Titel-Verteidiger: Kolumne auf boersenblatt.net

Zwei Buchtitel. Ein Vergleich

Auch in einer scheinbar grenzenlos globalisierten Welt gibt es sie noch, unüberwindbare Barrieren. Eine solche ist die deutsche Ästhetikbarriere.

bös: Karen Maitland:  "Company Of Liars" A novel of the plague Penguin/Michael Joseph 2008

bös: Karen Maitland: "Company Of Liars" A novel of the plague Penguin/Michael Joseph 2008

artig: Karen Maitland:  "Der Fluch der Gaukler" Historischer Roman Scherz 2009/Fischer Taschenbuch 2010

artig: Karen Maitland: "Der Fluch der Gaukler" Historischer Roman Scherz 2009/Fischer Taschenbuch 2010

Denn wie anders ist es zu erklären, dass fremdsprachige Literatur neben dem üblichen Übersetzungsprocedere auch ästhetischen Anpassungsprozessen ausgeliefert ist, die im Ergebnis mal wieder am Mythos der Überlegenheit einer wie auch immer gearteten deutschen Leitkultur kratzen, agieren doch Buchgestalter hier wie so häufig oft nur als Versicherungsagenten im Auftrag der Verlage und des Buchhandels.

Erklärungen für dieses Verhalten mag es viele geben, das Problem nur eingeschränkt verliehener Lizenzrechte ist dabei eines der wenigen nicht trivialen. Der Hinweis auf national unterschiedliche Sehgewohnheiten und ebensolches Marktverhalten dagegen zeugt vor allem von einem: German Angst. In einem Markt, der zur Hälfte aus Titeln besteht, die zuvor im fremdsprachigen Ausland erschienen sind, ist Integration Pflicht, sollen diese vor dem deutschen Auge bestehen. Denn auch wenn wir angeblich Weltmeister im Reisen sind, unsere kulinarischen Vorlieben italienisch oder asiatisch, unsere Möbel zu großen Teilen schwedisch, gilt in deutschen Verlagen noch immer die Annahme: was der Bauer nicht kennt, kauft er nicht.

Es gibt löbliche Ausnahmen, "Der Fluch der Gaukler" von Karen Maitland gehört nicht dazu. Dieses in der Kategorie "historischer Roman" 2009 im S. Fischer Imprint Scherz erschienene Buch verhandelt alles, was heute so mit dem Begriff Mittelalter verbunden wird: Fahrendes Volk, Schwindler allesamt, 1348 auf der Flucht vor der Pest, von Hunger und Kälte getrieben, realisieren mit der Zeit, dass sich der eigentliche Feind inmitten ihrer kleinen Schar befindet. Düstere Geheimnisse, sonderbare Zeichen und Wolfsgeheul untermalen die Szenerie.

Für die Gestaltung des Covers des Debütromans aus dem Hause Penguin Books zeichnet Jon Gray verantwortlich, einer der derzeit innovativsten Buchgestalter überhaupt. Gray schuf markante Meisterwerke wie die Umschläge der Bücher Jonathan Safran Foers oder Marina Lewyckas, Titel übrigens, die dem Schicksal der ästhetischen Passend-Machung für den deutschen Markt entkommen sind.

Der Londoner Gestalter entwirft für "Company Of Liars" einen scherenschnittartigen, bösartig züngelnden Wolf, der, seltsam verrenkt, den gesamten Umschlag beherrscht. Die für das Genre ungewöhnlich rohe Illustration, ist angefüllt mit unzähligen Vignetten: es wimmelt nur so von Totenschädeln, Kreuzen, Runen, Ratten, Flammen. Beulen gleich verteilen sich die Markierungen über das Tier, das so zum Symbol für die grausame Seuche gerät. Nicht nur sinnbildlich ist das Tier klug gewählt, auch inhaltlich ist es legitimiert. Titel- und Autorenzeile wirken massiv, wie in Eile aufs vergilbte Blatt gestempelt.

Die deutsche Ausgabe, neu interpretiert von HildenDesign in München, hat mit der britischen bestenfalls das vergilbte Bütten gemein. Alle weiteren gestalterischen Mittel sind zusätzliche Kategoriechiffren. Die Titeltypografie, eine sauber axial abgesetzte Unziale, bedient die zeitliche Einordnung idiotensicher, unter dem Stichwort "Mittelalter" abgelegte Illustrationen helfen da nach, wo dies nicht reichen sollte. Die Choreografie sämtlicher Titelelemente, historisierendes Dekor, erinnert dennoch eher an Tapete.
Selbst die Übersetzung des Titels, dessen ursprüngliche Metaphorik der "Gemeinschaft der Lügner" eingetauscht wird gegen ein mediævaleres "Fluch der Gaukler", verweist auf eifriges Bestreben, den potentiell Stöbernden zeitlich und handlungsbezogen zweifelsfrei abzusichern. "Flüche" künden von Unheil, "Gaukler" von tragikomischen Helden vergangener Zeiten. Zentrale Gestaltungsmaßgabe erscheint hier allein, die richtige Platzierung im Händlerregal gewesen zu sein. Nur wieder einer der üblichen Historienromane.

Während die britische Umschlaggestaltung einerseits die Wiedererkennbarkeit des Genres bedient und sämtlichen verkaufsfördernden Pflichten nachkommt, verwöhnte Leser zudem noch mit einer raffinierten Goldfolienprägung lockt, verspricht die Verpackung des Hardcovers darüber hinaus leidenschaftliche Dramatik, erzählerische Relevanz und metaphorische Dichte.

Die deutsche Visualisierung hingegen lässt sich auf die Minimalbotschaft "freundlicher Mittelalterroman" reduzieren. Das ist hier nicht bloß banal, sondern schlicht falsch. Nicht nur war das Mittelalter tatsächlich furchtbar und die Pest grausam, die beinahe 600 Seiten Text sind angefüllt mit Tod, Verrat und finsterem Geheimnis, poetisch vollendet zwar, aber weiß Gott nicht leicht verdaulich. Und weil genau dies den Leser dieses Buchs erwartet, sollte davon auch der Umschlag künden.

Zugegeben es ist schwierig: Unter 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr die passenden Bücher zu finden, ist nicht einfach für den deutschen Konsumenten. Die Verlage reagieren mit der Bereitstellung von normierten ästhetischen Ablagehilfen. Schnelle Einordbarkeit und Kategorisierung sollen dem Leser helfen, sich zu orientieren. Das Ergebnis ist die Beliebigkeit deutscher Buchtitel. Ein Abweichen von dieser Norm wird von Seiten der Verlage und des Buchhandels in der Regel unisono mit dem Dauerverweis auf die drohende Nichtverkäuflichkeit, das Totschlagargument schlechthin, im Keim erstickt.

Das ist umso trauriger, als Lizenzausgaben in ihren Heimatländern im Allgemeinen bereits beeindruckende Absatzkarrieren vorweisen können, auch mit Hilfe ihrer häufig brillant konzipierten, wenn auch in keine germanische Schublade passenden Umschläge.

Die ängstliche Ausrichtung deutscher Titelgestaltung an einem vermeintlich existierenden, übergeordneten ästhetischen Regelwerk, das sich einzig aus der Gestaltungsgesamtheit bereits veröffentlichter Bücher speist, tonangebend sind hier die nationalen Bestseller, nimmt dem Text das stärkste, was er als Verkaufsargument zu bieten hat, seine Einzigartigkeit. Die Furcht vor dem Hervorstehen, dem Auffallen, dem Komplexen, dem nicht eindeutig Zuordbaren, ist nichts anderes als die Aberkennung des Interesses, der Phantasie und der Intelligenz des Kunden.

Robert Schumann, Susanne Jung, Buchgestalter in Berlin

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4 Kommentar/e

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  • Andreas Schmied

    Andreas Schmied

    Es steckt viel Wahres drin in dem Artikel. Zumindest die erste Hälfte des Textes hat aber das Problem, dass ein wahrlich meisterhaft gelungener Umschlag mit einem durchschnittlichen verglichen wird. Da muss ja nicht alles vom Verlag glattgebügelt worden sein. Es kann halt nur nicht jeder Umschlag ein Meisterwerk sein ...

  • Silke Fichner

    Silke Fichner

    Manchmal passt wirklich alles, denn über diese zwei Cover denke ich auch schon seit Tagen nach. Ich lese gerade das englische Buch und möchte schweren Herzens die deutsche Übersetzung verschenken. Und so grüble ich, welchen Schutzumschlag ich dem Geschenk denn verpassen kann, um beim Beschenkten nicht gleich ein Wanderhuren- Gefühl zu erzeugen. Bisher bin ich auch noch nicht wirklich Gauklern und Flüchen begegnet, obwohl ich die Hälfte geschafft habe und das Ganze immer Düsterer wird. Aber vielleicht taucht beides ja noch auf. Mir stellt sich hier wieder die Frage, wer im Verlag das Buch eigentlich gelesen hat und ob derjenige denn gar nichts zu sagen hatte. Schade drum, aber vielen Dank für die professionelle Gegenüberstellung.

  • Nikola Hahn

    Nikola Hahn

    Der Artikel ist spitze! Wahrer Balsam für die Seele von (deutschen) Autoren, die zugleich auch leidenschaftliche Leser sind! Ein "Vorgarten", der neugierig auf das Dahinter macht, eine Tür, die zum Haus passt: Das ist für mich der Titel einer Geschichte, eines Romans. Ein idealer Titel hat für mich eine metaphorische Entsprechung in der Geschichte. Und für das Cover gilt das Gleiche. Es gab eine Zeit, in der ich dachte, dass es die vornehmste Aufgabe eines Covergestalters ist, genau das herauszuarbeiten und grafisch umzusetzen.
    Ich gebe die Hoffnung nicht auf ...

  • Hartmut Brie

    Hartmut Brie

    Natürlich sind viele Autoren bereit, Konzessionen zu machen im Bereich"Cover", aber ob sie sich dabei einen Gefallen tun, sei dahin gestellt.
    Ein Covergestalter sollte unbedingt das thematische Anliegen des Autors ästhetisch umsetzen, unabhängig von Vorgaben der Geschmacksanalyse der Verlage.
    Ich habe einen Verlag gefunden(Wiesenburg), der mich Cover und Papierauswahl selbst gestalten lässt.Herausgekommen sind ansprechende, auf das Thema eingehende Cover mit Aussagekraft.
    Ich würde mir wünschen, dass die Autorenwünsche stärker berücksichtigt werden als die Vertriebsargumente mit ihren Absatzargumenten, denn ein schönes Buch in der Hand zu halten, ist trotz des Zeitalters des E-Book noch immer ein Genuss.

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