Streitgespräch über Amazon und fairen Wettbewerb

Das Monopol und die Politik

Wenn ein Unternehmen alles daran setzt, ein Monopol zu erreichen: Muss dann die Politik eingreifen – oder regelt der Markt das selbst? Zu dieser Frage gab es gestern ein Streitgespräch im Zentrum Börsenverein, zwischen dem Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis und dem Chefreporter der „Wirtschaftswoche“, Dieter Schnaas.

Dieter Schnaas, Chefreporter bei der „Wirtschaftswoche“, ist ein Mann der klaren Worte. Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, Alexander Skipis, auch. Beide trafen sich auf der Bühne im Zentrum Börsenverein (Halle 4.0) zu einem Streitgespräch über eine Grundsatzfrage: Amazon versucht Monopolist zu werden – kann sich der Markt selbst regulieren oder sollte die Politik eingreifen? Einig wurden sie sich dabei nicht.

„Amazon soll eine Kultur der Unkultur gefördert haben? Da muss ich laut lachen.“

Schnaas stellt der Buchbranche ein schlechtes Zeugnis aus. Das konnte Ende August jeder nachlesen, in seinem Beitrag zur „Ökonomisierung der Kultur“ (Wirtschaftswoche, hier). „Amerika und Amazon bedrohen die ‚kulturelle Vielfalt’, jammern Kultur-Lobbyisten“, klagte er darin. „Die Wahrheit ist: Sie nährt sich von Subventionen, Preisen, Spenden, Fördergeldern – und verramscht ihre Spitzenprodukte.“

Dass der Börsenverein beim Bundeskartellamt angeklopft habe, um dort eine Neuregelung zu erreichen, könne er nicht nachvollziehen. Amazon sei nun mal ein Wirtschaftsunternehmen, und handele entsprechend. Das Kartellamt sei dazu da, die Verbraucher zu schützen, so Schnaas – da gebe es mit Blick auf Amazon aber gar keine Gefahr. Und ein Monopol sehe er auch nicht. Schnaas empfahl, die Dinge erst einmal auf sich zukommen zu lassen, bevor man die Politik um Hilfe bitte. „Klären Sie auf, aber seien Sie mit gesetzgeberischen Maßnahmen vorsichtig.“

Zu Vorsicht rät der Journalist der Branche auch in einer anderen Sache. „Ich rate dazu abzurüsten beim hohen Kulturbegriff.“ Sonst setze man sich dem Verdacht aus, Spezialinteressen durchsetzen zu wollen, mache sich in der Politik unglaubwürdig. „Amazon soll eine Kultur der Unkultur gefördert haben? Da muss ich laut lachen“, so Schnaas. Das habe die Branche schon selbst besorgt. Mindestens 90 Prozent der Bücher, die heute angeboten würden, seien eine Verbrauchsware, und damit ein klassisches Wirtschaftsgut – kein Kulturgut. Sein Fazit: „Beklagen Sie die Arbeitsbedingungen bei Amazon, die Steuerungerechtigkeit, aber ziehen Sie keinen Bannkreis um die Kultur.“ 

„In der Welt von Jeff Bezos wäre Franz Kafka nie entdeckt worden“

Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, Alexander Skipis, hielt dagegen. Erinnerte zu Beginn der Debatte zunächst an die Worte von Amazon-Gründer Jeff Bezos – er wolle Verlage jagen wie Gazellen. „Das wollen wir nicht und das werden wir auch verhindern“, so Skipis. Man könne nicht die gesamte Kultur dem Kommerz unterordnen. „In der Welt von Jeff Bezos wäre Franz Kafka nie entdeckt worden.“

Ansonsten sei es für die Buchbranche aber so: „Wir stellen uns dem Wettbewerb.“ Niemand stelle sich gegen das Modell von Amazon. Man erwarte aber vom Wettbewerber, dass er sich fair verhalte – was im Moment, siehe Konditionenstreit und Steuerungerechtigkeit, nicht gegeben sei. Und da gehe es auch nicht nur um das Buch. „50 bis 70 Prozent des gesamten Onlinehandels wird von Amazon dominiert – das ist eine mächtige Position.“ Die durchaus zu Lasten der Konsumenten gehe. Skipis machte noch einmal deutlich, dass er sich wünscht, dass Käufer sich über die Folgen ihrer Kaufentscheidung bewusst würden – und die Politik diesen Prozess begleite. „Auch die Politik ist gefordert, einen fairen Wettbewerb herzustellen.“ Das sei der entscheidende Punkt. Deshalb habe man auch beim Bundeskartellamt Beschwerde eingereicht – wegen erpresserischem Vorgehen gegenüber Verlagen. Das Bundeskartellamt sei aus seiner Sicht verpflichtet, über die Wettbewerbsregeln in der digitalen Welt nachdenken – den Geist des Kartellrechts endlich zu modernisieren.

Pro und Contra im Publikum

So unseins die Diskutanten auf dem Podium, so unseins auch ihre Zuhörer. Ihnen war die Debatte jedoch sehr willkommen. Sie saßen dicht an dicht vor der Bühne, der Großteil musste stehen. Eine Zuhörerin rief spontan zu einem Boykott auf, der Verband deutscher Schriftsteller (VdS) brachte noch einmal den Anti-Amazon-Protest der Autoren ins Gespräch, und ein anderer betonte, das Amazon ja zur Vielfalt auf dem Bvuchmarkt beitrage – allein schon deshalb, weil es der Konzern jedermann ermögliche, Bücher zu veröffentlichen.  

Das Streitgespräch im Video – die besten Szenen, auf Youtube-Kanal des Börsenvereins.

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3 Kommentar/e

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  • Harry

    Harry

    "Skipis machte noch einmal deutlich, dass er sich wünscht, dass Käufer sich über die Folgen ihrer Kaufentscheidung bewusst würden – und die Politik diesen Prozess begleite."

    Wie ich Neusprech hasse! Übersetzt bedeutet es nämlich: Wenn der Kunde nicht das tut, was wir möchten, dann werden wir über korrupte Politiker eben mit Gewalt dazu zwingen.

  • Heinzi

    Heinzi

    Liebe Redaktion,
    ich habe den Ausdruck "expressisches Vorgehen" gegoogelt und nichts gefunden. Was bedeutet das?

  • peter&paul

    peter&paul

    " erpresserischem Vorgehen gegenüber Verlagen"
    nun ja, man (a.) kann es ja mal versuchen; offensichtlich sind aber die verlage in der position, sich erpressen lassen zu wollen? oder gar sich erpressen lassen zu müssen?
    kein verlag ist doch gezwungen, seine produkte über a. zu vertreiben, alle machen es freiwillig!
    warum nutzen sie nicht ausschließlich den kultur-vertriebsweg buchhandel? oder hat dieser möglicherweise gar nicht das potential, alle die verlagsprodukte quantitativ zu vermarkten?

    • ...

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