, warmes Licht und Vintage-Elemente, wie es in unseren neuen Buchhandlungen zu sehen ist.

Das Konzept KaffeeFleck folgt der Idee, dass Kunden ein Buch und eine Tasse Kaffee gern gleichzeitig erleben

Das Konzept KaffeeFleck folgt der Idee, dass Kunden ein Buch und eine Tasse Kaffee gern gleichzeitig erleben © Mayersche Buchhandlung

Bei der GfK ist von sechseinhalb Millionen weniger Buchkäufern binnen fünf Jahren die Rede. Das wäre keine Schwankung, sondern ein Erdrutsch. Das Buch droht seinen Status als Leitmedium zu verlieren. Wie kann die Branche die Entwicklung stoppen und wieder umkehren?
Indem wir die Sichtweise ändern. Weg vom Medienverhalten, welches wir nicht ändern können, und hin zum Produkt, mit dem wir handeln. Ein "Hochpositionieren" in vielfältiger Form. Unser Maßnahmenplan 2018 lautet: hochwertige Ware, hochpreisige Ware, Erlebnis zum Kauf vermitteln, Genuss erzeugen, Tauschbörsen anbieten, Sortimentsauswahl teilweise den Kunden übertragen. In diese Richtung arbeiten wir. Eventuell passt das nicht zu jeder Buchhandlung. Aber zu unserer Marke passt es auf jeden Fall.

Welche Rollen spielen Onlinehandel und Tolino für die Mayersche?
Der Onlinehandel und Tolino sind wichtig für die Mayersche. Zwar bewegt sich der Anteil am Umsatz noch im niedrigen einstelligen Bereich, ist jedoch konstant zweistellig im Zuwachs. Unsere Tolino-Zahlen sind ebenfalls steigend und ermuntern uns, dieses Feld auszubauen.

Die Mayersche hat sich Ende April öffentlich auf die Suche nach Verlagen gemacht, die Tische gegen Gebühr bestücken wollen. Welche Bilanz ziehen Sie zum Jahresende?
Ein Werbekostenzuschuss für die Platzierung von Toptiteln ist seit Jahren üblich – im gesamten Handel und auch im Buchhandel. Wer das nicht sehen möchte, ignoriert wirtschaftliche Zusammenhänge zwischen Platzierung und Umsatzentwicklung auf Titelebene. Wir bieten den Büchern Top-Plätze in hochfrequentierten Standorten und attraktiven Buchhandlungen. Wenn das nichts wert sein soll, verkauft man seine Leistung definitiv unter Wert.

Die Nebenmärkte sind ein wachsendes Segment, mit Best of Books sind Sie darin vertreten. Wie laufen die Geschäfte abseits des Buchhandels?
Die Nebenmärkte waren bisher sehr preis- und sellergetrieben. Jetzt gehen sie auf ein Trading-up zu: Kompetenz und Atmosphäre werden immer wichtiger. Das kommt unserem Know-how als Buchhändler sehr entgegen. Auch im Nebenmarkt haben wir Wachstumsziele.

In Ihrem Unternehmen bilden Sie intensiv aus und haben auch in diesem Jahr ungewöhnlich viele neue Azubis eingestellt. Wie schaffen Sie es, für die jungen Leute, von denen etliche studieren wollen, attraktiv zu sein? Und wie halten Sie sie nach der Ausbildung im Unternehmen?
Die Marke Mayersche, ein Familienbetrieb, ist für sehr viele junge Leute etwas Besonderes. Viele sind mit uns groß geworden. In diesem Jahr haben wir 52 neue Azubis eingestellt, somit liegen wir derzeit bei 114 Azubis insgesamt. Unsere Kooperation mit dem mediacampus in Frankfurt ist dabei ein wesentlicher Baustein für unseren Erfolg in der Ausbildung junger Menschen. In Zukunft werden wir die Zusammenarbeit noch weiter intensivieren, um unserem Nachwuchs die bestmögliche Ausbildung bieten zu können. Wir haben keine Schwierigkeiten, genügend Bewerber zu finden, das Gegenteil ist der Fall. Im Anschluss an die Ausbildung bleiben die guten bis sehr guten Azubis bei uns im Unternehmen. Es macht uns große Freude, junge Menschen in der Mayerschen zu haben: Wir brauchen ihren Spirit, um innovativ zu bleiben.

Mit Osiander verbindet Sie eine enge Kooperation. Welche Vorteile ziehen Sie aus der Zusammenarbeit? Wo stoßen Sie in der Kooperation an Grenzen?
Aktuell entwickeln wir gerade ein identisches IT-"Nerven­system" mit SAP. Wenn es fertig ist, wird es in zwei unabhängigen, freundschaftlich verbundenen "Körpern" mit verschiedenen Seelen funktionieren. Das ist der jeweiligen Regionalität und unseren individuellen Charaktern geschuldet. Und das ist auch richtig so.

Sie wachsen auch durch Übernahmen. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit eine Buchhandlung für Sie interessant ist?
Interessant wird eine Buchhandlung für uns, wenn diese vor Ort Marktführer ist, sich in guter Lage befindet und mindestens 500.000 Euro Umsatz verbuchen kann. Derzeit haben wir sehr viel mehr Angebote auf dem Tisch als wir realisieren könnten. Wir hoffen aber, viele davon in die Tat umsetzen zu können.

Wie sehen Ihre Expansionspläne für die kommenden Jahre aus?
Wir haben viel vor für die kommenden Jahre. Die Mayersche blickt zum Ende ihres Jubiläumsjahrs auf stolze 53 Buchhandlungen, und dabei wird es nicht bleiben. In Düsseldorf auf der Kö haben wir unseren Vertrag gerade erfolgreich verlängert. Im kommenden Jahr werden wir weitere Buchhandlungen eröffnen. Im Februar starten wir in den Räumen von Köln Buch in Köln-Deutz und im Frühjahr erfolgt die Übernahme der renommierten Johann ­Schumandl Buchhandlung am Chlodwigplatz in Köln. Bis Ende 2018 sollen es 60 Buchhandlungen sein; in fünf Jahren wird es dann voraussichtlich 100 Mayersche-Buchhandlungen geben.

Was halten Sie von der Diskussion über die "Spiegel"-Bestsellersiegel? Haben die eine Orientierungsfunktion, oder läuft das Bestsellergeschäft auch ohne den "Spiegel"?
Wir nutzen die "Spiegel"-Charts im Laden. Aber das Thema ist überbewertet. Wir können jederzeit auf "Mayersche Bestseller" umstellen.

Die Mayersche

Gegründet: 16. September 1817
Buchhandlungen: 53, davon sind 20 Übernahmen
Wachstumsziel 2018: 60 Buchhandlungen
Stammhaus: Buchkremerstraße 1–7 in Aachen
Mitarbeiter: ca. 1.000
Auszubildende: 114
Vorsitzender der Geschäftsführung: Hartmut Falter
Gesamtumsatz 2016: 155 Millionen Euro (geschätzt)

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