Jochen Mende (Prolit) zum Deutschen Buchhandlungspreis

"Wir hätten locker doppelt so viele auszeichnen können"

Im Schloss Herrenhaus in Hannover hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters morgen einen besonderen Termin: Sie zeichnet 117 Sortimenter mit dem Deutschen Buchhandlungspreis 2017 aus. Und hinter den Kulissen? Jury-Mitglied Jochen Mende (Prolit) über die Arbeit der Jury, Fairness und die Zukunft des Preises.     INTERVIEW: TAMARA WEISE

Jochen Mende, Prolit

Jochen Mende, Prolit © Franz Möller

Sie arbeiten von Anfang an in der Jury mit, morgen steht zum dritten Mal die Verleihung an. Nervös?
Gar nicht, ich freue mich drauf! Wo sonst trifft man mehr als 100 Buchhändlerinnen und Buchhändler aus großartigen Buchhandlungen, die obendrein noch in bester Feierlaune sind?  

Wie lief die Jury-Arbeit diesmal? 
Die war in diesem Jahr einfacher, weil es eine bessere EDV-Unterstützung gab. Auch wurde die Arbeit der Jury durch eine Änderung der Teilnahmebedingungen deutlich erleichtert. Den Bewerbungen mussten nur noch Belege für Aktivitäten und Veranstaltungen für ein Jahr beigefügt werden − nicht mehr für die zurückliegenden drei Jahre. Und das heißt auch, dass bei wiederholten Bewerbungen nur noch ein Jahr in die Bewertung eingeflossen ist, was vorher schon auch mal anders war. 

Über welches Thema wurde besonders lange diskutiert?  
Über die Kategorien, in denen nur wenige Dotierungen zu vergeben sind. Welche Buchhandlungen sollen 15.000 Euro oder 25.000 Euro als Preisgeld erhalten? Da spitzt sich eine Diskussion natürlich zu, manchmal geht es dann auch durchaus kontrovers zu. Im Zweifel trifft die Jury also Mehrheitsentscheidungen: Jedes Mitglied der Jury schaut auf die Bewerbungen aus einer etwas anderen Perspektive. Dem einen ist die Präsenz von Lyrik vielleicht besonders wichtig, ein anderer legt mehr Wert darauf, dass Verlagsvertreter empfangen werden – das nur mal als Beispiele. Generell gilt jedoch: Die Kriterien, an die wir uns halten, sind keine anderen als die, die in den Teilnahmebedingungen stehen.

Hätten Sie manchmal Lust, loszufahren und die Buchhandlungen, die sich bewerben, selbst kennenzulernen? 
Wenn ich unterwegs bin, schaue ich mir immer Buchhandlungen an, ganz egal, ob sie sich für den Deutschen Buchhandelspreis beworben haben oder nicht.  

Was sagen Sie denen, die enttäuscht sind, weil sie es nicht auf die Nominierungsliste geschafft haben – Stichwort: Grubenpony? 
Das ist schwierig. Die einfachste und sinnvollste Aussage ist: Bitte bewerbt euch erneut, gebt nicht auf. In den drei Jahren, in denen ich in der Jury mitgearbeitet habe, hatten wir über 1.500 Bewerbungen, konnten aber nur 344 Preise vergeben. Locker hätten wir doppelt soviele Auszeichnungen vornehmen können und wären damit noch nicht allen Bewerbungen gerecht geworden. Dass es vor diesem Hintergrund Enttäuschungen gibt, verstehe ich gut. Ich weiß jedoch, dass jedes Mitglied der Jury mit großem persönlichen Engagement auf ein möglichst gerechtes Ergebnis hingearbeitet hat. 

Manche fragen dennoch, wie gerecht es bei dem Preis zugeht. 
Ich kenne auch die Verwunderung, dass meist in jedem Bundesland mindestens eine Buchhandlung unter den Nomierten war. In unseren Diskussionen und bei den Entscheidungen tauchte diese vermeintliche Quote gar nicht auf. Es ist wohl eher die sprichwörtliche ‚invisible hand‘, die das steuerte. 

Gibt es etwas, das alle Preisträger gleichermaßen auszeichnet? 
Ja, das gibt es. Alle Buchhändler, die morgen in Hannover auf die Bühne kommen, sind außerordentlich engagiert und arbeiten auf einem extrem hohen Leistungsniveau, teilweise bis zur Selbstausbeutung, sie beweisen einen großartigen Einfallsreichtum. Sie alle stehen für eine wunderbare Branche. 

Welche Rolle spielen für die Jury wirtschaftliche Kennzahlen?
Sie fließen in die Beurteilung ein, stehen aber nicht im Zentrum – einfach deshalb, weil die Buchhandlungen auch wirtschaftlich sehr unterschiedlich sind. Auf der einen Seite haben wir Buchhandlungen auf dem flachen Land, in denen auf kleiner Fläche eine einzelne Person arbeitet, auf der anderen Seite gibt es dann Unternehmen, die deutlich größer sind und auch in einer größeren Stadt aktiv sind. Das lässt sich schwer vergleichen, als Jury müssen wir das mit berücksichtigen, zum Beispiel auch hinsichtlich der Zahl von Veranstaltungen. 

Haben Sie beim Lesen der Bewerbungen selbst noch Neues dazu gelernt? 
Das nicht, aber so eine Jury-Arbeit hinterlässt natürlich auch bei mir ihre Spuren: Ich habe heute noch mehr Respekt vor der Leistung von Buchhändlerinnen und Buchhändlern.  

Der Preis ist politisch motiviert, soll zur Strukturförderung beitragen und den stationären Buchhandel im Gespräch halten. Aus Ihrer Sicht: Gelingt das? 
Für den Buchhandel insgesamt bedeutet dieser Preis einen klaren Imagegewinn – die Position, die der Buchhandel ohnehin schon als Kulturträger hat, wird noch einmal verstärkt. Seine Rolle als Teil der kulturellen Infrastruktur in tendentiell verödenden Innenstädten wird betont, dieser wird entgegen gewirkt. Die Preisträger profitieren sicherlich in besonderer Weise, je nachdem, was sie sich vor Ort rund um die Nominierung und die Preisverleihung an Aktivitäten so einfallen lassen.  

Sieht man das im Kultusministerium ähnlich? Denken Sie, dass der Preis auch nach den Bundestagswahlen eine Chance hat?  
Ich denke, im Kultusministerium sieht man das ähnlich. Bisher gibt es aber – aus verständlichen Gründen – keine Zusage aus Berlin, dass es für den Preis weitergeht. Jedoch fällt mir nichts ein, was gegen eine Weiterführung sprechen würde. Wer auch immer dort diese Aufgaben in Zukunft wahrnimmt, wird sicher die mit dem Preis verbundenen Ziele weiterverfolgen und die darin liegenden Chancen erkennen.  

Angenommen, Kulturstaatsministerin Monika Grütters würde Sie morgen nach der Zeremonie in Hannover beiseite nehmen und fragen, wie Sie den Preis weiterentwickeln würden. Ihre Antwort?  
Frau Grütters ist der Buchbranche sehr zugewandt, das weiß ich. Ich wäre ganz offen, würde ihr sagen, dass ich es ausgezeichnet finde, dass es den Preis gibt – die Unterstützung für die Branche aber gerechterweise höher ausfallen müsste. Die Filmwirtschaft wird viel umfangreicher gefördert, erwirtschaftet aber weniger als ein Drittel des Umsatzes der Buchbranche. Wieso gibt es noch keinen Mietkostenzuschuss für Buchhandlungen und keinen Programmkostenzuschuss für unabhängige Verlage? Da sollte sich etwas bewegen. 

..............

Jochen Mende, Geschäftsführer der Verlagsauslieferung Prolit in Fernwald, gehört seit 2015 der Jury für den Deutschen Buchhandlungspreis an. Weitere Mitglieder sind: Iris Radisch ("Die Zeit"; Jury-Vorsitzende), Kyra Dreher (Börsenverein), Jenny Erpenbeck (Schriftstellerin), Hans Frieden (Verlagsvertreter), Dieter Kosslick (Intendant der Internationalen Filmfestspiele Berlin) und Manfred Metzner (Verlag Das Wunderhorn).  

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3 Kommentar/e

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  • Ein Buchhändler

    Ein Buchhändler

    Sehr geehrter Herr Mende,

    vielen Dank für ihren Einsatz. Hoffentlich gibt es den Preis auch in Zukunft, er tut der Branche sehr gut. Ihr Beispiel mit der Filmbranche ist auch nicht schlecht, man sollte öfter darauf hinweisen.
    Allerdings wird die wirtschaftliche Bewertung der Buchhandlungen wohl kaum eine Rolle gespielt haben, da wirtschaftliche Kennzahlen bei der Bewerbung gar nicht erhoben werden. Dennoch wage ich zu fragen, ob man es verantworten kann, Wirtschaftbetriebe (immerhin sind es ja Wirtschaftsbetriebe...) auszuzeichnen, deren Inhaber sich total ausbeuten und sehenden Auges z.B. in die Altersarmut schlittern? Besteht die Kunst nicht gerade darin, den Spagat zwischen kulturellem Anspruch und wirtschaftlicher Tragfähigkeit zu schaffen? Ich könnte mir gut vorstellen, dass manche Bewerbungen gar nicht mehr eingereicht werden könnten, wenn geprüft würde, ob die Inhaber vom Gewinn Ihrer Betriebe auch wirklich leben müssen. Vielleicht könnte man darüber einmal nachdenken.
    Vielen Dank und freundliche Grüße.

  • Eine Buchändlerin

    Eine Buchändlerin

    Sehr geehrter Herr Mende,

    vielen Dank für die Arbeit, die Sie und Ihre Mitjuroren bei der Bewertung der vielen Bewerbungen geleistet haben.
    Es war sicher nicht einfach die Preisträger zu finden und es gab bestimmt viel Diskussionsstoff.

    Ich freue mich für all die Kollegen, die Morgen den Preis entgegennehmen dürfen und sicherlich schon sehr aufgeregt sind.
    Ich bin als Bewerberin von diesem Jahr -wie sicher viele der anderen 400 Buchhändler und Buchhändlerinnen die sich beworben haben und die morgen nicht dabei sind- enttäuscht, dass wir nicht einmal eine Nachricht bekommen haben, dass wir leider nicht unter den Preisträgern waren.

    Vielleicht schaffen es die Organisatoren ja noch wenigstens ein "Danke fürs Mitmachen, vielleicht dürfen wir Sie nächstes Jahr zum Buchhandlungspreis beglückwünschen, bitte bewerben Sie sich wieder" rauszuschicken.
    Höflich wäre es allemal .....

  • Udo  Neddermann

    Udo Neddermann

    Der Deutsche Buchhandlungspreis will nicht die kleine Buchhandlung auf dem flachen Lande fördern, da, wo viele kleine Sortimente ums Überleben kämpfen und wo wir vor der Frage stehen, ob Lesen, ob Kultur überhaupt noch gefördert wird, sondern Buchhandlungen die ein ehrgeiziges, unabhängige kleine Verlage förderndes Programm haben. Die Kriterien des Buchhandlungspreises sind eindeutig so gefasst.
    Die Frage ist aber, ob Orte, die ohnehin schon über ein reichhaltiges kulturelles Programm und viele Buchhandlungen verfügen, noch weiterer intensiver Förderung bedürfen.
    Unzählige Sortimente in Berlin und Hamburg zu fördern, das flache Land aber weitgehend außen vor zu lassen, ist meines Erachtens eine schwere Fehlentscheidung.
    Der Deutsche Buchhandlungspreis dient so vor allem der Förderung kleiner unabhängiger Verlage. Dass der Prolit Geschäftsführer mit der Auswahl der Unternehmen für den Preis zufrieden ist, kann vor diesem Hintergrund nicht verwundern. Die Preisvergabe fördert nämlich auch die von ihm ausgelieferten Verlage nicht unerheblich.
    Die Auswahl der Jury sollte in diesem Sinne noch einmal überdacht werden.

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