Jahrestagung der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft

Der vernetzte Leser

Wie man in 20, 30 oder 50 Jahren lesen wird, war die Ausgangsfrage der Konferenz "Die Zukunft des Lesens" vom 20. bis 22. September, zu der die Internationale Buchwissenschaftliche Gesellschaft (IBG) Literaturwissenschaftler, Verleger und Journalisten ins Münchner Literaturhaus eingeladen hatte. NICOLA BARDOLA

Auf dem Podium Tanja Graf, Torsten Casimir, Felicitas von Lovenberg (von links)

Auf dem Podium Tanja Graf, Torsten Casimir, Felicitas von Lovenberg (von links) © Nicola Bardola

Henning Lobin

Henning Lobin © Nicola Bardola

"Kognitive Prozesse waren bislang an das menschliche Gehirn gebunden. Mit vernetzten Computern, insbesondere solchen, die intelligentes menschliches Verhalten zu simulieren erlauben, hat der Mensch auch diese letzte Exklusivität verloren", erklärte Henning Lobin, Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Universität Gießen zum Auftakt der Jahrestagung der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft. 

Unter dem Motto "Die Zukunft des Lesens" diskutierten Vertreter aus Wissenschaft, pädagogischer und unternehmerischer Praxis und der Kulturpolitik im Literaturhaus München drei Tage lang über aktuelle Fragen: Welche Auswirkungen auf den Prozess des Lesens haben Bildschirmmedien? Vernetzen sich bald Lesegeräte miteinander und tauschen abgestimmt auf die Bedürfnisse des Nutzers Geschichten aus? Werden Verlage zu Rechenzentren und Distributoren digitaler Texte? Werden Buchhandlungen und Bibliotheken zu Treffpunkten für Digital Natives?

Henning Lobin bezog sich mit seinen Thesen auf den Philosophen Luciano Floridi, der die Digitalisierung als die vierte in einer Serie von Revolutionen unseres Weltbildes versteht ("Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert", Suhrkamp 2015, 314 S., 29,95 Euro). Demnach haben die Revolutionen der Physik (Kopernikus), Biologie (Darwin) und Psychologie (Freud) den Menschen eine Serie von Niederlagen zugefügt, die sich aber für die Wissenschaft als fruchtbar erwiesen. "Der Mensch hat nun also auch das Kennzeichen verloren, das ihn seit der Antike nach Ansicht der Philosophen exklusiv ausgezeichnet hat: der Mensch als das 'Lebewesen, das die Sprache besitzt'." Lobin sieht das Aufkommen einer Multimodalität in der Literatur und damit einhergehend eine Abkehr von der Dominanz der Schrift entsprechend dem Trend zur Visualisierung. Texte wandelten sich zu reich gegliederten und vielfältigen Zeichenflächen.

Steffen Meier

Steffen Meier © Nicola Bardola

Mögliche Konsequenzen daraus für die Schriftkultur verdeutlichte Steffen Meier, Herausgeber des "digital publishing report" im Vortrag "Wonach riechen elektrische Bücher? Lesen und Literatur im Jahr 2050". Steffen Meier betonte, dass heute mehr gelesen wird, als je zuvor, aber anders. Er sprach vom "bedruckten toten Holz" als einer Technik von gestern und skizzierte künftige Lektüren als fluide Netzwerkprozesse ohne Anfang und Ende um abschließend zu formulieren: "Lesen wir dann noch? Nein, wir brauchen das nicht."

Schon Wochen vor Tagungsbeginn wurden die Teilnehmer aufgefordert, sich mit neuen Formen des Lesens zu beschäftigen. Dazu gehörte die Social Reading Anwendung "Lectory", womit in einem geschützten Raum gelesen und über das Lesen im digitalen Zeitalter diskutiert wurde. Zudem hatten Schulklassen "Lectory" für den Unterricht getestet und berichteten überwiegend positiv von ihren Erfahrungen.

Philippe Wampfler, Albert Hoffmann (von links)

Philippe Wampfler, Albert Hoffmann (von links) © Nicola Bardola

Philippe Wampfler, Gymnasiallehrer und Dozent an der Universität Zürich betreibt den Blog "Schule und Social Media" und diskutierte mit Albert Hoffmann, der für seine web-basierten Programme zur Leseförderung "Antolin" und "Onilo" bekannt ist. Hoffmann konstatiert stark schrumpfende Textmengen in Sachbüchern für Kinder, aber nach wie vor große Beliebtheit umfangreicher Romane. Bei vielen Gemeinsamkeiten, was den Ausbau digitaler Klassenzimmer betrifft, zeigten sich Differenzen zwischen Hoffmann und Wampfler bei der Interpretation der Hilfsmittel und der Unterrichtsgestaltung. Wampfler betonte die zunehmende Bedeutung hybrider Textwelten und der Medienkonvergenz. Er versteht die vielfältigen Formen des Lesens auch auf Smartphones und die neu hinzu gekommenen Textsorten sowie den Belohnungscharakter in sozialen Netzwerken als Chance und erklärt das im Buch "Digitaler Deutschunterricht. Neue Medien produktiv einsetzen" (Vandenhoeck & Ruprecht 2017, 160 S. Euro 20). Wichtig sei die emotionale Beziehung zu Texten: "Ich will Lust machen, Sprache zu gebrauchen", so Wampfler, schließlich entwickelten sich ja aus Facebook-Posts inzwischen gedruckte Bücher mit Bestsellerpotential, wie aktuell Stefanie Sargnagels "Statusmeldungen" (Rowohlt 2017, 304 S., 19,95 Euro).

Martina Tittel, Geschäftsführerin der Nicolaischen Buchhandlung, der ältesten Berlins, wagte einen Blick in eine Buchhandlung des Jahres 2050. Einerseits rechnet Tittel damit, dass Verlage, Spieleindustrie, Radio und Fernsehen verschmelzen und sich ihre Erzeugnisse immer mehr zu einem Produkt fügen werden, andererseits nannte sie zahlreiche Beispiele dafür, wie stationärer und Online-Handel verzahnt werden können. Sie ist sicher, dass besonders schöne Papierprodukte überleben werden. "Sie können im Themenclub – vormals Buchhandlung – gekauft oder bestellt werden", so Tittel. Sie verwies auf das Buch "Buchstaben im Kopf: Was Kreative über das Lesen wissen sollten, um Leselust zu gestalten" von Antonia Cornelius (Verlag Hermann Schmidt, Oktober 2017, 180 S., 35 Euro), worin gezeigt wird, wie man Texte besser in Szene setzt.

Bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion unter dem Titel "Der vernetzte Leser – Herausforderungen für Verlage zwischen Utopie und Dystopie" erinnerte die Leiterin des Literaturhauses und Moderatorin des Abends Tanja Graf daran, dass sie als Buchhändlerin vor etwa 35 Jahren Buchbestellungen noch per Lochstreifen abgab. "Das Tempo der Veränderungen ist hoch, aber der Mensch wird immer lesen, schauen und lernen wollen", sagte sie und verwies auf Literaturhäuser und Buchhandlungen als zunehmend attraktive Begegnungsstätten für Live-Erlebnisse. Das bestätigte Klaus-Rainer Brintzinger, Direktor der Universitätsbibliothek München, und sprach von einem Boom der Bibliotheken: "Sie werden immer voller. Offenbar besteht ein soziales Bedürfnis nach Räumen mit einer Atmosphäre, die kollaboratives Arbeiten fördert und Bedürfnisse der Gemeinschaft der Lesenden befriedigt." Brintzinger zog die Parallele zur Musikindustrie, verwies auf die sehr teuren Eintrittskarten für ausverkaufte Konzerte beispielsweise der Rolling Stones. Er interpretierte die willkommene Live Performance als Reaktion auf die zur Vereinzelung beitragende Digitalisierung.

Torsten Casimir, Chefredakteur des Börsenblatts, dämpfte die Euphorie. Positive Prognosen für die Aura der Treffpunkte für Leser ließen sich nicht auf die Zukunft des Lesens übertragen: "Ich bin überzeugt, dass wir den stationären Buchhandel, wie er sich heute darstellt, noch lange so sehen werden. Aber es gibt Gefahren. 2016 haben wir über zwei Millionen Buchkäufer verloren. Das ist dramatisch: Wir müssen Buchkäufer und Leser zurückgewinnen. Deshalb gilt es, sich verstärkt für die Sichtbarkeit des Buches zu engagieren."

Frank Sambeth, Klaus-Rainer Brintzinger, Steffen Meier (von links)

Frank Sambeth, Klaus-Rainer Brintzinger, Steffen Meier (von links) © Nicola Bardola

Felicitas von Lovenberg, Leiterin des Piper Verlags verwies darauf, dass das gedruckte Buch auch für die Glaubwürdigkeit des Autors eine große Rolle spielt. Es bringe Kompetenz zum Ausdruck. "Das Buch gilt in Deutschland als Leitmedium. Vielleicht büßt es diese Stellung gerade ein. Wir sind gefordert, das Medium Buch und auch die Freude am Lesen neu zu vermitteln." Damit ist sie einer Meinung mit Frank Sambeth, CEO der Verlagsgruppe Random House, der größtmögliche Leserschaft für die Bücher auf allen Kanälen erzielen will. "Wir spielen gemeinsam mit dem Autor und dem Handel ein großes Vermarktungskonzert. Dabei geht es um den Inhalt, weniger um die Ausgabeform. Was zurzeit geschieht, ist aber nicht digitallastig, was man vor einigen Jahren noch vorausgesagt hat, sondern sehr printlastig. Das gedruckte Buch bleibt relevant“, so Sambeth. Für ein Zukunftsszenario, das in die Richtung digitalen Lesens ginge, sieht er sich gut gerüstet: „Wir hätten die Inhalte dafür."

Zweifel an dieser Zuversicht der Buchbranche äußerte Steffen Meier: "Falls dem gedruckten Buch das Schicksal der Vinyl-Schallplatte bevorsteht, dann hat das für die Buch-Betriebe enorme Konsequenzen", warnte Meier und wies darauf hin, dass das aktuelle Vinyl-Revival angesichts der Entwicklung der vergangenen 20 Jahre unbedeutend sei. Er lehnt die Vorstellung ab, digitale Medien seien ein Add-on zu den bestehenden analogen. Die Anteile digitaler Medien am Medienzeitbudget steige rasant auch auf Kosten des Lesens "auf Totholz" gedruckter Texte. Dem entgegnete Casimir, dass Bücher, die mit Hilfe der "Ausbeutung seltener Erden" gelesen werden, nicht aufgrund der Ausgabeform wertiger seien. Er erinnerte an das Rieplsche Gesetz, wonach etablierte Instrumente der Informationsvermittlung nicht durch neu hinzugekommene vollkommen ersetzt werden. "Die alten Medien treten in einen neuen Funktionszusammenhang."

Wie ein roter Faden zog sich die Frage nach dem Unterschied zwischen dicken und dünnen Büchern, zwischen langen und kurzen Texten, zwischen tiefem und flachem Lesen nicht nur durch die Podiumsdiskussion, sondern durch die gesamte Tagung. Felicitas von Lovenberg verwies darauf, dass es in den USA ein Schulfach für "Deep Reading" gebe. "Lesen ist eine einsame Tätigkeit. Vielleicht ertragen das die Menschen heute schlechter als früher? Sich in die Lektüre zu versenken fällt offenbar schwerer und hat auch mit Smartphones und der ständigen Erreichbarkeit zu tun." Steffen Meier, Klaus-Rainer Brintzinger oder auch Henning Lobin zweifeln allerdings daran, dass das Lesen langer Texte ein qualitatives Merkmal sei und sprechen von einer "quasireligiösen Überhöhung des Tiefenlesens". Casimir erinnerte daran, dass Lesen eine Kulturtechnik ist, die der Anleitung und des Trainings bedarf. Allgemeine Zustimmung fand die Vorstellung der Verbindung konzentrierter und ausdauernder Leseleistung langer Texte als Alternative zum digitalen Häppchengenuss: Lesen also als ungestörte Beschäftigung nicht permanent upgedateter Texte, sondern von Original- und Endfassungen in einer zunehmend beschleunigten Welt. Störungsfreies Lesen über viele Stunden im Medium Buch könnte so eine seiner Berechtigungen in neuen Funktionszusammenhängen werden.

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