Logistikumfrage 2015

Sehr kleine Päckchen

Es liegt noch Geld auf der Straße: Würden Remissionen reduziert, Rechnungen stärker gebündelt oder nicht so viele Kleinstsendungen herumgeschickt, sähe die Welt besser aus. Ergebnisse der Logistikumfrage des Börsenvereins. VON CHRISTINA SCHULTE

Im Logistikjahr 2014 wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt: KNV hat sein neues Logistikzentrum in Erfurt in Betrieb genommen, einen Standort der Superlative. Das Stuttgarter Familienunternehmen investierte 150 Millionen Euro, 315. 000 Quadratmeter Grundstücksfläche und 175 .000 Quadratmeter überbaute Fläche stehen zur Verfügung. Was sonst noch los war bei den Logistikern print und digital? Zahlen und Fakten liefert die jüngste Logistikumfrage des Börsenvereins, an der sich elf Unternehmen beteiligt haben.

In die Untersuchung flossen zum zweiten Mal − nach der Premiere im vergangenen Jahr − auch die digitalen Umsätze ein. Die Teilnehmer kommen auf einen Gesamtumschlag (zu Nettoabgabepreisen) von 2,454 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einer Steigerung von 1,85 Prozent. Der Umschlag print und digital je Teilnehmer bewegte sich bei 223 Millionen Euro.

Ein Blick auf die Auswertung für die physischen Bücher zeigt eine nahezu unveränderte Kundenstruktur (siehe Grafik 1). Der stationäre Handel hält mit einem Wert von 56,16 Prozent seine Spitzenposition aufrecht, gegenüber dem Vorjahr gab es nur einen minimalen Rückgang. Eine sichtbare Veränderung zeigt sich hingegen beim Online- und Versandhandel (inklusive Weltbild).

Stefan Könemann, Vorsitzender des Ausschusses für den Zwischenbuchhandel, führt die Differenz von 9,44 Prozent zu 8,67 Prozent auf den "Weltbildfaktor" zurück – die rückläufigen Geschäfte der Augsburger machen sich auch bei den Logistikunternehmen bemerkbar. Zulegen konnte der Export, hier ging es fast um einen Prozentpunkt nach oben. 

In Sachen Bündelung herrscht noch immer bedächtige Ruhe, ein Ärgernis für die Logistiker. Standen 2013 im Schnitt 7,7 Positionen auf der Rechnung, waren es 2014 durchschnittlich nur noch 7,55 Positionen (siehe Grafik 2). Zudem sind mit einem Durchschnittswert von 49,8 Exemplaren auch weniger Exemplare pro Rechnung verzeichnet worden. Stefan Könemann appelliert daher an die Buchhändler, "ihr Bestellverhalten zu überprüfen". Und allen Marktteilnehmern ruft er zu, dass viel und gern von Bündelung gesprochen werde, systemimmanentes Verhalten wie Schnellschüsse oder viele Auslieferungstermine die Bemühungen aber unterwandern würden.

Teure Remissionen 

Ein Kostentreiber für die gesamte Branche, die Remissionsquote, hat sich nur unwesentlich verbessert (von 7,93 auf 7,69 Prozent). Noch immer liegt der Anteil der Remissionen am Umsatz bei fast acht Prozent. "Unter Rationalisierungsgesichtspunkten bleibt das katastrophal", meint Könemann. Auch beim Lagerumschlag tut sich kaum etwas, er dümpelt träge bei 1,22 vor sich hin.

Im vergangenen Jahr befanden sich mehr unberechnete Bücher im Umlauf als 2013: Jedes neunte statt jedes zehnte Buch ist der Gattung der Rezensions- und Freiexemplare zuzurechnen. Die Tendenz der Vorjahre, immer mehr Bücher unberechnet zu versenden, setzt sich also fort. Sehen lassen kann sich im Vorjahresvergleich die Entwicklung der Bestellstruktur. Mehr als vier Fünftel der Aufträge wurden elektronisch übermittelt (siehe Grafik 3). "Der Fehler vermeidende und effiziente elektronische Bestellweg wurde weiter ausgebaut", freut sich der Ausschuss-Vorsitzende. Da nur der Print-Teil betrachtet werde, "ist dies umso erfreulicher, da wir davon ausgehen können, dass E-Books stets elektronisch bestellt werden".

Einem immer schwierigeren Geschäft frönen die Verlagsvertreter. Ihr Auftragsanteil liegt bei 19,7 Prozent, somit sind weniger als ein Fünftel der Aufträge ihnen zuzuschreiben – von denen wiederum mehr als 90 Prozent elektronisch übermittelt werden. Filialisten und Onliner bestellten ohne Vertreter­besuch, aber auch immer mehr stationäre Sortimenter würden ihre Besuchstermine reduzieren, meint Könemann." Diese Zahlen zeigen das chronische Dilemma der Verlagsvertreter." Eine positive Richtung lassen die manuell weiterzubearbeitenden Bestellungen erkennen: Statt 18,8 Prozent der Bestellungen müssen mittlerweile nur noch 17,76 Prozent per Fax, E-Mail oder Telefon angepackt werden. "Dies ist ohne den digitalen Anteil der Auslieferungen eine deutliche Verbesserung", so die Einschätzung Könemanns.

Die Sendungsstruktur ist nach wie vor geprägt von den Kleinstsendungen unter zwei Kilogramm. Fast 35 Prozent der Ware werden in dieser Größenordnung verschickt, eine Verbesserung zum Vorjahr ist kaum zu erkennen (siehe Grafik 4). Nur allerkleinste Unterschiede gab es auch bei den Päckchen zwischen zwei und fünf Kilogramm. Der Anteil der vom Porto her rentablen und angenehm zu handelnden Packstücke im Bereich fünf bis zehn Kilo ist stabil, in der Klasse zwischen zehn bis 20 Kilo sogar leicht erhöht. "Eine erfreuliche Tendenz", wie der Logistiker Könemann findet.

Nimmt man die Struktur der Transportwege unter die Lupe, ist zu erkennen, dass Post- und Paketdienste weiter Marktanteile hinzugewonnen haben – zulasten des Paket- und Büchersammelverkehrs. Auf dem Postweg werden mittlerweile 36 Prozent der Packstücke versandt, neun Prozent gehen über die Paketdienste. Der Büchersammelverkehr kommt noch auf 44,6 Prozent.

Digitaler Vormarsch 

Die digitalen Umsätze der Verlagsauslieferungen haben 2014 einen großen Sprung gemacht. Alle elf Teilnehmer gemeinsam generierten Einnahmen von 126,11 Millionen Euro − und damit satte 40,61 Prozent mehr als im Vorjahr. Für Jens Klingelhöfer, Digitalexperte und Mitglied im Ausschuss für den Zwischenbuchhandel, ist "umsatzseitig im digitalen Bereich eine deutliche Entwicklung nach oben erkennbar". Auch die Anzahl der direkt belieferten Händler je Teilnehmer kletterte von 18 auf 20. 

Im Portfolio waren pro Verlagsauslieferung 9.309 E-Books im Angebot und damit die Hälfte mehr als im Vorjahr (siehe Grafik 5). Die Anzahl der digital lieferbaren Titel steige zwar stark an, liege jedoch noch deutlich unter der Anzahl physisch lieferbarer Titel, führt Klingelhöfer aus.

Das am weitesten verbreitete Format bei den E-Books bleibt mit einem Riesenabstand EPUB mit 86,26 Prozent (2013: 82,74 Prozent). PDFs haben fast fünf Prozentpunkte verloren und liegen bei 22,36 Prozent. Proprietäre, interaktive Formate wie iBooks Author, werden laut Umfrage nur wenig genutzt, wenngleich ein leichter Anstieg zu be­obachten sei, meint Klingelhöfer.
An welche Kunden werden die E-Books ausgeliefert? Es dominiert unerreichbar der digitale Handel, der 97,21 Prozent des Umsatzes generiert (Stückverkauf / Pay-per-Download). Zweitwichtigster Abnehmer sind digitale Verleihmodelle (Bibliotheken, Verleihplattformen), die mit 2,24 Prozent jedoch weit abgeschlagen sind. Allerdings, so Klingelhöfer: "Es ist eine leichte Tendenz zu erkennen, dass Verlage auch auf Umsatzseite wahrnehmbare Aktivitäten in Richtung alternativer Vertriebswege entwickeln." Dazu zähle auch der Direktvertrieb an Endabnehmer (Privathaushalte, Institutionen, Unternehmen), die von 0,07 Prozent auf 0,51 Prozent zulegen konnten.

E-Books als Gratisexemplare 

Beim Verhältnis zwischen den berechneten und den unberechneten Exemplaren nehmen sich die Vertriebswege print und digital nicht allzu viel. Fast jedes zehnte E-Book, bei leicht rückläufiger Entwicklung, wird kostenlos abgegeben. "Die Verlage machen hier von der Möglichkeit Gebrauch, Bücher zu Marketing­zwecken auch ohne große Kosten gratis zu vertreiben", zieht Jens Klingelhöfer Bilanz.

Eine interessante Entwicklung ergibt sich bei der Remis­sionsquote, die mit 0,68 Prozent sehr gering ist, jedoch auf niedrigem Niveau von 0,58 Prozent gestiegen ist. Bisher hätten nur wenige Händler überhaupt Remissionen zugelassen, weiß Jens Klingelhöfer. "Durch die Gesetzesänderung im Jahr 2014 wird es jedoch interessant zu beobachten, wie sich die verbraucherfreundliche neue Rückgaberegelung in den kommenden Jahren auf den deutschen Markt auswirken wird und wie die Händler damit umgehen werden", so der Digitalexperte. Bei dem jetzigen Anstieg bleibt für Klingelhöfer die Frage offen, "ob dieser von größerer Kulanz der Händler oder von häufigerer Rückgabe auf Basis der neuen Gesetzes­lage für Verbraucher herrührt".

Zur Logistikumfrage 2015

  • Auftraggeber: Ausschuss für den Zwischenbuchhandel
  • Durchführung: Abteilung Marktforschung des Börsenvereins
  • Teilnehmer: elf Verlagsauslieferungen
  • Gesamtumschlag 2014 (print und dgital zu Netto-Abgabepreisen): 2,454 Milliarden Euro (davon digital 126,11 Millionen Euro)

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