Rat für deutsche Rechtschreibung

Wie Autoren schreiben

Aufwändig oder aufwendig? Wo gehen Autoren mit den amtlichen Regeln der Rechtschreibreform konform und wo nicht? Edmund Jacoby, Verleger im Verlagshaus Jacoby & Stuart, sitzt für den Börsenverein im Rat für deutsche Rechtschreibung - Einblicke aus der letzten Sitzung des Rats: VON EDMUND JACOBY

Jetzt ist sie bald schon zwanzig Jahre her, die große Aufregung um die Rechtschreibreform von 1996. Seit der Rat für deutsche Rechtschreibung im Jahr 2006 ein Regelwerk vorgelegt hat, in dem manche „reformierte“ Schreibweisen abgeschafft und die traditionelle Schreibweise in vielen Fällen wieder zugelassen wurde, herrscht einigermaßen Frieden in deutschen Schreibstuben. Aber die amtliche Schreibung besitzt längst noch nicht wieder die fraglose Autorität, die der Duden und andere Wörterbücher einmal hatten.

Dies wurde in einer ziemlich repräsentativen Umfrage des Interessenverbands österreichischer Autorinnen und Autoren deutlich, die auf der letzten Tagung des Rechtschreibrats vorgestellt wurde: Nur 16% der Befragten bekennen sich uneingeschränkt zur gültigen reformierten Rechtschreibung, während fast ebenso viele an der alten Rechtschreibung von vor 1996 festhalten. Die große Mehrheit gab an, von Fall zu Fall zu entscheiden und eigene Regeln zu befolgen. In den meisten Fällen akzeptieren die Verlage diese individuellen Orthographien.

Und wo gehen die Autoren nun mit den amtlichen Regeln konform und wo nicht?

Das seinerzeitige Hauptärgernis der neuen Rechtschreibung, die vorgeschriebene Auseinanderschreibung zusammengesetzter Wörter, ist dank der Reform der Reform weitgehend beseitigt. Zwar empfiehlt der Wahrig etwa immer noch die Schreibweise „schwer wiegend“, aber 80% der Befragten schreiben „schwerwiegend“, entsprechend der alten Faustregel „nur eine betonte Silbe – ein einziges Wort“. Bei „kennenlernen“ ist das Votum für die Zusammenschreibung noch eindeutiger.

Problematischer ist es mit der Groß- und Kleinschreibung: Ausdrücke wie „auf dem Laufenden“ sollen großgeschrieben werden.  Nur scheinbar eindeutig ist in diesem Fall, dass es sich bei „Laufenden“ um ein Substantiv handeln müsse, weil es dazu einen Artikel gibt, und nur 65% der Befragten waren vom Substantivcharakter des Worts überzeugt. (In vergleichbaren Fällen wie „ohne W/weiteres kann auch offiziell wieder kleingeschrieben werden.)

Womit die österreichischen Profischreiber sich auch nicht recht anfreunden können, sind reformierte „ä“-Schreibweisen. „Aufwändig“ wird inzwischen auch von den Wörterbüchern nicht mehr empfohlen, da das Wort nun mal nicht von Wand, sondern von wenden kommt. „Schnäuzen“ statt „schneuzen“ ist dagegen zwar vorgeschrieben, aber dennoch nicht mehrheitsfähig. Wer denkt denn schon beim Sich-Schnäuzen an Schnauze?

Auch außerhalb Österreichs hadern die Schreibenden noch mit einigen Reformschreibungen. So geht vielen das vorgeschriebene „nummerieren“ oder gar „nummerisch“ ebenso gegen den Strich wie „platzieren“. Das eingedeutschte Portmonee statt Portemonnaie wird inzwischen von den Wörterbüchern nicht mehr empfohlen, obwohl die ideologisch vorbelastete Auffassung, dass „Fremdwörter“ eingedeutscht („integriert“) gehören, noch nicht ganz tot ist. Im Fall von „Tollpatsch“ hat sich die „Integration“ des migrantischen, aus dem Ungarischen stammenden, Worts durchgesetzt, weil die meisten Schreibenden wohl vermuten, dass das Wort von „toll“ kommt; bei Nougat dagegen hält sich kaum jemand an die Duden-Empfehlung „Nugat“ …

Woran die österreichischen Autorinnen und Autoren mit gutem Grund erinnert haben, ist dieses: Rechtschreibregeln haben nicht nur den Zweck, Schülern das Schreibenlernen zu erleichtern, sondern auch den, Texte möglichst lesbar zu machen. So plädieren sie für eine möglichst klare Satzgliederung durch Kommata, anders als die Reformrechtschreibung, die versucht hat, die Zahl der Kommata zu reduzieren.

Übrigens: Der österreichische Verband hat jetzt beschlossen, künftig nicht mehr die alten Rechtschreibregeln anzuwenden, sondern eine Hausorthographie auf der Grundlage der geltenden Regeln zu nutzen. Ein weiterer kleiner Schritt zum Rechtschreibfrieden.

9 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Theodor Ickler

    Theodor Ickler

    Ich verstehe nicht, warum die Reformer so großen Wert auf den "Rechtschreibfrieden" legen statt darauf, daß wir wieder eine sinnvolle Rechtschreibung bekommen. Aber auch der Ratsvorsitzende Zehetmair redet so, wie ich als ehemaliges Mitglied des Rates noch genau in Erinnerung habe. So wurden denn auch von Anfang an die Kritiker der Neuregelung als Störenfriede gescholten. Nur sehr widerwillig haben die Kultusbehörden anerkannt, daß die zahllosen Einwände sachlich berechtigt waren, und zehn Jahre hat es bis zu den Korrekturen gedauert, die aber bei weitem nicht das Ende sein sollten. Lange Mängellisten liegen noch unbearbeitet in der Schublade.

  • Lektor

    Lektor

    Ein Sechstel der Schreiber hält sich also an die neuen Regeln (sofern man von solchen sprechen kann), das andere Sechstel hält die Reform für Unsinn und zwei Drittel machen, was sie wollen.
    Wenn Jacoby behauptet, daß eine "Hausorthographie" ein "weiterer kleiner Schritt zum Rechtschreibfrieden." sei, ist das dreist. Einen weiteren Schritt ins Chaos als Frieden zu bezeichnen, ist nur eine Verschleierung dessen, daß das, was die Reformer bezweckt haben, fast erfüllt ist. Nämlich daß man an der Schreibung nicht mehr die Bildung des Schreibers erkennen können soll.

  • Journalist

    Journalist

    @Theodor Ickler,
    Nein Herr Ickler, Sie irren. Wir brauchen keine neue Rechtschreibung. Was Sie und Ihresgleichen gemacht haben, ist pure Anmaßung, weil die deutsche Sprache nicht das Eigentum von Ihnen und Ihresgleichen ist, sie gehört uns allen. Und es gibt keinen Grund, daß Sie und ihre »Mitstreiter« daran herumpfuschten und -pfuschen. Seit 1901 gibt es eine sinnvolle deutsche Schreibung, die hätte gereicht, kein einziger der Vorschläge der Kommission war berechtigt.
    Herausgekommen ist Chaos, ein eindeutig durch die Reform begründeter, bis heute anhaltender schlechterer Abverkauf von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften und mehrere Schülergenerationen, die die Regeln, die ihnen in der Schule gelehrt werden, täglich auf das Gröbste verletzt sehen.
    Aber wie immer gilt in Deutschland, daß Fehler von den Politikern nicht eingestanden werden. Man strampelt emsig weiter, auch wenn’s dabei bergab geht. Darauf brauchen Sie nicht stolz zu sein.

  • Theodor Ickler

    Theodor Ickler

    Aber Herr Journalist! Da haben Sie mich gründlich mißverstanden. Ich gehöre doch gar nicht zu den Reformern, sondern war von Anfang an ihr entschiedenster Gegner, habe fünf Bücher gegen die Reform veröffentlicht und die Volksinitiativen sprachwissenschaftlich beraten. Im Rechtschreibrat habe ich weiter für die Rücknahme der Reform gekämpft, nicht ganz erfolglos, aber als es nicht mehr weiterging, bin ich ausgetreten.

  • Journalist

    Journalist

    Herr Ickler,
    es gilt der alte strafrechtliche Grundsatz: Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen.
    Zuerst mitmachen, dann aufgeben und am Ende dagegenwettern ist das, was diese Reform so weit gebracht hat. Am Schluß will es keiner gewesen sein, aber wir alle leiden darunter. Das gilt für Sie, Zehetmair und alle die anderen, die in irgendeiner Form mitgewirkt haben, gleichermaßen.

  • Frieda

    Frieda

    Der mantra-artig beschworene "Frieden" ist der Frieden des Todes: "R.I.P.". Seit "voraus", "nachhinein" und andere Worte von irgendwelchen dahergelaufenen Schlauköppen als Substantive festgelegt wurden, so wie einst die Kirche die Erde als flach und die Sonne um die Erde kreisend festgelegt hatte, ist Rechtschreibung in Deutschland tot. Grammatik, Etymologie, Wortarten sind damit abgeschafft, und die breiige Masse folgt stumpfsinnig den blödsinnigen DUDEN-Empfehlungen ("seit Langem", "von Weitem", "Recht haben", "Leid tun", "weit reichend", "Saxofohn", ...).

  • Theodor Ickler

    Theodor Ickler

    Nein, Herr Journalist, Sie irren sich schon wieder. Ich habe zu keiner Zeit "mitgemacht". Aus meiner Feder stammte einer der allerersten Zeitungsartikel gegen die Rechtschreibreform, in der FAZ 1996. Ich habe unter großen Opfern völlig kompromißlos gegen die Reform gekämpft, auch als Gutachter vor dem Bundesverfassungsgericht 1998. In den Rat für deutsche Rechtschreibung wollten die Kultusminister zunächst nur Reformbefürworter aufnehmen, mußten sich dann dem Druck der Kritiker beugen und wenigstens einen Reformgegner dazunehmen. Den "Kompromiß" von 2006 habe ich nicht mitgetragen. Ich habe nur die Rücknahme einzelner Neuerungen bewirkt. Wenn Sie die jahrelange Entwicklung mitverfolgt hätten, wüßten Sie das alles, denn es stand in den Zeitungen, auch mein ausführlicher Bericht "Aus dem Leben eines Rechtschreibrates" über die unsäglichen Verhältnisse im Rat. Noch jetzt diskutieren wir unter "Schrift & Rede" weiter, und dort können Sie ebenfalls an meinen vielen tausend Beiträgen sehen, daß ich niemals mitgemacht habe. Für meinen kompromißlosen Kampf wurde mir 2001 der Deutsche Sprachpreis verliehen. Wollen Sie die Logik wirklich so verdrehen, daß sie von jemandem, der eine Sache bekämpft, behaupten, er habe eben dadurch "mitgemacht"?

  • Friedhelm Klein

    Friedhelm Klein

    Tja, lieber "Journalist", mit Ihren Sachäußerungen gehe ich einig. Ihre Angriffe gegen Herrn Ickler sind allerdings völlig daneben; denke, daß Sie ihn mit jemandem verwechseln. Meine Wenigkeit rechtschreibt übrigens aus einem ganz einfachen Grund nicht "neu": Bin einfach nicht dumm genug dafür!

  • Limmud

    Limmud

    Was ich immer weniger verstehe, ist, weshalb Fragen der Rechtschreibung im Deutschen ausschließlich präskriptiv beantwortet werden: Jemand bestimmt, dass man neu "Gräuel" schreiben müsse, und viele Schreiber (Verlage, Zeitungen) gehorchen – obwohl gut hundert Jahre lang offenbar kein Problem mit der Schreibweise "Greuel" bestand: https://books.google.com/ngrams/graph?content=Greu el%2CGr%C3%A4uel&case_insensitive=on&year_ start=1800&year_end=2000&corpus=8&smoo thing=0&share=&direct_url=t1%3B%2CGreuel%3 B%2Cc0%3B.t1%3B%2CGr%C3%A4uel%3B%2Cc0
    In der angelsächsischen Tradition hingegen ist der deskriptive Zugang verankert (so wird das Wort von den meisten geschrieben – vgl. Samuel Johnson, Oxford English Dictionary). Weshalb scheint ein solcher Zugang im Deutschen nie zur Diskussion gestanden zu haben? (Oder habe ich etwas verpasst?)

    • ...

      Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • ...
      Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld