LiBeraturpreis 2017 an Fariba Vafi

"Ein Psychogramm des Iran"

Eine Feierstunde der Weltliteratur gab es am Samstagnachmittag auf der Bühne des Weltempfangs der Frankfurter Buchmesse: Die iranische Autorin Fariba Vafi wurde für ihren Roman "Tarlan" (Sujet Verlag) mit dem LiBeraturpreis 2017 ausgezeichnet. "Sie erzählt und eröffnet Routen", so der Laudator SAID.

Fariba Vafi bei ihrer Dankesrede

Fariba Vafi bei ihrer Dankesrede © Anke Kluß

Es war wieder einmal rappelvoll vor der Bühne des Weltempfangs, als am Samstagnachmittag die Verleihung des LiBeraturpreises an die iranische Autorin Fariba Vafi (dass sie den Preis bekommt, war schon per Publikumsvotum entschieden; siehe Archiv) anstand – bereits zum fünften Mal fand der löbliche Event im Rahmen der Buchmesse statt. In ihrer Begrüßung ("liebes treues, liebes neues Publikum")  wies Litprom-Geschäftsleiterin Anita Djafari auf einige Neuerungen hin: So ist seit Juli Ines Pohl, Chefredakteurin der Deutschen Welle, neue Schirmherrin des Preises (Pohl konnte nicht vor Ort sein; ihr Grußwort findet sich hier) – und mit YogiTea konnte ein neuer Unterstützer gewonnen werden. Anita Djafari hofft so, den LiBeraturpreis nach und nach weiter entwickeln zu können, in der Öffentlichkeit noch präsenter zu machen. Sie träumt von einer "kleinen Schwester des Friedenspreises". Die dritte Neuerung regte der neue Sponsor YogiTea an, dem es wichtig war, dass der Preis auch ins Herkunftsland der jeweiligen Gewinnerin hineinwirkt: Dort sollen Schreibworkshops (mit den Autorinnen) veranstaltet werden. Doch zurück zum Preis: Die diesjährige Preisträgerin zeige auf das Allerschönste, wofür der Preis steht, so Djafari, und sie ergänzte: "Gerade bei einem Land wie dem Iran ist es wichtig, mit Vorurteilen aufzuräumen."

SAID bei seiner Laudatio

SAID bei seiner Laudatio © Anke Kluß

"Eine Hinterfragung der Macht"

Der deutsch-iranische Schriftsteller SAID hob die leise, flüsternde, verratende Sprache der Autorin in "Tarlan" hervor. Im Buch gebe es "kein Wort über Politik", nicht einmal die Bezeichnung "Islamische Republik" falle. Sie bewerte nicht, urteile nicht, erzähle von "einem ganz normalen iranischen Leben". Der Laudator merkte jedoch an: "Aber sie stellt ein Psychogramm des Landes zusammen." Das gelte auch für ihr ganzes Werk: "Die deutsche Öffentlichkeit hat ein festes Bild vom iranischen Leben: Mullahs, Folter, Mord, Kopftuch, Flüchtlinge, Blut, Gefängnis. Keine Spur davon in den Büchern unserer Autorin. Hört man ihr aufmerksam zu, so erfährt man, was alles dort geschieht, in jenem fernen Land – subkutan". Die Handlung des prämierten Romans spielt in der Zeit nach dem Sturz des Schah im Iran. Tarlan, ein junges Mädchen, hegt den großen Wunsch, Schriftstellerin zu werden, entschließt sich aber – auch um der Arbeitslosigkeit zu entkommen und Lebenserfahrung zu sammeln – Polizistin zu werden, rückt zur harten Ausbildung in eine Polizeikaserne ein. Literatur, Schreiben und Träume sind ihr Rückzugsgebiet. In der Kaserne trifft sie auf Mädchen aus allen Landesteilen und deren Schicksale.

"Was wie eine Flucht nach vorne klingt", so SAID, "entpuppt sich im Laufe der Erzählung als eine Hinterfragung der Macht und ihrer prekären Praktiken." Fünf Millionen Iraner hätten das Land seit der Islamischen Revolution verlassen – anders die Autorin. SAID ordnete ein: "Fariba Vafi flüchtet nicht, bleibt und beschreibt einen Mikrokosmos, scheinbar unpolitisch – sehr persönlich. Und das in einem Land, in dem die Machthaber nur im Kollektiv einen Sinn sehen und dem Individuum keinen Platz lassen." Das Mädchen Tarlan sei unbesiegbar,ungeachtet dessen, welche Ordnung die Unterdrückung versuche. "Muss Tarlan Fariba Vafi nicht dankbar sein für diese Haltung?  Wir jedenfalls sind es", schloss SAID.

Anita Djafari (re.) überreicht Fariba Vafi die Preisurkunde

Anita Djafari (re.) überreicht Fariba Vafi die Preisurkunde © Anke Kluß

Gesprächsrunde mit kleinen Hindernissen

Anita Djafari verlas und übergab im Anschluss die Urkunde ("ein leiser Roman, der es in sich hat", heißt es darauf) und einen Blumenstrauß an Fariba Vafi − das Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro stiftet die Buchmesse. Nach der Dankesrede der Preisträgerin, folgte das schon traditionelle Gespräch mit der Autorin und ihrer Übersetzerin – in diesem Fall Jutta Himmelreich – auf dem Podium. Leider litt es diesmal unter technischen Problemen bei der simultanen Übersetzung. Zum Glück konnte Jutta Himmelreich teils einspringen. Erörtert wurden Fragen zur Figur Tarlan, zum Erzählstil der Autorin (die das ein oder andere Mal recht sparsam antwortete, sich bedeckt hielt), zur Arbeit an der Übersetzung – und zum geplanten Schreibworkshop im Iran. Mit diesen möchte Vafi normale Leute aus der Bevölkerung zum Schreiben animieren. Alles in allem eine erhellende Runde, moderiert von Barbara Wahlster.

Im Anschluss signierte die Autorin ihre Bücher und es gab einen kleinen Empfang mit leckerem persischen Fingerfood.

Zum Preis: Der LiBertaurpreis, der seit 1988 vergeben wird – seit 2013 unter der Regie der Frankfurter  Gesellschaft Litprom Literaturen der Welt – ist ein Preis für Autorinnen aus Afrika, Lateinamerika, Asien und der arabischen Welt.

Kleine Räume schaffen

Lesungen und Gespräche mit Fariba Vafi, die in ihrem Heimatland viele Preise gewonnen hat, gab es während der Buchmesse zudem im Haus des Buches und am Arte-Stand. Ins Haus des Buches waren am Donnerstagabend rund 80 Zuhörer gekommen, zuerst las die Autorin mit melodischer, leiser Stimme eine Passage von Tarlan auf Farsi, dann trug Jochen Nix weitere auf Deutsch vor. Spannend war das Gespräch zwischen dem Moderator Gerrit Wustmann und Vafi über Roman und das Leben als Autorin im Iran – für die Übersetzung sorgte Jutta Himmelreich. Tarlan sei stellvertretend für viele Menschen, die sich auf die Suche machen, so Vafi, die wie Tarlan aus der Enge heraus möchten.

Aber auch die Situation in ihrem Heimatland wurde thematisiert: "Wie frei kann eine Autorin im Iran schreiben?", fragte der Moderator. Sie habe eine Schere im Kopf, antwortete Vafi, sie wisse, wie man formulieren muss, damit es die Zensur durchgehen lässt, und: "Ich beschäftige mich dauernd mit der Zensurbehörde. Ich schreibe dann einfach manche Dinge nicht." Die andere Option wäre gewesen, gar nicht zu schreiben. "Wenn wir kleine Räume schaffen, in denen wir uns bewegen können, ist das sehr viel", ergänzt sie. Der LiBeraturpreis habe dazu geführt, dass es eine Neuauflage von "Tarlan" im Iran gab und auch ihre anderen Bücher seien wieder stärker nachgefragt worden.

Am Freitag folgte ein Gespräch auf der Arte-Bühne, dass auf der Website des Senders auszuschauen ist.

© Sujet Verlag

Zum Buch

Der prämierte Roman ist im Bremer Sujet Verlag von Madjid Mohit erschienen. Mohit kam 1990 als politischer Flüchtling aus dem Iran nach Deutschland und gründete 1996 seinen Verlag. Er war bei der Preisverleihung anwesend und erzählte im Gespräch, dass nach der Bekanntgabe der Preisträgerin im Juni der Absatz des Buches gestiegen sei – seit Oktober gibt es auch eine Softcover-Ausgabe. Wie ist es dazu gekommen, dass er den Roman publizierte? Mohit kennt und schätzt den ersten auf Deutsch erschienen Roman "Kellervogel" und die Übersetzerin Jutta Himmelreich sei eine sehr gute Freundin – so kam eins zum anderen. Für die deutsche Ausgabe eines weiteren Werks von Vafi sei man bereits im Gespräch.

  • "Tarlan", 2017, Softcover, 16,80 Euro, ISBN 978-3-96202-004-0
  • "Tarlan", 2. Auflage 2017, Hardcover, 19,80 Euro, ISBN 978-3-944201-55-9

"Tarlān" (2006) ist der zweite Roman von Fariba Vafi. Er wurde von Jutta Himmelreich vom Farsi ins Deutsche übersetzt.

Lesungen mit Fariba Vafi

Wer die LiBeraturpreisträgerin auf einer Lesung kennenlernen möchte (es lohnt sich!) hat dazu noch an mehreren Terminen die Gelegenheit:

  • 15. Oktober – Frankfurt am Main, Saalbau Gallus, Frankenallee 111, Beginn: 18.30 Uhr. Der Iranische Literatur- und Kulturverein in Frankfurt präsentiert eine Lesung und Gesprächsrunde mit Fariba Vafi.
  • Der Sujet Verlag kündigt auf seiner Website vom 18. bis 20. Oktober drei Veranstaltungen mit seiner Autorin an – in Köln, Bonn und Hamburg.

mg

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1 Kommentar/e

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  • Prof. Dr. Abdo Abboud

    Prof. Dr. Abdo Abboud

    Das ist ein erfreulicher Erfolg, nicht nur für die iranische Schriftstellerin Fariba Vafi, sondern auch für die gesamte persische Gegenwartsliteratur, die in Deutschland bis heute keine adäquate Rezeption erfuhr. Umso erfreulicher ist dieser Erfolg angesichts der Tatsache, dass Frau Vafi in Persien lebt und wirkt. Herzlichen Glückwunsch !

    • ...

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