Neue Architekturbücher

Bauwunder

Mit den Bedürfnissen der Menschen verändern sich auch die Städte und Häuser, in denen sie leben. Die neuen Architekturbücher lenken den Blick auf die Geschichte des Bauens – und auf die (mobilen) vier Wände von morgen. SABINE GRAICHEN

© Achim Bednorz / Abb. "Die Welt der Romanik. Baukunst und Bildkultur im Hochmittelalter", Hrsg. Rolf Toman, h.f. ullmann 2017

"Eine Stadt ist mehr als die Summe ihrer Häuser": Auf ganz unterschiedliche Weise spiegelt sich dieser viel zitierte Satz in den aktuellen Architekturtiteln der Verlage wider. Den Auftakt dieser Novitätenübersicht machen zwei große Panoramen der Baukunst. Komplett überarbeitet und aktualisiert wurde Jonathan Glanceys Übersicht "­Architektur" in der Dorling-Kindersley-Reihe Kompakt & Visuell (512 S., 19,95 Euro). In das reich bebilderte Handbuch der Weltarchitektur sind alle Zeiten und Kontinente einbezogen, von der Architektur des alten Nahen Ostens über asiatische Tempel und gotische Kathedralen bis in die Gegenwart.

In kurzen, prägnanten Texten werden etwa 450 exemplarische Bauwerke vorgestellt. Darüber hinaus sorgen die wichtigsten Stilelemente und historische Zeitleisten für schnelle Orientierung, Sonderkästen geben Hinweise auf bedeutende Bauherren und Architekten. Das Buch empfiehlt sich auch als Reisebegleiter, den man oft und gern zurate zieht.

Nicht für den Koffer, sondern eher für ein Lesepult geeignet ist hingegen der prächtige und repräsentative Bildband "Die Welt der Romanik. Baukunst und Bildkultur im Hochmittelalter" (herausgegeben von Rolf Toman, h. f. ullmann, 568 S., 49,90 Euro). Die zum Teil aufklappbaren Farbfotografien von Achim Bednorz zeigen Klöster, Gotteshäuser, Portale und Kapitelle aus ganz Europa, darunter faszinierende Detailaufnahmen. Dabei erläutern die Texte von Uwe Geese wichtige kulturhistorische Aspekte, wie etwa Mönchtum, Kreuzfahrten, Pilgerwesen und Reliquienkult.

Auf eine oft geschmähte, in den vergangenen Jahren aber wieder neu entdeckte Architekturströmung des 20. Jahrhunderts konzentriert sich der Londoner Fotograf Simon Phipps in "Finding Brutalism. Eine fotografische Bestandsaufnahme britischer Nachkriegsarchitektur" ­(herausgegeben von Hilar Stadler und Andreas Hertach, Park Books und Museum im Bellpark, 260 S., 38 Euro). In dem auffallend gut gestalteten Band erinnern über 200 großformatige Schwarz-Weiß-Bilder von Schulen, Universitäten und Wohnsiedlungen an eine Epoche im Zeichen sozialen Engagements. Mit seinem subjektiven Blick zeigt Phipps, wie die meist aus rohem Sichtbeton (béton brut) bestehenden Gebäude gealtert sind – und betont ihre raue Materialität.

Auch der durch zahlreiche Museumsbauten bekannte japanische Stararchitekt Tadao Ando hat eine ausgeprägte Vorliebe für Beton, doch ohne Nähe zum Brutalismus. In seinem nach einem Japan-Aufenthalt entstandenen Essay "Ando. Raum Architektur Moderne" (modo Verlag, 166 S., 34 Euro) reflektiert der Freiburger Philosoph Günter Figal über das Wesen der Moderne und Raumerfahrungen in Andos Architektur.

Der städtische Raum hingegen steht im Zentrum von Vittorio Magnago Lampugnanis "Die Stadt von der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert. Urbane Entwürfe in Europa und Nordamerika" (Wagenbach, 384 S., 78 Euro bis 31. Dezember, dann 98 Euro). Mit dem edlen, hinreißend illustrierten Band vollendet der renommierte Architekturhistoriker seine Geschichte der Stadtbaukunst.

Anschaulich und präzise wird ein Überblick über die komplexe Geschichte der abendländischen Stadt vermittelt – von den mittelalterlichen Stadtstaaten über die urbanistischen Erfindungen der Renaissance bis zu den gewaltigen Modernisierungen, die den Bedürfnissen des Bürgertums entsprachen. Zu den europäischen Protagonisten zählen Florenz und Rom, London und Paris, Wien, Barcelona und Lissabon. Auch Berlin, der "verspäteten Großstadt", ist ein ganzes Kapitel gewidmet.

Was aber prägt heute die Identität und das Gesicht dieser Stadt? In dem Buch "Berlin. Die Schönheit des Alltäglichen. Urbane Textur einer Großstadt", das Frank Peter Jäger herausgegeben hat, geht es um die "Reize des zweiten Blicks" (jovis, 192 S., 28 Euro). Es ist eine Liebeserklärung ohne Kitsch und Nostalgie. Sachlich und poetisch zugleich wird die Wahrnehmung des Betrachters sensibilisiert – für die Berliner Brandmauern, die höher und länger sind als anderswo, für die Gehwege aus schlesischem Stein, für das gründerzeitliche Mietshaus.

Dass die Identität einer Stadt mit der Gestaltung ihrer öffent­lichen und halböffentlichen Räume untrennbar verbunden ist, führt auf ganz andere Weise auch der "Architektur­führer Münster / Münsterland. Bauten und Projekte seit 2006" von Anke Tiggemann vor Augen (herausgegeben vom BDA Münster / Münsterland, DOM pub­lishers, 288 S., 38 Euro). Er gehört zu der vielfach ausgezeichneten, handlichen Reihe der DOM-Architekturführer – und dokumentiert anhand von 170 Bauten die architektonische Entwicklung Müns­ters. Dabei ist das Erscheinungsjahr kein Zufall: Noch bis zum 1. Oktober finden die Skulptur Projekte Münster statt, eine Ausstellung zeitgenössischer internationaler Kunst im öffentlichen Raum.

Zu einer Tour durch urbane und ländliche "Dichterhäuser" lädt ein Coffee Table Buch von Bodo Plachta ein (Theiss Verlag, 272 S., 49,95 Euro). Über 60 Gedenkstätten und literarische Schauplätze werden vorgestellt: Refugien, Orte der Erinnerung und Archive deutschsprachiger Autoren von Grimmelshausen über Lessing und Karl May bis Dürrenmatt. Hier geht es um ganz private Arbeits- und Lebensräume.

Walter Kempowski gehört zu den wenigen Dichtern, die selbst als Bauherren aktiv waren. Wer Häuser baut oder plant, kann sich von dem opulenten Bildband "Spektakuläre Häuser" von Bettina Hintze inspirieren lassen (DVA, 260 S., 59 Euro). Hier werden 30 außergewöhnliche Projekte aus dem diesjährigen Häuser-Award präsentiert: innovative private Wohngebäude Europas, die für Furore sorgen – von der lichtdurchströmten ­Villa am Genfer See bis zum winzigen norwegischen Ferienhaus.

Nicht weniger spektakulär sind die 250 Beispiele mobiler Architektur aus aller Welt, die sich rollen, aufblasen und entfalten lassen, auf Kufen gleiten oder im Wasser schwimmen: "Mobitecture. Mobile Architektur" von Rebecca Roke (Phaidon, 320 S., 22,95 Euro) ist eine faszinierende Sammlung von zumeist bewohnbaren Objekten, in denen man leben, arbeiten, feiern und zur Ruhe kommen kann. Dazu gehören nicht nur Wohnwagen, Zelte und Hausboote für die Mittelschicht, sondern auch tragbare Unterkünfte für Flüchtlinge und Obdachlose – oder provisorischer Schutz nach Umweltkatastrophen. Eine fantasievolle Hommage an die mobile Behausung, die wegen ihrer aktuellen Brisanz auch nachdenklich stimmt.

Ausstellung: 10 Jahre DAM Architectural Book Award

  • Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt (DAM) zeichnet jährlich die besten Architekturbücher mit dem DAM Architectural Book Award aus – zusammen mit der Frankfurter Buchmesse. Mehr als 130 preisgekrönte Bücher der vergangenen zehn Jahre präsentiert das Museum vom 9. September 2017 bis zum 14. Januar 2018 in einem eigens entworfenen Lesesaal. Wer zur Buchmesse an den Main kommt: Hingehen, anschauen, schwelgen!
  • Die Siegertitel 2017 werden am Buchmesse-Mittwoch, 11. Oktober, prämiert (Ort und Zeit noch offen). Shortlist und Preisträger sind in Halle 4.1, Zentrum Bild, zu besichtigen.

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