Neu im Regal

Literatur und Kontrollposten

Das Jahr 2016 geht zu Ende, der Nachhall der Schreckensmeldungen bleibt. Die Nachrichten zur Ukraine stehen inzwischen nicht mehr auf Seite eins der Zeitungen, eher weiter hinten, unten. Dennoch: Die Lage bleibt schwierig. Der Band „Warum ich nicht im Netz bin“ des ukrainischen Schriftstellers und Musikers Serhij Zhadan lotet die Lage aus.  VON PG

Checkpoint nahe Luhansk: Bürger transportieren ihre Sachen über eine Behelfsbrücke, nachdem die eigentliche Brücke durch Kämpfe zerstört wurde. Aufnahme vom 16.12.2016 © picture alliance / Alexander Ermochenko/EPA/dpa

„Warum ich nicht im Netz bin“ besteht aus zwei Teilen: Gedichten aus den Jahren 2012 bis 2016 und Tagebucheinträgen von Reisen in der Ukraine aus den Jahren 2014 und 2015. Im Vorwort erläutert Zhadan, dass sich das Vokabular um Wörter erweitert, die man bis dahin nur aus historischen Romanen kannte, wie „Einberufene“ oder „Gefallene“. Zhadan erläutert in einer Art Vorwort: „Der Krieg ändert auch die Intonation. Sarkasmus und Ironie sind in vielen Fällen unangebracht, Pathos ist überflüssig, Groll schädlich … ein falsches Wort zur falschen Zeit zerstört möglicherweise nicht nur das semantische Gleichgewicht, sondern ein ganz reales Menschenleben. Der Tod kommt dir so nahe, dass du viele Dinge mit ihm abstimmen musst.“

Das „Luhansker Tagebuch“ ist eine nachdenkliche Reisereportage, die den Leser mit Zhadan durch den Alltag einer zerrissenen Ukraine führt, vorbei an Kontrollposten, entlang des Frontverlaufs, durch Militärposten, zerschossenen Schulen, Kulturzentren. Das Zeitgeschehen spiegelt sich in Gesprächen, die so unklar wie die Frontlinie verlaufen können, und in den Komplikationen eines Alltags unter Kriegsbedingungen. Zhadan agiert als literarischer Beobachter, beschreibt ohne Wut,  eher mit Verwunderung und Besonnenheit. Die Trauer um das Land, um die Menschen, liegt in den Gedichten im ersten Teil des Buches. Sie weisen weit über ihren Anlass und ihren Zeitbezug zum Bürgerkrieg in der Ukraine hinaus. Es sind Gedichte, die einzelne Schicksale beschreiben oder in apokalyptischen Motiven den Zustand der vom Krieg verwüsteten Seelen.

Im August schon ist das Buch erschienen. Es ist allerdings kein Buch, das man im Sommer zum Freizeitvergnügen hätte lesen können, es braucht eine Zeit, die ruhiger ist und nachdenklicher, dunkler auch. Man muss dieses Buch allerdings lesen, wenn man wissen möchte, was sich hinter den nachrichtenrelevanten Ereignissen in der Ukraine abspielt, wenn man erfahren möchte, warum die Lage dort ist, wie sie ist, und wenn man sich dafür interessiert, wie sich dabei das Schreiben eines Schriftstellers verändert. 

Serhij Zhadan: „Warum ich nicht im Netz bin - Gedichte und Prosa aus dem Krieg“.
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe und Esther Kinsky. Suhrkamp, Broschur, 180 S., 16 Euro 

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