Rainer Wittkamp über die Aktion "Das Buch wird laut"

Alle sitzen im selben Boot

Berliner Krimiautoren engagieren sich für Berliner Krimibuchhandlungen – und haben dafür die Aktion "Das Buch wird laut" ins Leben gerufen. Rainer Wittkamp über Ziele und Motive.

Rainer Wittkamp

Rainer Wittkamp © Claudia Chiecchi

Ende Juli postete Cornelia Hüppe von der Buchhandlung Miss Marple auf Facebook, dass die Zahl ihrer Kunden beinahe monatlich sinke. Bei Weitem keine Einzelstimme, die aktuelle Krise erleben viele unabhängige Buchhandlungen ähnlich, manche bereits als existenzbedrohend. Nicht nur die Konkurrenten im Onlinehandel machen ihnen zu schaffen, sondern auch Streamingdienste für Kinofilme und TV-Serien. Zumal im Genre­bereich auch das E-Book eine größere Rolle spielt als in anderen Segmenten. Um dem Thema Kundenverlust bei den inhabergeführten Buchhandlungen etwas Öffentlichkeit zu verschaffen, organisierten mein Kollege Oliver Bottini und ich deshalb Ende November das dreitägige Leseevent "Das Buch wird laut".

Berlin ist in der glücklichen Lage, gleich drei Krimibuchhandlungen zu besitzen: Hammett, Miss Marple und Totsicher. Alle engagieren sich seit Jahren für das Krimigenre, veranstalten Lesungen, verschicken Newsletter, ver­öffentlichen regelmäßig TV- und Radiobeiträge – mit beträchtlichem zeitlichen und finanziellen Aufwand. Für die Benefiz-­Lesungen gewannen wir namhafte Kollegen wie Elisabeth Herrmann, Max Annas, Sebastian Fitzek, Matthias Wittekindt und viele andere. Mit Sach- und Geldspenden unterstützten uns die Verlage DuMont, Grafit, Heyne, Pendragon, Rowohlt, S. ­Fischer, Suhrkamp und der Unionsverlag.

Uns war klar, dass wir keine großen Felsen bewegen werden, das war auch nicht die Absicht. Wir wollten lediglich das Buchpublikum ein wenig aufrütteln. Und das ist uns auch gelungen. Im Vorfeld stießen wir auf gute Resonanz bei der Presse, die Lesungen waren bestens besucht, es wurden viele Bücher verkauft – für die Buchhandlungen ein nettes finanzielles Plus. Erheblich wichtiger war jedoch, dass es bei den Veranstaltungen zu vielen Gesprächen zwischen Büchermenschen und Lesern kam. Es entstand ein Dialog mit dem Publikum, bei dem Informationen vermittelt wurden, die im alltäglichen Verkaufsgespräch kaum eine Rolle spielen.

Wir konnten verdeutlichen, wie wichtig uns Autoren die inhabergeführten Buchhandlungen sind. Im Unterschied zu den eher anonymen Filialbuchhandlungen stehen diese für eine umfassende Kundenberatung. Als Autor ist man natürlich froh, wenn es möglichst viele Plattformen gibt, bei denen die eigenen Bücher angeboten werden, dazu gehören auch Filialsortimenter und Internetanbieter. Trotzdem hat die inhabergeführte Buchhandlung für uns eine herausragende Stellung.

Nirgendwo sonst vermittelt man potenziellen Käufern unsere Bücher so kenntnisreich und engagiert. Und das wird immer wichtiger, denn der Krimiboom hat inzwischen eine Überproduktion hervorgebracht, die durch mittelmäßige Dutzendware der Großverlage dominiert wird. Viele ambitionierte Kriminalromane, gerade aus kleineren Verlagen, bleiben so auf der Strecke.

Das notwendige Aussortieren mäßiger Bücher ist auch eine der Aufgaben, die vorwiegend die kleinen Buchhandlungen leis­ten. Viele dieser Buchhandlungen sind somit ein Synonym für Qualität, stellen eine wichtige Säule im Kulturleben dar. Wer einmal ihre Stärken kennengelernt hat, muss zwangsläufig zum Stammkunden werden. Das ist zumindest unsere Hoffnung.

Und diese Hoffnung möchten wir leidenschaftlichen Büchermenschen – egal ob Buchhändler, Verleger, Vertriebler oder Autor – nur zu gern mit unseren Kunden teilen, die wir uns als ebenso leidenschaftliche Leserinnen und Leser wünschen. Dafür müssen wir sie mit unseren Büchern immer wieder neu begeistern, das Jammern beiseiteschieben und gemeinsam kämpfen.

Wir sollten unsere Bemühungen verstärken, um Leser, Buchhandlungen, Autoren und Verlage zusammenzubringen. Letztlich sitzen wir trotz unterschiedlicher Interessen alle im selben Boot. Auch ist es wünschenswert, dass Verlage sich überlegen, ob wirklich jeder Krimi gedruckt werden muss. Statt den Buchhandel zu überfluten, sollten sie ihn besser durch eine gezielte Auswahl stärken.
Auf jeden Fall gilt nach wie vor der Leitsatz "support your local bookstore", denn sonst gibt es ihn irgendwann nicht mehr.

Rainer Wittkamp ist Krimiautor und lebt in Berlin. Im Februar erscheint sein neuer Krimi "Taxi nach Rügen" im Hinstorff Verlag.

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1 Kommentar/e

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  • Mark_S

    Mark_S

    "Auch ist es wünschenswert, dass Verlage sich überlegen, ob wirklich jeder Krimi gedruckt werden muss." - Erstaunlich, so einen Satz von einem Autoren zu hören! Ob er mit gutem Beispiel voran geht und künftig weniger schreibt?

    • ...

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