Kundenfrequenz: Buchmesse-Debatte und Ideenwettbewerb

Nicht nur die Toplage zählt, sondern auch die Aura eines Ladens

Die Kundenfrequenz in deutschen Innenstädten sinkt. Was heißt das für Verlage und Buchhandlungen? Und müssen sich die Städte neu erfinden? Erfahrungswerte von der Frankfurter Buchmesse - und Ideen aus einem "Frequenz-Award" für den Branchennachwuchs.

Wenn jemand früher in die Stadt ging, dann war klar: Er geht einkaufen. Heute sei das anders, so Städteplaner Wolfgang Christ am Messedonnerstag in einer Diskussionsrunde im Forum Börsenverein, die am Ende in die Verleihung des "Frequenz-Awards" mündete: "Heute geht man in die Stadt, um unter Menschen zu sein, um andere zu treffen." Eingekauft wird digital.

"Wir müssen uns verabschieden von der alten Vorstellung, dass Städte gleichbedeutend mit Handel und Einkauf sind", so der Architekt, der in der digitalen Umwälzung durchaus Chancen für den stationären Buchhandel erkennt: "Er hat Qualitäten, die eben nicht digitalisierbar und nicht rationalisierbar sind" - etwa als Plattform für Beratung, Veranstaltungen, Begegnung. Ein klarer Pluspunkt im Kampf um den Kunden. 

So manches Problem, das die Städte heute haben, ist letztlich hausgemacht, wie Christ betonte. Denn Handwerk und Wohnen seien konsequent aus dem Innenstadtbereich verdrängt worden, zugunsten von Handel und Verwaltung. Obwohl der Shopping-Center-Boom den Zenit längst überschritten hat, genehmigen die Städte nach wie vor Neubauten.

Dass die Entwicklung durchaus dramatisch genannt werden kann, machte Stephanie Lange, früher Geschäftsführerin für das Filial- und Großkundengeschäft bei Hugendubel, heute Branchenberaterin, deutlich - auf der Grundlage von Frequenzmessungen bei Hugendubel: "Wir verlieren zwischen fünf und 20 Prozent der Besucher in den Innenstädten". Aufgefangen würden diese Rückgänge in der Branche zur Zeit von leicht steigenden Preisen und den intensiven Bemühungen, Kunden, die in den Laden kommen, auch tatsächlich zu Käufern zu machen.

Sind Fußgängerzonen und Einkaufszentren überhaupt noch der richtige Ort, um Bücher zu verkaufen? These von Wolfgang Christ: Nicht nur die Lauflage sei heute wichtig, sondern auch der Kontext, das "Biotop", die Aura eines Ladens. Eine Villa in einem Gründerzeitviertel könne da unter Umständen der attraktivere Standort sein als die 1A-Lage in der Einkaufszone. Denkbar für kleine Buchhandlungen, aber sicher kein Konzept für größere Flächen.

Auf dem Podium machten Prognosen die Runde, wonach bis zum Jahr 2020 bis zu 50.000 Einzelhandelsgeschäfte bundesweit schließen werden. "In den Städten wird es richtig öde", fürchtet Thilo Schmid, bei Oetinger Leiter Gesamtvertrieb und Marketing: "Und wenn unsere Bücher nicht mehr sichtbar sind, dann werden auch wir Verlage deutlich weniger verkaufen."

Ein Grund, warum sich die Verlage Oetinger, Delius Klasing und HarperCollins mit dem Mediacampus Frankfurt zusammengetan haben, um den Nachwuchs nach frischen Ideen für mehr Kundenfrequenz im Handel zu befragen. Aufgabenstellung: Kundenfrequenz generieren, nutzen, halten. Die besten Ideen und Konzepte wurden auf der Frankfurter Buchmesse prämiert, mit drei Reisen, Seminargutscheinen und Buchpaketen. Beispiele aus dem Ideenkatalog:

  • Einmal im Monat Kunden das Schaufenster gestalten lassen - und die Aktion im Laden und im Netz bewerben. Bei einem Fotowettbewerb am Ende des Jahres können alle Kunden über das beste Schaufenster abstimmen. Die Fotos der Dekorateure auf Zeit dürten auch im Freundes- und Familienkreis die Runde machen - und neue Kunden anlocken.
  • Eine "Booktinder"-App entwickeln, bei der Nutzer passend zu ihren eigenen Leseinteressen Vorschläge bekommen - und dann die Cover, wie bei Tinder, nach links und rechts "wegwischen" können. Zu Büchern, die sie interessieren, können sie Zusatzinformationen abrufen. Und es gibt "Push-Nachrichten", falls diese Titel in einer Buchhandlung in der Nähe vorrätig sind. Außerdem könnten sie beim Buchhändler vor Ort bestellt werden.
  • Schnell umzusetzen: Vor der Ladentür "Buchtipps to go" verteilen, gedruckt auf kleine Zettel und flankiert von nettten Give-Aways wie einem Keks - umsetzbar in Zusammenarbeit mit Verlagen.
  • Eine Kreativwand in der Buchhandlung aufstellen (etwa eine große Kreidetafel), die als Plattform für den Gedankenaustausch dient. Kunden könnten hier Buchtipps posten oder kommentieren, aufschreiben, was ihnen durch den Kopf geht. Kommunikation auf analoger Basis.

Der neue Award für den Branchennachwuchs ist damit vergeben, die Diskussion um das Thema Kundenfrequenz dagegen kommt gerade erst so richtig in Gang. Bei der Chancen-Auslotung auf dem Messepodium ging es auch um Kooperationsmöglichkeiten und Synergie-Effekte mit anderen Einzelhändlern, vor allem aber um die gesellschaftliche Aufgabe, Städte so zu gestalten, dass sie attraktiv bleiben.

cro

Zum Weiterlesen:

Die Sonntagsfrage: "Wie kann ein Award bei Frequenz-Verlusten helfen, Frau Lenz?"

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