London Book Fair

Autoren im Fokus

Gestern öffneten bei strahlendem Sonnenschein die Tore der altehrwürdigen und jahrelang für rund 30 Millionen Pfund frisch renovierten "Grand Hall at Olympia". Die London Book Fair ist in ihrem 44. Jahr an ihren angestammten Platz zurückgekehrt. Diesmal Schwerpunkt: die Autoren.  VON NICOLA BARDOLA

Die besondere Atmosphäre unter den riesigen Stahl-Glas-Dachkonstruktionen und der bis zu den Verlagsständen hinab blau leuchtende Himmel sorgen für gute Stimmung bei den Ausstellern aus über 60 Ländern.

"Das natürliche Licht ist die Besonderheit dieser Messehallen", freut sich Messedirektorin Jacks Thomas bei der Eröffnung in Anwesenheit des britischen Messe-Stargasts, der Kochbuchautorin Mary Berry, und verweist darauf, dass dies bei modernen Ausstellungsflächen weltweit eine Seltenheit ist. Hinzu kommt als herausragendes Merkmal von Londons Olympia die abwechslungsreiche Geschichte dieser vom US amerikanischen Architekten Henry Coe erdachten und 1886 eröffneten Grand Hall: Queen Victoria selbst war bei der ersten Darbietung anwesend. Damals war ein Zirkus aus Paris mit 400 Tieren zu Gast. Die Halle war u.a. auch Schauplatz für Buffalo Bill mit seiner Wildwest Show oder für britische Pferdeschulen.

200 Seminare finden an den drei Messetagen statt, wo dereinst das renommierteste Hippodrom Londons Pferdenarren erfreute. Besonders gut besucht - nicht selten überfüllt - sind Veranstaltungen mit und von Autoren, egal ob Selfpublisher oder in viele Sprachen übersetzt. Dieses Jahr nimmt die Kategorie "Authors: Central to the business" eine herausragende Stellung ein. In den Programmen tauchen Events mit  renommierten Urhebern an erster Stelle auf (stets vor Themen z.B. zur digitalen Veränderung) wie z.B. Deborah Moggach ("Club der gebrochenen Herzen", Insel) im PEN Literary Salon.

Aber auch in den anderen neun Seminar-Kategorien werden Autoren in den Mittelpunkt gestellt. Bei "The Dark Arts: Writing Fantasy an Horror for Young Adults" in der Rubrik "Content across all platforms" müssen Dutzende Büchernarren vor dem Club Room warten, bis sie am Ende der Podiumsdiskussion einen Blick auf ihre Stars wie C. J. Daugherty ("Night School", Oetinger) werfen können.

In den Hallen lässt derweil die Freude über die alte und neue Location nicht nach. Adelheid Müller etwa, Foreign Rights Managerin beim Christophorus Verlag, findet die neue Lage allein unter Ausländern mit Blick über die Halle prima. Da stören auch kleine Merkwürdigkeiten nicht weiter: Beim Anbau im 19. Jahrhundert hatte man sich nicht vorstellen können, wie schnell die Menschen und ihre Vehikel in die Höhe schießen.

Bemerkenswert sind die Treppen auf dem Messegelände. Geschickt werden sie als Werbeflächen genutzt und dienen zugleich den Besuchern als Orientierungshilfe. Die Treppenfarben (sechs verschiedene verteilt auf das Messegelände) sind bei der Suche nach dem Gesprächspartner entscheidend.

Auch an den zahlreichen Bistrots setzt die Messe Akzente. Alice im (Tee-) Wunderland trinkt da gerne eine Tasse mit: Das Tea-House neben den Kinderbuchverlagen erinnert im Jubiläumsjahr an Lewis Carroll.

Für Volker Busch, Programmleiter Egmont und  Lyx, ist die London Book Fair unverzichtbar. Vieles wird im Kinder- und Jugenbuchbereich zwar schon in Bologna verhandelt, weshalb er London als "entspannte Messe für die kleinen und weniger kleinen Kontakte" sieht. "Unsere Messedeals müssen wir machen, bevor das große Hypen beginnt. Diesmal haben wir mit Meredith Wilds Hacker-Serie einen der zu Höchstpreisen gehandelten, dicken Fische für Egmont Lyx rechtzeitig an Land gezogen." Als eine von drei Indie-Autorinnen ist Meredith Wild in der Woche vor London vom US-Verlag Grand Central (Hachette) mit einem stolzen Multi-Millionen-Dollar-Deal unter Vertrag genommen worden. Die mehrteilige Lovestory mit erotischem Einschlag
dreht sich um eine aufstrebende Internet-Unternehmerin und einen CEO mit Hacker-Vergangenheit. "Wild selbst hat bisher 1,2 Millionen E-Books und 200.000 Printexemplare verkauft" - Busch freut sich auf ein Buchereignis mit Bestsellerpotenzial".

"In London sind dann doch noch andere Leute als in Bologna, unsere Terminkalender jedenfalls sind vollgepackt", sagt Busch. Kein Wunder: Auch das Publikum erlebt hier Auftritte, die es in Italien selten gibt. Andersen Press-Verleger Klaus Flügge – auf der Jugendbuchmesse in Bologna hat er gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert – ist in London mit seinem Star- und Skandal-Autor Melvin Burgess (u.a. "Doing It", Carlsen) unterwegs.

Auch für Monika Schlitzer, Programmleiterin bei Dorling Kindersley Deutschland, ergeben sich hier besondere Begegnungen. Die Vorfreude ist groß: Mit ihrer Promi-Köchin und britischen Bestsellerautorin Mary Berry will sie im Kochbuchmarkt neue Akzente setzen: „Wir werden Mary Berry als Person in Deutschland positionieren. In England ist sie eine der populärsten Figuren, was Küche angeht. Sie macht das schon seit über 40 Jahren. Jeder kennt sie hier. Ihr Name ist mitgutem Essen verknüpft. Sie ist so glaubhaft mit dem Thema ‚britische Küche‘, die sie immer wieder erneuert. Das sind nicht traditionelle Rezepte, sondern britische Rezepte für die Gegenwart: gesund und unkompliziert. Sie ist eine Köchin mit einer besonderen Botschaft und mit einem besonderen Stil, der sich auch durch das ganze Buch zieht. Bei uns erscheint es im Herbst“, freut sich Schlitzer.

Begeisterung auch am österreichischen Gemeinschaftstand, als während der Messe die Gewinner des „European Union Prize for Literature“ verkündet werden. Darunter befindet sich auch die 1976 geborene Carolina Schutti. Sie erhält für ihr Debüt „Einmal muss ich über weiches Gras gelaufen sein“ (erschienen beim kleinen Otto Müller Verlag) 5.000 Euro. „Sie ist der Shooting Star der österreichischen Literaturszene. Diese Auszeichnung wird für zahlreiche Übersetzungen sorgen“, sagt Benedikt Föger, Präsident des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels.

Abends findet die Messe ihre Fortsetzung bei zahlreichen Veranstaltungen. So wurde in der deutschen Botschaft Eugen Ruge geehrt. „In Times of Fading Light“ heißt sein Erfolgsroman auf Englisch. Der Schauspieler Simon Kane liest daraus vor und Anne McElvoy diskutiert mit Ruge. Dabei wird klar, wie aufmerksam die anglo-amerikanischen Medien den DDR-Roman gewürdigt haben. „Das nimmt man sehr gerne mit, so ein Abend in London“, meint Ruge im Garten der Botschaft in Begleitung seiner Frau Martina und der Rowohlt Verlegerin Barbara Laugwitz.

Mit-Initiatorin des Abends ist Charlotte Ryland, Redakteurin der Zeitschrift „New Books in Geman“. Gelobt wird in der aktuellen Ausgabe u.a. auch der Spiegel-Bestseller „Altes Land“ von Dörte Hansen (Knaus). Die Rechte dafür verkauft Gesche Wendebourg. „Die Stimmung war schon am ersten Tag ausgezeichnet. 

Leider hatten manche Schwierigkeiten, das abgelegene Right’s Center zu finden. Aber das dürfte sich schnell erledigen. Toll finde ich auch, dass es hier einen heiß gehandelten Roman aus Ungarn gibt. Ausgerechnet Ungarn. Wann hat man das schon?“, freut sich Random House-Lizenzmanagerin Gesche Wendebourg. Bis spät in die Nacht rockt dann noch die „International Publishing Band“, die vorwiegend aus den Niederlanden stammt, den Keller des In-Lokals Troubadour. Zuvor hatte „Half on Signature“, so der Name der vielköpfigen und exquisiten, auf Rhythm & Blues, Soul und Rock spezialisierten Combo u.a. auf Facebook ein erfolgreiches Crowdfunding betrieben. Beschwingt können dank dieser großangelegten Kooperation die Besucher den zweiten Messetag angehen.

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