Interview mit Mathias Jeschke

"Wachsendes Ohr für Gedichte"

Lyrik erlebt derzeit ein Hoch, das sich nur ausnahmsweise in Verkaufszahlen niederschlägt. Große Auftritte gönnt man der Gattung selten, doch "Lyrik schafft Raum für ein Verstehen von Einzelheiten und ihren Zusammenhängen jenseits aller rationalen und vordergründigen Erklärungsversuche", meint Mathias Jeschke, Herausgeber der Reihe Lyrikpapyri im Horlemann Verlag. Ein Interview.

Durchlebt die (deutschsprachige) Lyrik derzeit eine besonders schöpferische Phase?
Ja, das ist offensichtlich. Wenn es noch ein letztes Zeichen dafür gebraucht hätte, dann liegt es spätestens mit der Verleihung des Leipziger Buchpreises an Jan Wagner für seinen Gedichtband „Regentonnenvariationen“ vor.
Ein anderes, nicht zu übersehendes Indiz ist das – seit mindestens zehn Jahren bemerkbare – Aufkeimen und Blühen zahlreicher Independent-Verlage abseits der großen Marketingkonzepte und Konzernstrategien, gehegt und gepflegt von ebenso herzlichen wie herzhaften Menschen, die nicht den Profit im Sinn haben (zumindest nicht zuerst), sondern sich leidenschaftlich für das dichterische Wort und seine Verbreitung begeistern und einsetzen. Und mit Ulf Stolterfoht hat zuletzt sogar ein Lyriker selbst einen Verlag gegründet, die bemerkenswerte Brüterich Press.
Ich mutmaße, dass wir die 1989 definierte, sogenannte Enzensberg‘sche Konstante von ±1354 Lyriklesern in jeder Population zumindest im deutschsprachigen Raum inzwischen überwunden haben.

Was zeichnet das Konzept der Reihe Lyrikpapyri aus?
Spaßeshalber hatte ich, als wir im Jahr 2012 anfingen, die Devise ausgeworfen: Wir verlegen Lyrik, die nicht aus Berlin kommt. Das aber ist schwer zu halten, da zwar entscheidende Impulse aus der Provinz kommen und es auch noch viele andere Städte gibt, in denen Gedicht von Belang geschrieben werden, Berlin jedoch – trotz steigender Mieten – immer noch ein Sammelbecken zu sein scheint für in die literarischen Künste Verliebte. Schon Band 10 (Rainer Stolz: "Selbstporträt mit Chefkalender") stammte von einem Berliner Autor, und mit dem 15. Band der Reihe werden erstmals Gedichte einer in Berlin lebenden Lyrikerin, der wunderbaren Bianca Döring, erscheinen.
Wir verlegen deutschsprachige Lyrik lebender Autorinnen und Autoren, die wir selbst gern lesen, die eine eigene, charakteristische Stimme im lyrischen Konzert zu Klingen bringt und die uns relevant zu sein scheint im Hinblick auf die Heranbildung und Fortentwicklung eines lyrischen Bewusstseins in unserer Gesellschaft. Das bedeutet, die Gedichte, die wir verlegen, sollen sowohl das Geheimnis benennen und bewahren, als auch für mehr als ein Fachpublikum die Lust an der Lektüre wecken.

Ist das Interesse der Öffentlichkeit und der Leser an Lyrik in den vergangenen Jahren gestiegen?
Man wird ja schnell betriebsblind… – ich wünsche es der Öffentlichkeit auf jeden Fall, dass sie ein wachsendes Ohr für Gedichte bekommt. Die Öffentlichkeit ist ja eine schwer zu umreißende Größe, selbst wenn wir sie in Bezug setzen zur Lyrik. Mit den Lesern von Lyrik scheint es irgendwie einfacher zu sein.
Das Internet scheint inzwischen ein Synonym für Öffentlichkeit zu sein. Und das Internet ist zudem ein wunderbar fruchtbares Feld für die Vermittlung von Lyrik. Nicht aufzuzählen die tollen Seiten, auf denen es um die Lyrik geht. Als prominentestes Beispiel sei hier lyrikline.org genannt.

Könnte Lyrik im Markt mehr Käufer finden als derzeit?
Um mit der Antwort mal so zu beginnen: Lyrik entsteht immer marktunabhängig. Kein Mensch sagt sich, ich will reich werden, also schreibe ich Gedichte. Eher das Gegenteil ist der Fall. Wer Gedichte schreibt, weiß, dass er vermutlich keinen Blumentopf damit ernten wird. Wer anderes glaubt, ist entweder Illusionist oder gehört dann irgendwann zu den fünf bis zehn Ausnahmen, die mit ihren Gedichten tatsächlich Geld verdienen.
Zum zweiten: Wenn wenigstens die Gemeinde der Lyrikschreibenden die Bände der Kollegen kaufen würde, wäre viel gewonnen. Aber es gilt immer noch: Es werden mehr Gedichte geschrieben als gelesen.
Und nicht zuletzt: Wenn es gelänge, mehr Menschen für Gedichte zu begeistern, gäbe es mehr glückliche und im besten Sinne selbstbewusstere Menschen auf dieser Welt.

Wie könnte die Vermittlung von Lyrik verbessert werden?
Ich erlebe an vielen – auch offiziellen – Stellen eine große Offenheit der Lyrik gegenüber. Aber vermutlich bleibt alle Lyrik-Vermittlung doch immer abhängig von persönlichen Vorlieben. Mit Romanen kann man eben viel eher Staat machen. So manches Literaturhaus in Deutschland stürzt sich auf aktuelle Prosaneuerscheinungen, die großen Namen und gesellschaftlich und politisch relevante Themen und könnte doch gut und gerne eine gehörige Portion Lyrik mehr vertragen. Denn Lyrik schafft Raum für ein Verstehen von Einzelheiten und ihren Zusammenhängen jenseits aller rationalen und vordergründigen Erklärungsversuche. Lyrik eröffnet eine Perspektive auf die Welt in einer Weise, die verwandt ist mit Träumen, Bildern und Musik.

Was kann der Buchhandel tun?
Meist ist das im Buchladen gut versteckte Lyrikregalfach nicht wirklich voll, es finden sich jeweils ein Band Hesse, Kästner, Kaleko und Ringelnatz, und wird dann – wenns gut läuft – mit Märchen und Sagen, – wenns nicht gut läuft – mit Lebenshilfeliteratur aufgefüllt.
Der Buchhandel könnte aber tatsächlich eine Menge tun! Wenn keine sachkundige Buchhändlerin unter den Kollegen ist, gibt es vermutlich doch an jedem Ort jemanden, der ein leidenschaftlicher Lyrikleser ist und meist sind diese Menschen als Käufer auch aktenkundig. Warum nicht mal ein Gespräch führen über Gedichte mit so jemandem, ihn zu einer Neuerscheinungspräsentation als Fachmann einladen. Zudem habe ich schon zahlreiche Lesungen mit Lyrikerinnen und Lyrikern miterlebt, nach denen Leute, denen in der Schule diese absurde Furcht vor Gedichten beigebracht wurde, sagten, das hätte ich nicht gedacht, dass ich mit Gedichten tatsächlich etwas anfangen kann. Die Bedeutung der meisten Romane wird generell überbewertet – warum nicht einfach mal eine Dichterin oder einen Dichter einladen und sich wirklich überraschen lassen von etwas Fremdem. Und das soll die Lyrik bitte immer bleiben: fremd und überraschend!

roe

Mathias Jeschke ist Diplom-Theologe und arbeitet als Verlagslektor bei der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart. Er schreibt Gedichte (zuletzt "Der Fisch ist mein Messer", edition AZUR, Dresden 2014) und Bilderbuchgeschichten (zuletzt "Was meine Eltern von mir lernen können", Hinstorff Verlag, Rostock 2015). Jeschke ist außerdem Herausgeber der LYRIKPAPYRI, einer Reihe mit deutschsprachigen Gedichtbänden, die seit 2012 im Horlemann Verlag erscheint.

2 Kommentar/e

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  • Günther Fetzer

    Günther Fetzer

    Wie muss ich mir "ein wachsendes Ohr" vorstellen? Oder ist das die neue Lyrik?

  • Nikola Hahn

    Nikola Hahn

    Ich erlaube mir, an hier den mir sehr geschätzten und leider schon verstorbenen Lyrik-Verleger Theo Czernik zu Wort kommen zu lassen, der mehr als 25 Jahre lang ausschließlich Lyrik verlegt hat:

    "Lyrik gilt als schwer zugänglich, nur wenige beschäftigen sich mehr oder weniger intensiv mit ihr, dabei begegnen wir ihr täglich, denken wir nur an die Songtexte der Rock- und Popmusik, sogar in der Werbung hat sie mit ihrem ins Ohr gehenden Rhythmus und Reim Eingang gefunden. Trotzdem sehen Verlage – ohne es laut zu sagen – im Lyriker eine Art persona non grata, denn er stellt für sie ein Wagnis dar, läßt sich doch ein Gedichtband nur mit einer soliden Reihe von Bestsellern und Sachbüchern im Hintergrund ins Auge fassen – ein Spagat zwischen Geld und Geist, falls man sich überhaupt darauf einläßt. Theater, Orchester und sogar TV-Sender erhalten staatliche Subventionen, Verlage dagegen stehen in der Kulturlandschaft im Regen. Es gibt beim Buchhändler manche gefragte Lyrikausgaben, z. B. von Hilde Domin, Sarah Kirsch oder Paul Celan, aber Bestseller sucht man vergeblich. Das liegt, sagt man, in der Natur der Poesie, an der Ansprechbarkeit des Lesers, der durch einfühlendes Mitschwingen den interseelischen Vorgang im Dichter nachvollziehen soll. Das ist ein absolut subjektives Unterfangen. Aber auf alle Fälle sollte das Buch eine echte Begegnung sein, eine Erfahrung, sonst ist es nur Zeitvertreib, und das ist für den Lyriker zu wenig.

    Gegenwärtig überfluten zu viele austauschbare Bücher den Markt, Bestseller nicht ausgenommen, Gedichtbände dagegen sind einmalig wie die Papillarlinien unserer Fingerkuppen. Gedichte können berühren, sollen und wollen Antworten geben, vermögen zu trösten. Christoph Meckel sagt zwar in seiner „Rede vom Gedicht“, das Gedicht sei nicht der Ort, wo das Sterben begütigt, der Hunger gestillt und die Hoffnung verklärt wird, und Marcel Reich-Ranicki meint, trösten und besänftigen könne uns die Lyrik nicht. Und doch kann es niemandem verwehrt werden, Verse auf seine persönlichen Stimmungen anzuwenden, sie als tröstlich zu empfinden, in den Worten eines Fremden sich selbst zu erkennen oder im Gedicht das zu sehen, was wir gerne verdrängen oder vergessen: ein modernes Gebet. (...)

    Wenn Lyrik eine Randerscheinung ist, dann liegt es an einem kleinen, aber einflußreichen Kreis, der einer experimentellen und zuweilen hermetisch verschlüsselten Lyrik den Vorzug gibt, die für eine dünne Schicht von Insidern bestimmt ist – an das Interesse einer breiteren Leserschaft wird nicht gedacht, dabei ist es vorhanden. Es liegt am Inhalt. Daß man in Buchhandlungen keine Lyrik­ecken mehr findet, hat noch einen anderen Grund. Heute schafft es kein Buchhändler mehr, seine Titel nur ein halbes Jahr auszustellen, schon rollt die nächste Buchlawine durch das Land und spült gnadenlos alles weg, was nicht im Regal festgeschraubt ist. Dominiert wird der Markt durch Großkonzerne, die mit marktwirtschaftlichem Killerinstinkt andere Verlage an die Wand drücken oder kaufen und damit deren Identität verwässern. Zum Glück macht diese Fusionitis mit ihrer nivellierenden Gleichmacherei vor kleineren Verlagen halt, denn die sind für sie uninteressant mit ihren eigenen Schwerpunkten, die für kleinere Leserzielgruppen gedacht sind. Es sind gerade diese kleinen Verlage, die Farbe in die Szene bringen. In ihrem Umfeld finden Autoren noch ei­ne verlegerische Heimat. (...)"
    (aus: T. Czernik, Beschwörungen, Hockenheim, 2001, Nachdruck mit frdl. Genehmigung)

    Warum ich Gedichte schreibe?
    "Romane sind wie mehrgängige Menüs: opulentes Vergnügen für mußevolle Abende. Kurzgeschichten: ein heiteres Picknick im Park – und Gedichte? Ein Gedicht ist ein handgemachtes Praliné: eine Köstlichkeit, die ich mir zu einem guten Kaffee auf der Zunge zergehen lasse. Die feinen Aromen entfalten sich nur, wenn ich achtsam bin. Und nicht zu viel auf einmal nasche. Ich liebe üppige Menüs – aber ist das ein Grund, auf Pralinés zu verzichten?" (Nikola Hahn, Singende Vögel weinen sehen. Handypoesie)

    „Wer Gedichte schreibt, weiß, dass er vermutlich keinen Blumentopf damit ernten wird.“ - Ja, aber der wunderbare Strauß Blumen, den man stattdessen in Kopf und Seele erzeugen kann, wiegt das mehr als auf.






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