Konstantin Götschel über Leserschwund und Digitalisierung

Tod der Beliebigkeit

Mit der fortschreitenden Simplifizierung von Inhalten schaffen die Verlage die Leser quasi selbst ab. Denn ob sie Fernsehen, "Candy Crush" spielen oder Massenware lesen macht keinen Unterschied. Das meint Konstantin Götschel (30), Historiker und - nach Stationen bei größeren Verlagsgruppen - Lektor bei einem Münchner Independent Verlag.

Konstantin Götschel

Konstantin Götschel © Jurga Graf

Zwei grundstürzende Entwicklungen treiben die Branche derzeit in besonderem Maße um: die Digitalisierung mit all ihren Implikationen und Weiterungen und der jüngst festgestellte Verlust von gut sechs Millionen Lesern.

Die Verlage sehen ratlos dabei zu, wie ihr Publikum und mit ihm ihr Absatzmarkt (ver-)schwindet. Mit derselben Rat- und häufig auch Kopflosigkeit versuchen sie derweil, die Digitalisierung ihrer Strukturen und Produkte voranzutreiben. Innovative Projekte werden gesucht, Plattformen entwickelt, die den Lesern Mehrwerte bieten sollen, Vertrieb und Marketing elektronischer und datenorientierter. Die Verlage übersehen dabei, dass ihre beiden Problemfelder in einer engen Verbindung stehen.

Für einige Fachverlage und Anbieter auf dem Bildungsmarkt macht es zweifelsohne Sinn, neue, digitale Angebote zu entwickeln, das Buch gewissermaßen aufzubinden oder gleich ganz zu makulieren – sie sind dann eben keine Verlage mehr. Und natürlich müssen auch Publikumsverlage prüfen, wie Arbeitsabläufe verbessert, welche Produktionsschritte sinnvollerweise digitalisiert werden können.

Simplifizierung von Inhalten

Aber gerade die großen Verlagsgruppen gehen weit darüber hinaus: Sie setzen ganz auf data-driven Marketing, optimiertes Targeting von potentiellen Käufern und clevere Pricing-Strategien, um den verbliebenen Lesern immer noch mehr der immer gleichen – und meist niedrigpreisigen – Produkte zu verkaufen. Die Optimierung des Rankings durch den Google-Algorithmus geht einher mit der Simplifizierung von Inhalten, Sprache und Ausstattung.

Verbindet man diese Art der Digitalisierung dann noch mit der Eventisierung und Infantilisierung des Lesens, wie die GfK es vorschlägt, kann man gewiss sein, dass man den Kunden, dem es letztlich egal ist, ob er fernsieht, Candy Crush spielt oder Romance-Massenware liest, nicht nur bedient – man erschafft ihn. Die verbleibenden Leser werden zu Illiteraten; man wendet sich an ein Publikum, das bei nächster Gelegenheit das Buch zur Seite legen wird oder schlicht ausstirbt – in der jungen Generation kommen keine Leser nach.

Narrativ vom "Kulturgut Buch"

Hier stellt sich natürlich auch die Frage nach der Buchpreisbindung. Die Empfehlungen der Monopolkommission führten zu einem Aufschrei der Branche, die die "Banausen" verfluchte; die Kulturbeauftragte der Bundesregierung und die Bundestagsfraktionen erklärten unisono, die Buchpreisbindung stehe nicht zur Disposition. Aber wie lange glauben wir eigentlich, das Narrativ vom "Kulturgut Buch" noch aufrechterhalten zu können, wenn unsere Bücher keine Kultur mehr haben? Mit welchem Recht sollte der zehntausendste Nackenbeißer gegenüber dem Angebot des Streamingdienstes oder Appentwicklers privilegiert werden?

Genreliteratur, die keinen ästhetischen und intellektuellen Ansprüchen genügt (die sie selbst ja auch gar nicht erhebt), zeitgeistige Ratgeber, kurzlebige Sachbücher dominieren die Bestsellerlisten und den Büchermarkt, und die Digitalisierung dürfte diese Entwicklung noch radikalisieren; aber gerade derlei Titel haben gegen das Internet und seine vielfältigen und oft kostenlosen Angebote auf mittlere Sicht keine Chance. Die einzig sichere USP des Buches ist die, dass es "einer hyperkomplexen Realität zu genügen" vermag, wie es Jörg Bong vor einiger Zeit in der FAZ formuliert hat.

Das ist eine schlechte Nachricht – für alle Verlage, die in zunehmendem Maße dem sich auflösenden Markt hinterherschreiben; für alle Verlage, deren Programme beliebig, unambitioniert und unkonturiert sind. Sie können mit großem Aufwand kurzfristig Umsätze steigern, Marktanteile gewinnen. Aber ihre Leser werden bald verschwunden sein.

Keine schlechte Nachricht ist es indes für Verlage, die anspruchsvolle, gut ausgestattete Bücher herausbringen – und das sind, nicht immer, aber häufig, die Independents. Nicht jedes Buch muss von jedem gelesen werden – oder auch nur gelesen werden können. In der Geschichte war es immer nur ein kleiner Teil, der gelesen hat; das wird wieder so sein. Künftige Buchkäufer werden in bewusster Abgrenzung zu digitalen Angeboten lesen, nicht um sie zu substituieren. Bücher werden ein Teil des von Rainer Groothuis an dieser Stelle angedeuteten analogen Kulturbündnisses sein. Der Markt wird kleiner. Aber das gute Buch wird überleben – und mit ihm die guten Verlage.

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14 Kommentar/e

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  • HRF

    HRF

    Die Erde brachte hervor lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art. Und jedes hatte seinen Pflanzen, von denen es sich ernährte. Aber einige Tiere waren ertragreicher als andere. Deshalb pflegte und umsorgte sie der Mensch, beseitigte die übrigen und riss heraus die unnützen Pflanzen. Und siehe, das Wasser versickerte im dürr gewordenen Erdreich. "Wir leiden Durst" riefen die ertragreichen Tiere. Doch die Erde ward wüst und leer. Der Mensch aber rief: Fürchtet euch nicht, wir werden Wasser finden, denn SEO ist bei uns. Der Herr schüttelte nachdenklich sein Haupt und suchte den Lichtschalter.

  • Karl Olsberg

    Karl Olsberg

    Was Sie beschreiben, Herr Götschel – Lesen als Kulturtechnik einer kleinen Elite, so wie im Mittelalter – halte ich für ein erschreckend realistisches Szenario, aber keinesfalls ein erstrebenswertes. Nicht nur, dass dabei die Vielfalt des Buchmarkts und des Lesens zerstört würden und kaum noch ein Autor eine Existenzgrundlage hätte: Eine solche Spaltung der Gesellschaft in diejenigen, die gebildet genug sind, um „anspruchsvolle“ Bücher zu lesen und alle anderen, die halt zu blöd dafür sind, wäre für unsere Demokratie, für unsere Zukunft fatal.

    Außerdem scheint mir der in Ihrer Darstellung implizit enthaltene Schluss voreilig, dass nur die Ungebildeten oder Denkfaulen nicht mehr lesen wollen. Der Erfolg gut gemachter, intelligenter TV-Serien wie "House of Cards", "Breaking Bad" oder der deutschen Produktion "Dark" zeigt doch gerade, dass die Konkurrenz eben besser wird, vielfältiger, mutiger, gezielter auf die Bedürfnisse der Zielgruppen eingeht, während die Buchbranche sich immer noch im Glanz vergangener Zeiten sonnt und auf politische Unterstützung pocht.

    Wer digitale Medien oder auch die Leserinnen von „Nackenbeißern“ abfällig betrachtet, darf sich gerne auf eine schrumpfende Nische konzentrieren. Allen anderen empfehle ich, auf die sich wandelnden Bedürfnisse der Menschen einzugehen und sich nicht von digitalen Medien abzugrenzen, sondern mit ihnen zu vernetzen. Denn auch Menschen, die gerne Computerspiele spielen oder Netflix gucken, können lesen und würden es vielleicht auch wieder tun, wenn wir ihnen die passenden Angebote machen.

    Das fängt damit an, dass wir gedruckte Bücher digital lesbar machen und so zusätzliche Lesegelegenheiten erschließen (wie z.B. mit der von mir mitentwickelten App Papego) und hört noch lange nicht damit auf, Bücher zu Computerspielen zu schreiben (wie z.B. meine Minecraft-Romane, die viele lesefaule Jungs im Alter von 8-12 Jahren den begeisterten Kommentaren der Eltern zufolge erstmals zum Lesen verführt haben) oder Kooperationen mit Youtubern einzugehen, wie es Bastei Lübbe vormacht. Es gibt noch viel mehr Möglichkeiten. Es wird Zeit, sie zu entdecken und zu nutzen, statt bloß dazusitzen und wahlweise die Politik, Netflix oder gar die Leser zu verteufeln.

  • Mark_S

    Mark_S

    Der Autor schaut offenbar verächtlich auf einen Markt hinab, der "keinen ästhetischen und intellektuellen Ansprüchen genügt", ihm reicht ein kleiner Kreis gleichgesinnten Publikums für seine vermeintlich kulturell wertvolle Produktion. Weil, es war ja "immer nur ein kleiner Teil, der gelesen hat".
    Da sitzen dann also "Independent"-Verleger und -Autoren Hand in Hand in ihrer selbstgewählten Nische, erreichen nur eine verschwindende Minderheit, erwärmen sich dafür aber an dem Gefühl, zu den "guten Verlagen" zu gehören. Wer das anstrebt - viel Spaß dabei. Ich lese derweil woanders weiter...

  • Gernot Körner

    Gernot Körner

    Die Dinge sind eben oftmals nicht so einfach, wie man sie gerne hätte. Deshalb kann es einfach nicht funktionieren, die aktuelle Entwicklung darzustellen und zu analysieren, ohne tiefer ins Detail zu gehen. So wird der Autor und damit seine Leser selbst zum Opfer seiner Simplifizierungen und Verallgemeinerungen. Das führt zwar zu Schlussfolgerungen, die sich aber in Allgemeinplätzen ergehen und niemandem weiterhelfen. Schade!

  • Ulrich Störiko-Blume

    Ulrich Störiko-Blume

    Bravo: eine zentrale Kontroverse unserer Branche, was die Publikumsverlage betrifft, direkt nebeneinander im Börsenblatt-online vom 12. Juli. Anuschka Albertz erklärt ihren Glauben an die Strategie, man könne „dem Kunden“ entlocken, welche Bücher er haben will. Konstantin Götschel erklärt, warum solches Vorgehen dazu führt, „den verbliebenen Lesern immer noch mehr der immer gleichen – und meist niedrigpreisigen – Produkte zu verkaufen.“ Besonders bemerkenswert: Der 30-jährige Götschel kennt das digitale Geschäft aus eigener Erfahrung. Diese Debatte müssen wir führen, bevor es mit Blick auf die marktbeherrschenden Programme und Buchhandlungen immer schwieriger wird, die Privilegien des Kulturguts Buch zu verteidigen – weil wir uns von anderen sagen lassen müssen, dass „unsere Bücher keine Kultur mehr haben“.

  • if

    if

    Man möge mir auf die Sprünge helfen, aber ich habe immer noch nicht verstanden, was das "Kulturgut Buch" mit den umschließenden Pappdeckeln zu tun hat. Ist der digitale Goethe auf dem E-Reader also Gosse?

  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    Als das Taschenbuch erfunden wurde, nannte Heinz Friedrich, der spätere Verleger des Deutschen Taschenbuch Verlags (dtv) es tragisch, dass sich ein Verleger heute dieser Mittel bedienen müsse, um den ramponierten Menschen der Gegenwart aus dem Sumpf seiner seelischen Abstumpfung zurückzulocken.

    Bildungsdünkel war immer eine Methode um sich gegenüber anderen zu erhöhen. Wenn einer dann noch den stolzen Felsen heraufbeschwört, auf dem er mit dem Banner der Kultur- und Independents steht, während drum herum die Welt untergeht, dann legt man kopfschüttelnd das Börsenblatt weg und wendet sich wieder der Arbeit zu, auch wenn Herr Götschel einem den Titel Verleger soeben entzogen hat.

  • Max Fischer

    Max Fischer

    @if: gähn!

  • Else Laudan

    Else Laudan

    In Abgrenzung zu der Empörung der vorigen Kommentare möchte ich eine Aussage dieses Textes hervorheben, die ich relevanter finde: "Gerade die großen Verlagsgruppen setzen ganz auf data-driven Marketing, optimiertes Targeting von potentiellen Käufern und clevere Pricing-Strategien, um den verbliebenen Lesern immer noch mehr der immer gleichen Produkte zu verkaufen. Die Optimierung des Rankings durch den Google-Algorithmus geht einher mit der Simplifizierung von Inhalten, Sprache und Ausstattung. Verbindet man diese Art der Digitalisierung dann noch mit der Eventisierung und Infantilisierung des Lesens, kann man gewiss sein, dass man den Kunden, dem es letztlich egal ist, ob er fernsieht, Candy Crush spielt oder Romance-Massenware liest, nicht nur bedient – man erschafft ihn." - Das tun rein ökonomisch orientierte Konzerne in der Tat oft, und es gehört eigentlich skandalisiert, wenn gute Autor/innen lieblos in schlechter Übersetzung und unpassender, Mogelpackung-artiger Ausstattung publiziert werden, gerade von manchen finanzstarken Großverlagen, deren Produktions- und Marketingetats stattdessen in hippe Zeitblüten wandern, Hauptsache Schnelldreher - das hat in der Tat nichts mit Kulturgut zu tun. Und das gilt auch für viele gängige Diskurse um Bücher, z.B. das hektische Hypen von Bestsellerlisten, die noch nie Qualitätsempfehlungen waren, sondern Listen nach dem Prinzip "Millionen Fliegen können nicht irren", die aber trotzdem verhandelt werden wie Gütesiegel. Wer mit Büchern Geld machen will, rechnet selten mit der Intelligenz des Publikums. So entsteht durchaus eine Spirale.
    Mein Anliegen ist es, gerade mit kritischen, horizonterwerweiternden, Gesellschaft als kollektives Projekt auffassenden Inhalten ins Populäre zu zielen - denn spannende Romane erreichen mehr Menschen und können viel soziale Phantasie produzieren, trotz und gerade wegen ihres Nimbus, eher unterhaltsam als anstrengend zu sein. Was könnte man mit der Marketingpower eines Konzerns wie Random House kulturell ausrichten! Wäre unsere Gesellschaft besser dran, wenn die kommerzielle Buchbranche nicht ihren Kultur- und Bildungsauftrag in den letzten vier Dekaden völlig vernachlässigt bzw. alle publizistischen Risiken an die idealistischen (selber schuld) Independent-Verlage delegiert hätte? Ich schätze schon. Oder polemischer: Mit der Haltung sollen sie doch Margarine verkaufen, statt millionenfach wohlfeilen Mist zwischen Buchdeckel zu drucken. Wenn Lesen gar nicht bildet, weder Phantasie noch Verstand nährt, dann kann man auch Serien gucken - die bilden nämlich teilweise durchaus, und zwar immer dann, wenn relevante Geschichten gut erzählt werden. So wie bei Büchern auch.

  • Jens Bartsch

    Jens Bartsch

    @Mattias Ulmer
    Sorry Herr Ulmer, ich kann an keiner, nicht an einer einzigen Stelle in Konstantin Götschels Beitrag irgendeinen Hinweis auf Bildungsdünkel oder Erhöhung finden. Schade, dass man trotz sachlicher Argumentation diesem Vorwurf immer wieder ausgesetzt ist, wenn man den falschen Standpunkt vertritt.

    Und in Sachen Kulturgut und Buchpreisbindung weist Götschel sehr klug und sehr genau auf die Achillesferse unserer Branche in ihrem aktuellen Zustand hin – darum müssten Sie eigentlich wissen. Denn an dieser Stelle geht es nicht darum, was ein dtv-Verleger mal irgendwie im übertriebenen Kulturpessimismus prophezeit hat, an dieser Stelle entscheiden Menschen in Brüssel am Schreibtisch, inwieweit das aktuelle Portfolio der herausgebrachten Bücher überhaupt noch die Kriterien für die Buchpreisbindung erfüllt. Und wenn wir in dieser Sache einige Entwicklungen ignorieren, um uns dann kopfschüttelnd wieder der eigenen Arbeit zuzuwenden, dann ist dies für meine Begriffe exakt der falsche Weg.

    Geben Sie Herrn Götschels Zeilen doch einfach mal eine Chance auch im Hinblick darauf, dass sich da jemand schlicht Gedanken macht und eben nicht den stolzen Felsen in der Brandung mimt, wie Sie sofort unterstellen.

    Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln

  • Karl Olsberg

    Karl Olsberg

    @Jens Bartsch: Wie wäre es hiermit?
    "den Kunden, dem es letztlich egal ist, ob er fernsieht, Candy Crush spielt oder Romance-Massenware liest" ... "wenn unsere Bücher keine Kultur mehr haben" (weil sie massentauglich sind - meine Interpretation) ... "Genreliteratur, die keinen ästhetischen und intellektuellen Ansprüchen genügt" ... "Verlage, deren Programme beliebig, unambitioniert und unkonturiert sind" (weil sie den Wünschen der Candy Crush spielenden Leser entsprechen - meine Interpretation) ... "In der Geschichte war es immer nur ein kleiner Teil, der gelesen hat; das wird wieder so sein."

    Wenn das nicht elitärer Bildungsdünkel ist, dann weiß ich nicht, was Sie darunter verstehen würden.

  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    Dann versuche ich es noch einmal etwas ausführlicher:
    Ich sehe in dem Beitrag eine Reihe von Fehlschlüssen, die uns nicht weiterführen sondern im bekannten und wirkungslosen Argumentatiosnmuster sitzen lassen.
    Zwei Themen stellt der Autor an den Anfang, die Digitalisierung und den Käuferschwund. Bei beidem sei die Branche ratlos. Bereits an dieser Stelle muss man anhalten: ich sehe zahllose Verlage und Buchhandlungen wie sie mit sehr gezielten und überlegten Strategien auf die Digitalisierung reagieren. Dass es noch immer Kollegen gibt, die ratlos sind, ist sicher auch wahr. Aber die Verallgemeinerung ist - wie fast immer - falsch.
    Auch die Behauptung, dass die Branche auf den Leserschwund ratlos reagiert, ist nicht richtig. Zunächst mal: es handelt sich um einen Käuferschwund, keinen Leserschwund. Kleiner, wichtiger Unterschied. Und dann arbeitet die Branche (stellvertreten durch die Arbeitsgruppe im Verband) seit einem Jahr an einer Analyse und der Entwicklung von geeigneten Maßnahmen. Ich habe (wie schon bei Herrn Groothuis) das Gefühl, dass über diese Arbeit geurteilt wird, ohne sie zu kennen. Die "Ergebnisse" werden zerrissen, bevor sie vorliegen? Eigenartiges Vorgehen.
    Sicher kann man sagen, dass der Käuferschwund direkt mit der Digitalisierung zusammen hängt. Nur nicht in der Art, wie der Autor es hier darstellt. Wenn Götschel als richtige Reaktion eines Publikumsverlags die Digitalisierung von Produktionsprozessen benennt, dagegen Datadriven Marketing, Targeting und Pricing Strategien als gefährlich bezeichnet, dann ist das ein viel zu eng gefasster Digitalisierungsbegriff. Die Studie zum Käuferschwund zeigt auf, dass die gesellschaftlichen Veränderungen durch die Digitalisierung gravierende Auswirkungen auf unsere Branche haben. Dagegen als Heilmittel das Fokussieren auf anspruchsvolle Bücher und eine weitgehende Distanz zu digitalen Medien zu empfehlen ist genau so untauglich wie die von Groothuis empfohlene aufrechte Haltung. Wenn jemand Abends zu müde ist, sich einem Buch zu widmen, weil ihn die Medienbelastung des Tages ausgelaugt hat, und er abends der leichten Droge Social Media und Netflix verfällt, dann wird es eben überhaupt nichts an seiner Situation ändern, ob der Buchhändler mit gradem oder gebeugtem Rücken in seiner Buchhandlung steht oder ob ein Verlag "kulturell hochwertige" Bücher macht oder andere.
    Insoweit hat das dann folgende Thema von Götschel mit der Ausgangsthematik einfach nichts mehr zu tun: Targeting etc. führen nicht zu besseren Büchern. Korrekt, der Meinung bin ich auch. Wer mit Marktanalysen untersucht, was andere gemacht haben, der kann daraus zwar lernen, was er bisher anders (und vielleicht falsch) gemacht hat, aber eben nicht, was man besser als die anderen machen kann. Ein geniales Produkt entwickelt man nicht durch Kundenbefragung.
    Und hier folgt der nächste Fehler von Götschel: Targeting, Data driven Marketing und Pricing Strategien haben mit Digitalisierung quasi nichts zu tun. Die Begriffe klingen zwar nett, sind aber das Einmaleins des Marketings seit hundert Jahren. Aufbau und Analyse der Kundenkartei und Werbeaktionssteuerung usw.
    Letztlich zielt Götschels Argumentation auf einen Punkt (der auch durchaus wichtig ist): gibt man dem Kunden das, was er erwartet, oder überrascht man ihn? Richtet man sich nach dem Leser oder nicht? Begibt man sich auf das Niveau seiner Kunden?
    Und auch hier halte ich seine Aussage für falsch: Illiteraten werden nicht durch Me-too-Bücher und Trivialliteratur erzeugt.
    Wenn wir ein sehr begrenztes Buchangebot hätten, dann würde es eine Rolle spielen, welches kulturelle Niveau das Angebot hat. Das ist etwa die Frage, die sich eine Schul- oder Stadtteilbibliothek stellen muss. Bei 70.000 "offiziellen" Neuerscheiungen und vermutlich über 30.000 Selfpublishing-Neuerscheinungen jährlich gibt es aber für jedes Bildungsniveau und jeden Anspruch mehr Titel, als eine Person im Jahr lesen kann. Damit liegt das Problem aber nicht mehr beim Verlag als Produzenten, sondern beim Leser und Buchhändler als Auswählendem.
    Wir hatten in unsere Gescichte einige Phasen, in der auf einen großen gesellschaftlichen Wandel die Verlage mit einer Änderung ihres Angebots reagieren mussten. Das war in den 1860er Jahren, als mit der Gartenlaube ein ganz neues Literaturgenre (Marlit und die Trivial-(Liebes-)romane) geschaffen wurde und damit gleichzeitig auch ganz neue Leserschichten für die Literatur erschlossen wurden. Auch die Revolution der Drucktechnologie und die Einführung billiger Klassikerausgaben (Reclam, Kröner etc.) bewirkten eine Zielgruppenerweiterung. Und nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte das mit der Neuausrichtung der Belletristik-Programme auf einen eher amerikanischen Romantyp erneut. Das Taschenbuch in den Fünfziger Jahren und Weltbild in den Neunzigern brachten ebenfalls Zielgruppenerweiterungen.
    Alle diese Entwicklungen wurden in ihrer Zeit als Trivialisierung, Verdummung und direkten Weg in den Untergang bezeichnet. Aber es kam anders.
    Wie genau die heutige Antwort auf die gesellschaftlichen Veränderungen aussehen muss, das weiß noch niemand genau. Muss es aber auch nicht. Denn solange wir Vielfalt haben und die Leser auswählen können, wird die Selektion des Wettbewerbs am Ende dafür sorgen, dass die geeignete Lösung erfolgreich aus der Veränderung hervor geht.

  • Karl Olsberg

    Karl Olsberg

    @Matthias Ulmer: Wie wäre es, wenn Sie Ihre treffende Analyse als Blogbeitrag in Bookbytes veröffentlichen? Für "nur" einen Kommentar ist sie fast zu schade. (Da man das bei Kommentaren manchmal nicht so genau erkennen kann: Das ist ein ernst gemeinter Vorschlag.)

  • Gunter Jazdziewski

    Gunter Jazdziewski

    Nur ein kurzer Kommentar: Sehr gut formuliert und auf den Punkt gebracht; nicht in Beliebigkeit investieren und inhaltlichen Mainstream produzieren; nicht, wie er schreibt, den tausendsten Nackenbeißer auf den Markt werfen und damit austauschbar zu sein. Das Fernsehen hat es mit der Privatisierung und dem Qualitätsverlust seines produzierten Angebots leider vorgelebt und mit dem Internet setzt sich dieser Trend inhaltlich mit Hochgeschwindigkeit fort. Wie manche Kommentatoren hier schreiben, bedeutet das im Umkehrschluß aber nicht, Bücher nur für eine Bildungselite anzubieten; m.E. zielt der Autor dieses Artikel auch nicht darauf ab. Eine Alternative ist, mit einem anspruchsvollen und nachhaltigen Angebot eine Nische zu besetzen und sich vom Massenmarkt abzuheben.

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