Kinder- und Jugendbuch: Interview mit Kritikerin Roswitha Budeus-Budde

"Gute Unterhaltung kommt zu kurz"

Aus 9.000 neuen Kinder- und Jugendbüchern die "100 Besten" herauszufiltern - auch für Roswitha Budeus-Budde, Kritikerin bei der "Süddeutschen Zeitung", keine leichte Übung. Obwohl sie genau das seit 25 Jahren macht, im Auftrag des bayerischen Landesverbands im Börsenverein. Ein Gespräch über die Suche nach dem Abenteuer im Kinderbuch. INTERVIEW: NICOLA BARDOLA

Roswitha Budeus-Budde

Roswitha Budeus-Budde © Daniel Hintersteiner

Für die Buchbesprechungstage des bayerischen Landesverbands wählen Sie  gemeinsam mit zwei Kolleginnen einmal jährlich die 100 besten Kinder- und Jugendbücher aus. Wie machen Sie das?

Da hilft nur eines: Lesen. Lesen. Lesen. Tag und Nacht. Wichtig ist auch die gute Zusammenarbeit mit den Verlagen. Wir pflegen intensive Kontakte zu den Presseabteilungen, die sehr genau wissen, welche Titel wir brauchen.

Was hat sich seit Ihren ersten „100 Besten“ verändert?

Der Markt hat sich verdoppelt, von etwa 4500 auf rund 9000 Novitäten jährlich. Das Rad dreht sich inzwischen auch in der Kinder- und Jugendliteratur sehr viel schneller. Was sich innerhalb von acht Wochen im Buchhandel nicht verkauft hat, wird remittiert. Auch das Leseverhalten der Kinder hat sich verändert: Was früher von 11-Jährigen gelesen wurde, wird heute von 9-Jährigen gelesen. Inhaltlich hat die Pisa-Studie viel verändert: Das Ergebnis wirkte wie ein Schock und sorgt für eine viel pädagogischere Denkweise. Die Eltern sind viel vorsichtiger, ja ängstlich beim Aussuchen der Bücher geworden. Das Lustlesen ist in den Hintergrund gerückt. Dafür ist der Lerneffekt wichtig geworden.

Wie wirkt sich die Digitalisierung aus?

Die elektronischen Medien, das Internet und die sozialen Netzwerke führen dazu, dass Kinder und Jugendliche zwar ganz andere Inhalte, aber zum Glück nicht weniger lesen. Der Nachwuchs findet Information und Unterhaltung heute in den elektronischen Medien, aber auch weiterhin im Buch.Der Buchmarkt hat diese Entwicklungen in die Literatur eingearbeitet. Ich halte das Buch für unsterblich, weil es alles, was neu ist, mit einbezieht.

Gilt dies in gleicher Weise für gesellschaftspolitische Themen?

Es macht schon einen Unterschied, ob man sich seit Jahrzehnten mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt oder erst seit wenigen Jahren. Vielen Nachwuchsautoren merkt man heute an, dass sie unpolitisch aufgewachsen sind. Von den späten 60er Jahren bis in die 80er hinein gab es eine „wilde“ Literatur. Die gesellschaftspolitischen Themen waren als Sichtweisen der Helden erlebbar. Heute handelt es sich bei vergleichbaren Themen oft um Auftragsarbeiten und um Sichtweisen von oben, die dem Mainstream folgen und nicht frei von Pädagogik und von Vorbehalten sind.

Buchbesprechungstage in München

Buchbesprechungstage in München © Daniel Hintersteiner

Zum Beispiel?

Heute erscheinen etwa vor allem im Kinderbuch Titel zu Mädchenthemen so, als hätte es die 68er-Bewegung nie gegeben. Viele der neuen Bücher, die so bewahrend daherkommen, spiegeln die Angst der Gesellschaft wider. Das muss nicht so bleiben. Es gibt eine Pendelbewegung zwischen Literatur und Pädagogik. Bei wichtigen gesellschaftlichen Veränderungen wollen Erzieher, Eltern und eigentlich alle engagierten Menschen entsprechende Bücher dazu haben. Deshalb arbeiten wir uns aktuell stapelweise durch Titel zum Thema Migration. Eine ähnliche Erwartungshaltung gab es früher beispielsweise zum Thema Mobbing.

Den Buchhändlern geben Sie Anregungen für den Einkauf und für Verkaufsgespräche. Die einzelnen Titel werden von Ihnen ausführlich beschrieben und literarisch bewertet. Gibt es da auch mal Diskussionen unter den drei Expertinnen?

Wir drei sind uns immer vollkommen einig im ästhetischen Anspruch. Hilfreich ist, dass wir unsere Spezialbereiche haben: Ulrike Schultheis betreut vorwiegend das Bilderbuch und besondere Sachbuchgruppen. Hilde Elisabeth Menzel konzentriert sich auf das Kinderbuch und ich auf das Jugendbuch. Da sind wir natürlich manchmal unterschiedlicher Meinung: Ich empfehle gerne Bücher, die zu einem Aha-Erlebnis führen, in denen auch ungeheuerliche Dinge passieren. Das geht meinen Mitstreiterinnen manchmal zu weit, besonders wenn Kinder im Publikum sind. Zudem haben sie beide jahrzehntelange Erfahrung als Buchhändlerinnen und ihnen ist auch der Aspekt der Verkäuflichkeit wichtig. Aber wenn Bücher kein Abenteuer sind, dann steigen die jungen Leser irgendwann aus. Sie müssen darin Dinge finden, die sie erregen, auch schockieren und neugierig machen.

Sie stellen die "100 Besten" nicht nur bei den Buchbesprechungstagen nicht nur Buchhändlern, Bibliothekaren und Lehrern vor, sondern auf der Münchner Bücherschau auch dem allgemeinen Publikum. Fällt die Präsentation dann anders aus?

Die Auswahl ist dieselbe, aber bei der Bücherschau stellen wir mehr Komisches, Lustiges und Unterhaltendes in den Mittelpunkt, damit auch das junge Publikum mehr davon hat. Die Vorbereitung ist sehr arbeitsintensiv. Wir überlegen uns einen guten Mix, schließen Doppelungen aus und achten darauf, dass unsere Zuhörer am Ende einen guten Überblick über die Novitäten haben. Dabei stellen wir übrigens immer wieder fest, dass gut gemachte Unterhaltung in der Kinder- und Jugendliteratur zu kurz kommt. Krankheiten, Tod und andere Schicksalsschläge, an denen sich die jugendlichen Helden abarbeiten, dominieren leider.

Die Auswahl zum Deutschen Jugendliteraturpreis sorgt oft für Diskussionen über das Verhältnis von deutschsprachigen Originaltiteln und Übersetzungen aus anderen Ländern. Wie gehen Sie bei Ihrer Auswahl damit um?

Wir achten nicht darauf. In Zeiten der Globalisierung ist das abwegig. Allerdings schauen wir auf die Übersetzer, die manchmal schon selbst ein Markenzeichen sind. Wenn beispielsweise Mirjam Pressler einen Titel übersetzt hat, dann muss ich den sofort lesen.

Beim Deutschen Jugendliteraturpreis werden oft auch "All Age"-Bücher aus Belletristik-Verlagen berücksichtigt. Warum ist das bei den "100 Besten" nicht der Fall?

Wir haben den Anspruch, den Kinder- und Jugendbuchmarkt zu überblicken. Auf dieser Grundlage wählen wir aus. Ich kann aber nicht den gesamten Belletristik-Markt überblicken. Solche Titel für Erwachsene rutschen dann zufällig in die Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ich halte das für unseriös.

Ihre Auswahl wirkt bekanntermaßen stark verkaufsfördernd. Erinnern Sie sich gerne an Bücher, die ohne Ihre Liste vermutlich in der Flut der Neuerscheinungen untergegangen wären?

Davon gibt es sicher einige. Und wir freuen uns besonders, wenn diese Empfehlungen anspruchsvoller oder schwer verkäuflicher Titel später als Taschenbuch erscheinen. Umgekehrt versuchen wir manchmal Titel, die hochgejubelt werden, genauer auf ihre Qualität zu prüfen.

Welche Bestseller hätten Sie gerne verhindert?

Gar keine, denn gerade damit finanzieren die Verlage ja ihr anspruchsvolles und literarisches Programm.

Wie könnte sich die Branche darauf einigen, weniger und dafür hochwertige Titel zu veröffentlichen?

Das ist die Gretchenfrage: Wir reden mit den Verlagen darüber. Aber dann bekommen wir zur Antwort: "Wenn ich 20 Titel mache pro Saison, dann bekomme ich davon vielleicht zehn in die Buchhandlungen. Wenn ich zehn mache, dann sind es vielleicht noch fünf. Wenn ich nur noch fünf Titel mache, dann bin ich weg." Es ist ein Verdrängungsprozess und eine ungeheure Vergeudung von Ressourcen. Ich glaube nicht, dass man diesen Trend ändern kann. Wir stellen ja inzwischen schon eher 150 Titel vor, denn zum Glück nehmen auch die guten Bücher zu.

Was empfehlen Sie dem Fachpublikum über die einzelnen Titel hinaus?

Als Buchhändlerin würde ich mir aus dem riesigen Angebot immer einige Titel heraussuchen, die ich wirklich sehr gut kenne und die ich dann entsprechend gut den Kunden vermitteln kann. Ich würde vor Ort mit allen Leseorganisationen zusammenarbeiten: Kindergärten, Schulen, Stadtbibliotheken – alle, die sich ums Lesen kümmern, müssen kooperieren. Dann hat man Erfolg.

Ulrike Schultheis, Hilde Elisabeth Menzel, Roswitha Budeus-Budde

Ulrike Schultheis, Hilde Elisabeth Menzel, Roswitha Budeus-Budde © Daniel Hintersteiner

Die 100 Besten

Für den bayerischen Landesverband des Börsenvereins sichten die drei Kinder- und Jugendbuchexpertinnen Roswitha Budeus-Budde ("Süddeutsche Zeitung"), Hilde Elisabeth Menzel (freie Rezensentin) und Ulrike Schultheis (Buchhändlerin) einmal im Jahr die Neuerscheinungen der Kinder- und Jugendbuchverlage – und wählen die 100 Besten daraus aus, um sie bei den "Buchbesprechungstagen" vor Buchhändlern, Bibliothekaren und Lehrern zu präsentieren. Details dazu hier.

  • Die nächsten Termine: Samstag, 5. November in Nürnberg, Sonntag, 6. November in München. Zur Anmeldung geht es hier.
  • Auf der Münchner Bücherschau im Herbst werden die Bücher auch dem Publikum vorgestellt – und in einer Ausstellung gezeigt.
  • Danach gehen die "100 Besten" auf Tournee durch Schulen und Kulturzentren. Als Kooperationspartner bietet der Verein Kultur & Spielraum ein Schulklassenprogramm dazu an.
  • Zuguterletzt finden die Bücher als Spende einen festen Platz in einer Schulbibliothek.

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3 Kommentar/e

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  • Nase-vorn

    Nase-vorn

    Ich liebe die 3 Damen und bewundere sie. Sie leisten eine unglaubliche Arbeit für das Kinder- und Jugendbuch, einem Markt, der langsam aber sicher außer Rand und Band gerät, mangels verwegenen Verlegerpersönlichkeiten, die auch mal ein Risiko auf sich nehmen. Ich hoffe sehr, die drei machen noch lange, sehr lange weiter!

  • Irene Margil

    Irene Margil

    Frage Börsenblatt.net an Roswitha Budeus-Budde:
    Die Auswahl zum Deutschen Jugendliteraturpreis sorgt oft für Diskussionen über das Verhältnis von deutschsprachigen Originaltiteln und Übersetzungen aus anderen Ländern. Wie gehen Sie bei Ihrer Auswahl damit um?
    Antwort von Roswitha Budeus-Budde:
    Wir achten nicht darauf. In Zeiten der Globalisierung ist das abwegig. Allerdings schauen wir auf die Übersetzer, die manchmal schon selbst ein Markenzeichen sind. Wenn beispielsweise Mirjam Pressler einen Titel übersetzt hat, dann muss ich den sofort lesen.
    Kommentar Irene Margil: Der DJLP-Initiative geht es keinesfalls um eine Ausgrenzung von Lizenztiteln, sondern um die Schaffung einer eigenen Sparte für deutschsprachige Originaltitel, die dringend notwendig ist, um den jeweils aktuellen Stand der im deutschsprachigen Raum entstehenden Kinder- und Jugendliteratur sowohl im In- als auch im Ausland deutlicher herauszustellen.

  • Barbara Reiter

    Barbara Reiter

    Wenn die drei Damen jedem Buch im Schnitt nur circa 30 Minuten widmen, brauchen sie jeweils 187 Arbeitstage á 8 Stunden dafür. Ich bin beeindruckt.

    Zudem hat Roswitha Budeus-Budde die Diskussion um die Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis (Verhältnis Originaltiteln/Lizenzen) wohl leider nicht verstanden. Mit Globalisierung hat das nichts zu tun, sondern mit Literaturförderung.

    Interessant finde ich, dass Bestseller Literatur fördern. In der Realität ist es genau umgekehrt. Sämtliche finanzielle Kapazitäten werden vom Gesamt-Programm abgezogen, um das Marketing für den systematisch zum Bestseller geplanten Spitzentitel zu finanzieren. Glaubt Frau Budeus-Budde tatsächlich, dass Prinzessin Lillifee literarisch anspruchsvolle Coppenrath-Titel finanziert? Auf diese Titel freue ich mich!

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