Neue Politkrimis

Der Schatten des Terrors

Die Wirklichkeit holt manchmal die Fiktion ein - gerade bei Politkrimis. Das mindert nicht die Spannung, wie der Blick auf ausgewählte Novitäten verrät. MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Lobbyismus?

Lobbyismus? © Bratscher / photocase.de

Patriotisches Grauen

Eva Rossmann greift in ihrem neuen Roman das populistische Elend auf: Der Vorsitzende der "Patriotisch-Sozialen", einer nationalistischen Partei, wird gekreuzigt aufgefunden, in den sozialen Medien tobt die Hetze gegen Minderheiten und "Lügenpresse", und die Polizei präsentiert einen passenden Täter aus dem Asylbewerber-Milieu. Österreichs polarisierte Gesellschaft und die gebeutelte EU lassen grüßen.

Eva Rossmann: "Patrioten", Folio, August, 360 S., 22 €

Eingeschleuster Killer

Martin Schäuble hat in "Endland" den Fall des Bundeswehr-Oberleutnants Franco A. geradezu hellseherisch vorweggenommen: In seinem Roman, den Hanser im Jugendbuch platziert, nimmt ebenfalls ein Soldat die Identität eines Flüchtlings an, um einen Anschlag in einem Flüchtlingslager zu begehen. Gründlich recherchiert, spannend erzählt und nur einen Fußbreit von der Wirklichkeit entfernt.

Martin Schäuble: "Endland", Hanser, Juli, 224 S., 15 €

Kaltgestellte Medien

Die Furcht vor einem rechten Staatsstreich hat Urs Augstburger zu "Helvetia 2.0" inspiriert: In der Schweiz wird einem Medienhaus nach dem anderen das Licht abgedreht – schließlich trifft es auch den Radio-DJ Anders Droka. Er verliert seinen Arbeitsplatz, wird Zeuge eines Mords und gilt am nächsten Tag als Tatverdächtiger. Was tun? Er legt sich eine Tarnidentität zu und nähert sich den Drahtziehern, ohne dass sie Gefahr wittern.

Urs Augstburger: "Helvetia 2.0",  Tropen, September, 300 S., 20 €

Tödliches Geschäftsmodell

Aus der Nähe von Terrorismus und Zynismus speist sich Juli Zehs Idee für ihren neuen Roman "Leere Herzen", der in der nahen Zukunft angesiedelt ist. Im Mittelpunkt steht eine Agentur, die suizidale Menschen als Selbstmordattentäter vermietet. Ein Geschäftsmodell, das bald Nachahmer findet – die es zu beseitigen gilt. Ein Thriller, der zugleich das Psychogramm einer Generation ohne Herz und Gewissen ist.

Juli Zeh: "Leere Herzen", Luchterhand, November, 320 S., 20 €

Islamistische Kontakte

Dieser Thriller liest sich wie das Drehbuch vieler Radikalisierungsgeschichten: Jens Kubo erzählt, wie der Sohn irakischer Einwanderer in der dritten Generation Ausgrenzung erfährt, Kontakt zu Islamisten sucht und in Planungen für einen Terroranschlag verwickelt wird.

Jens Kubo: "Gefährliche Saat", Knaur, September, 352 S., 9,99 €

Manipulierte Hintergründe

Dass Anschläge reflexhaft Islamisten in die Schuhe geschoben werden, machen sich auch Rechtsterroristen zunutze. Ein solches Szenario schildert Leif Tewes in seinem Roman. Der Autor trat zu Recherchezwecken sogar in eine populistische Partei ein – unter falschem Namen.

Leif Tewes: "Alternativen", Größenwahn Verlag, August, ca. 300 S., 16,90 €

Verdächtigte Freunde

Politthriller und Saga zugleich – das ist Sabri Louatahs Trilogie "Die Wilden". Erzählt wird die fiktive Geschichte des ersten arabischen Kandidaten für die französische Präsidentschaft, der einem Attentat zum Opfer fällt. In den Fokus der Ermittler gerät die algerische Unterstützer-Familie Nerrouche.

Sabri Louatah: "Die Wilden. Eine französische Hochzeit", Heyne, September, 700 S., 16 €

Gewaltbereite Fanatiker

"Fronten" heißt der auf Tatsachen beruhende Politkrimi, den Nautilus nach Jérôme Leroys packendem Roman über eine rechte Machtergreifung in Frankreich ("Der Block") vorlegt: Darin treffen eine kurdische Ärztin, ein bosnischer Waffennarr und ein "Reichsbürger" schicksalhaft aufeinander.

Leonhard F. Seidl: "Fronten", Nautilus, August, 160 S., ca. 16 €

Zwei Wege, ein Auftrag

Auch in Band 3 der Klara-Walldéen-Reihe verknüpft Joakim Zander "meisterhaft die psychologische Tiefe des Skandinavien-Krimis mit der Rasanz internationaler Politthriller": Das sagt Rowohlt-Lektorin Nina Grabe. Im Roman kreuzen sich die Wege der terrorverdächtigen Menschenrechtsanwältin Gabriella und des jungen Schweden Jacob, der für einen Kriegsfotografen einen brisanten Auftrag übernimmt.

Joakim Zander: "Der Freund", Rowohlt, September, 448 S., 14,99 €

Explosive Gemengelage

Jusi Joesk – dahinter verbirgt sich das Autorenduo Jutta Siorpaes und Jörg Schmitt-Kilian. Sie ist Historikerin und Songtexterin, er Kriminalhauptkommissar a. D. In "Die Verblendeten" müssen die Kommissare Sabine Laube und Bernd Müller ein Mordgeflecht aus Eifersucht, verletzter Ehre und Terror entwirren. Unübersichtlich wird die Gemengelage durch den Fund einer Waffe, die aus rechtsradikalen Kreisen stammt.

Jusi Joesk: "Die Verblendeten", Edition Oberkassel, Juli, 300 S., 12 €

Raus aus Rakka

Aus mehreren Perspektiven schildert Yassin Musharbash, Redakteur im Investigativ-Ressort der "Zeit", in seinem neuen Thriller "Jenseits" die Geschichte eines deutschen Dschihadisten, der aus der Hochburg des Islamischen Staats im syrischen Rakka nach Deutschland zurückkehren will. Musharbash entfaltet den Plot aus dem Blickwinkel einer Journalistin, eines Verfassungsschützers, eines Sozialarbeiters und der Eltern des Terrorkämpfers.

Yassin Musharbash: "Jenseits", Kiepenheuer & Witsch, September, 320 S., 14,99 €

Getarnte Agentin

Ein realistisches Szenario entwirft Daniel Silva in "Die Attentäterin": Nachdem das Pariser Weinberg-Zentrum für das Studium des Antisemitismus in Frankreich durch einen Bombenanschlag komplett zerstört wurde, wird der israelische Geheimagent Gabriel Allon hinzugezogen. Um an die Hintermänner des Massakers heranzukommen, schickt er die als Kämpferin getarnte junge Ärztin Nathalie Mizrahi auf Spionagemission in den IS.

Daniel Silva: "Die Attentäterin", HarperCollins, Oktober, 512 S., 15 €

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