Start-ups auf den Buchtagen Berlin

"Wir sind das Kapital"

Startups und Buchbranche – da geht was! Berlin hat gezeigt, dass die Frage nach den Geschäftsmodellen von Morgen einen Nerv trifft. Möglichst bald sollen Initiativen wie protoTYPE oder der Startup Club eine neue große Schwester bekommen. Gesucht: Die Innovations-Plattform mit Mehrwert für Junge Wilde und klassische Unternehmen. VON NILS KAHLEFENDT

Die Glocke im Kuppelsaal des Berliner Kongresszentrums ist unerbittlich: Drei Minuten haben Klaus Rössler und Stefan Fischerländer, ihr Startup dem Publikum und einer Fachjury vorzustellen. Dabei gäbe es über bookvibes, ihre App, die Emotionen aus Büchern extrahiert, einiges zu erzählen. „Mit unserer Webanwendung können wir die emotionale DNA jedes Buchs bestimmen – und so ein Netzwerk aus Lesern, Händlern und Autoren schaffen.“ In der Startphase konzentriert sich bookvibes auf Thriller; Buchhändler etwa können die App auf ihrer Website einbinden, automatisch individuelle „Büchertische“ oder Playlists erstellen – jenseits der sonst aus Empfehlungslisten generierten, zwangsläufig auf Bestseller führenden „Filter-Bubble“. Die Jury ist von dem, was Rössler und Fischerländer gewitzt „Emotional Internet of Things“ nennen, ziemlich begeistert:

Buchhändler Jochen Grieving (Transfer, Dortmund) würde die App am liebsten gleich testen („das Beste, was ich bislang unter Community-Aspekten gehört habe“), Jürgen Harth (Hanser) bittet spontan um einen Besuch in München und auch Gründer-Papst Günter Faltin hebt den Daumen. Nun kommt die Kärrnerarbeit: Bookvibes befindet sich unmittelbar vor der Open-Beta-Phase, das System steht – was fehlt, ist ein schickes Interface, das die ausgeklügelten Funktionen möglichst einfach an die Rampe bringt.

Große Bühne für Gründer

In Berlin präsentieren die bookvibes-Macher mit fünf weiteren Startups – der Literaturplattform Lituro, den E-Learning-Plattformen L-Pub, Repetico und Brainyoo und der Crowdsurcing-Innovation-Community PhantoMinds. Die große Bühne zeigt nicht zuletzt: Die jungen Düsentriebs werden wahr- und: ernst genommen – auch von Büchermenschen, die mit der hippen Gründerszene nicht per sé verbandelt sind. Bookvibes, die frischgebackenen Mitglieder im Startup Club des Börsenvereins, die ihre ersten Schritte in der von Forum Zukunft und AKEP gestarteten Initiative protoTYPE gingen, sind zudem ein Beispiel, wie aus zarten Projektpflänzchen ernsthafte Geschäftsideen reifen können. Über vier Jahre konnten Vor- und Querdenker der Buch- und Medienbranche bei protoType ihre Ideen jeweils sechs Monate bis zur Projektreife vorantreiben. Okke Schlüter (HDM Stuttgart), der den Prozess mit Miriam Hofheinz (Bookwire), Volker Oppmann (log.os) und Harald Henzler (smart digits) als Experte begleitete, wagte eine Zwischenbilanz: protoType hat sich als eine Art „Barometer“ für die Branche erwiesen, Themen aufgegriffen, die quasi „in der Luft lagen“. Die engagierten Tüftler haben „Strukturlösungen“ in den Blick genommen, die oft wenige Zeit später auf den Markt kamen – nicht selten von anderen Firmen, da es mal an Manpower, mal am lieben Geld fehlte. Die Initiative des Verbands, so Schlüter, sei dennoch „goldrichtig“ – und sollte auf neuem Level weitergeführt werden: „Innovation bleibt ein Schlüsselthema – aber wir brauchen einen neuen Rahmen.“ Wie soll er ausgestaltet werden? Das Gespräch darüber ist längst im Gang. In Berlin wanderte statt eines Klingelbeutels ein Visitenkarten-Karton für Dialog-Interessenten durch den Saal: Er füllte sich rasch.

Ideen zum Fliegen bringen: Auf dem Weg zur Innovations-Plattform

Initiativen wie protoType oder die Aktivitäten des Startup Club haben ganz offensichtlich einen Nerv getroffen. Mit ihnen ist ein Umfeld geschaffen worden, in dem sich junge Unternehmer gut aufgehoben fühlen – mit praktischen Angeboten, die ihnen Kontakte, Werkzeuge und Wissen an die Hand geben, nicht zuletzt auch darüber, wie die oft zu unrecht als konservativ gescholtene Branche tickt. Dorothee Werner, die als Leiterin der Abteilung Unternehmensentwicklung im Börsenverein protoType mitangeschoben hat und auch den Startup Club  verantwortet, arbeitet gemeinsam mit den Kollegen vom AKEP, mit jungen Gründern und etablierten Unternehmen an der Weiterentwicklung der einzelnen Bausteine zu einer Innovations-Plattform. Eine Plattform, die innovationsrelevantes Wissen zur Verfügung stellt, potenzielle Kooperationspartner vernetzt, Kontakte zu Förder-Institutionen vermittelt, kurz: handfesten Mehrwert für Startups und klassische Unternehmen bietet: „Die Frage, wie innovationsfähig wir sind, ob es uns gelingt, neue, zukunftsfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln, ist eine grundsätzliche Überlebensfrage der Branche.“ Auf Seiten der Politik treffen die Brückenbauer zwischen „alter“ und „neuer“ Ökonomie offene Ohren: Brigitte Zypries, parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie, betonte bei einem Gespräch mit jungen Gründen am Rande der Buchtage, dass die Buchbranche durchaus auch Innovationstreiber für andere Branchen sein kann. Traut sie sich? Mit Günther Oettinger, EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, soll das Plattform-Konzept zur Frankfurter Buchmesse diskutiert werden – Kreativität und Innovation machen vor Ländergrenzen schließlich nicht halt. Ebenfalls in der Pipeline: Zwei neue Eisbrecher-Termine in München (24. September) und Frankfurt  sowie ein Mentoring-Programm für Mitglieder des Startup Clubs, in dessen Rahmen erfahrene Branchenprofis Gründern aus der Kreativwirtschaft für zwölf Monate als Sparringspartner zur Verfügung stehen. Schwerpunkt des Programms zur Frankfurter Buchmesse sind die Themen Investition und Finanzierung.

Speed-Datings: Die Sechs-Minuten-Terrine

Günter Faltin, der Entrepreneurship-Professor aus Berlin, ist, logisch, ein Startup-Fan. Wobei er weniger die „schnellen Jungs“ im Auge hat, die „beim Entry gleich an den Exit denken“. Ist Kapital jenes Geld, das uns immer fehlt, weil es da draußen in der Welt in rätselhaften Strömen umherflottiert? Faltin rät Gründern, nicht auf Wunder, die Politik oder den Anruf vom Großkonzern zu warten, sondern auf die eigene Phantasie und Innovationskraft zu bauen: „Wir sind das Kapital!“ Doch gilt nicht andererseits der gute, alte Spruch: Ohne Moos nix los? Volker Oppmann könnte Bücher darüber schreiben, nun darf er durchatmen: Sein Herzensprojekt log.os hat, nur zwei Monate nach der Gründung der GmbH & Co. KG, mit der August Schwingenstein Stiftung den ersten größeren Geldgeber an Bord geholt – was es ermöglicht, bis zum Herbst einen Prototypen der log.os-Plattform zu entwickeln. Bei den beiden Berliner Speed-Datings, in denen 17 Startups auf etablierte Marktteilnehmer trafen, saß Oppmann auf der Unternehmerseite des Tischs. Mit reichlich Einfühlungsvermögen in seine Gegenüber: „Die Mischung der Leute, der Hintergründe, die wir hier hatten, war extrem spannend. Manchmal hab’ ich mich gefragt: Warum sitzen die hier? Sie sind so gut, so weit – das Ding fliegt auf jeden Fall.“ Um den fixen Deal geht es in den Blitz-Dates selten, schon eher um Vernetzung. Da ist Lisa Eineter, die mit ihrem Startup Schmökerkisten Zugang zur Verlagswelt sucht – und sich als Sozialunternehmerin im EU-Förderdschungel bestens auskennt. Für log.os-Gründer Oppmann war nach weniger als sechs Minuten klar: „Hey, wir sitzen beide in Berlin. Sie gibt mir Nachhilfe in EU-Förderung. Ich ebene ihr Kontakte zu Verlagen.“ Ganz anders das Gespräch mit Mirko Bendig: Dessen Hamburger Startup PhantoMinds, seit vier Wochen online und gerade in der Seed-Phase, bietet Unternehmen an, umsetzbare Innovationen durch eine offene Community erfinden zu lassen, eine Art Online-Thinktank. Aber: Wie lässt sich sicherstellen, dass die kreativen Köpfe der Plattform miteinander kooperieren, sich helfen – wenn sich am Ende nur die besten Ideen monetarisieren lassen? Oppmann, der sich mit modernen Management-Ansätzen wie Holacracy beschäftigt, empfahl dem Hamburger Unternehmer ein Buch, das sich mit Entscheidungsfindung in Netzwerken auseinandersetzt. Gemeinsam schlauer werden, sich besser kennen lernen: Diese Sechs-Minuten-Terrine ist ziemlich nahrhaft.

Buchhändler wanted!

Auf Unternehmerseite waren bei den Speed-Datings vorwiegend Vertreter großer Verlage anzutreffen. Dass die Session, in der spezielle Lösungen für den stationären Handel vorgestellt wurden, nur von verschwindend wenigen Buchhändlern besucht wurde, ist schade – eine verpasste Chance. Neugierige Sortimenter hätten, beispielsweise, Frank Maleu treffen können: Der Gründer der E-Book-Boutique Minimore tüftelt gemeinsam mit der Mainzer Agentur bureau23 an einem Weg, wie sich E-Books einfach, sicher und ohne aufwändige technische Voraussetzungen lokal handeln lassen. Die Antwort: Booktree. Im Laden laden, womöglich gleich bar bezahlen? Nicht ganz doof in Zeiten, da alle über Amazon stöhnen. Über die App von Mediaspot können mit Hilfe der iBeacon-Technologie E-Books, Hörbücher und Magazine an ausgewählten Orten kostenlos gelesen und gehört werden, derzeit wird das Angebot schon an rund 150 Orten der Hauptstadt und in der Flotte von Berlinerlinienbus.de genutzt. Nun wollen die Berliner auch das stationäre Sortiment für die Technik begeistern. Springt der Funke über, könnte das die Basis für neuartige Kooperationen der Buchhändler mit anderen lokalen Partnern sein – vom Café an der Ecke bis zur Arztpraxis nebenan. „Ich halte es für eine zentrale Herausforderung, dass Buchhandlungen literarische E-Books verkaufen und empfehlen können“, sagt Jan Karsten von CulturBooks. „Die Kompetenz des Buchhandels ist da. Und es fehlt auch nicht an guten Büchern.“ Der Mann hat recht – leider ist er kein Buchhändler.

Bau’ dir ein Startup

Wie Startups schnell Konzepte erstellen, diese flexibel anpassen, testen und gleichzeitig Mitarbeiter, Kunden und Investoren im Blick behalten sollen, mag vielen ein Rätsel sein. Gründungs-Experte Faltin ist überzeugt, dass „manche Alleinerziehende mehr Organisationstalent hat als viele Masters of Business Administration“. Ob’s stimmt? Im Methoden-Workshop, den Stefanie Krügl und Daniel M. Richter (HR Innovation) für Mitglieder des Startup Clubs anboten, konnte man spielerisch austesten, wie das geht. Lego Serious Play heißt die Methode, die Wissen über Geschäftsmodelle freisetzt und gewohnte Denkschablonen aufbricht. In Dax-Unternehmen, Behörden und NGO’s tun sie es schon lange. Und, ja: Manchmal wirkt es schon Wunder, das eigene Startup in bunten Lego-Steinen nachzubauen.

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