Titel-Verteidiger: Neue Kolumne auf boersenblatt.net

Zwei Buchtitel. Ein Vergleich

"La solitude dei numeri primi" erscheint 2008 in Italien. Ein junger, die Feuilletons bewegender Roman. 2009 übernimmt Blessing die Lizenz für Deutschland und auch das Umschlagkonzept: Durch minderdichtes Blattwerk hindurch, schaut uns die scheue junge Frau mit den braunen Rehaugen direkt ins Herz. Leid, ja, vor allem aber Sinnlichkeit verspricht das Motiv.

Paolo Giordano Die Einsamkeit der Primzahlen Blessing, 2009 (2008)

Paolo Giordano Die Einsamkeit der Primzahlen Blessing, 2009 (2008)

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem. Oetinger, 2009-2011

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem. Oetinger, 2009-2011

Der Zweig hält uns sittsam auf Distanz, aufgeschobene Erotik pur. Die Algebra verheißende Titelzeile, "Die Einsamkeit der Primzahlen", tut dem erstmal keinen Abbruch.

Das Cover verspricht die Tiefgründigkeit des unter ihm geborgenen Textes. Dies ist die zeitgemäße Bildsprache für den zeitgenössischen Roman.

Im gleichen Jahr erscheint der erste von insgesamt drei Bänden der Fantasy-Trilogie "Die Tribute von Panem" auf dem deutschen Markt. Er behauptet sich erfolgreich sowohl im populären All-Age-Segment als auch auf der Spiegel-Bestsellerliste. Die beiden ersten Bände bescherten Oetinger bisher eine verkaufte Auflage von über 200.000 Exemplaren, der dritte Band erscheint im Januar 2011.

Bestandteil des sicheren Erfolgskonzepts ist die Titelgestaltung, Variationen des beliebten Motivs "Antlitz hinter Blattwerk"  – trotz seiner Statik ein scheinbar flexibles Gestaltungskonzept. Visuell gerahmt können dem Publikum so verschiedenste komplexe Gefühlszustände vermittelt werden: Angst, Lust, von mir aus auch Begierde. Die variierende Farbe der Blätter dient dem weniger sensiblen Leser zudem als Verstehenshilfe – rote Blätter = "Gefährliche Liebe" (Band 2)

Wem diese Anmutung nun bekannt vorkommt, vermutet richtig. Zum einen interpretiert die "Panem"-Reihe ihr Antlitz sehr nahe an der italienischen Inspiration, darüberhinaus ist sie in der idealisierten Gestaltungssytematik der Kosmetikindustrie umgesetzt: Glatte Haut, strahlende Augen und schwellende Lippen. Der ebenso perfekt geformte Schriftzug "Panem" könnte auch der Name einer Tagescreme-Serie sein, deren Wirkstoffe aus exotischen Blättern extrahiert werden. Das ist gelernte, tausendfach erprobte Gefälligkeit.

Perfektion ist bekanntermaßen Zeitgeist. Gestalter zeitgeistiger Literatur können sich diesem Diktat nicht entziehen. Beide Umschlagkonzepte, "Die Einsamkeit der Primzahlen" und die "Panem"-Serie, wurden übrigens entwickelt von der Zürcher Agentur Hauptmann & Kompanie. Ein Zufall?

 

Robert Schumann

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3 Kommentar/e

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  • Julia

    Julia

    Danke! Endlich wird das mal in Worte gefasst, ich stand im Frühjahr fassungslos vor den zwei Covern im Buchladen und habe mich gefragt, ob eine Agentur damit durchkommen kann/darf, 2x das selbe Konzept zu verkaufen...Das ist doch nicht ganz kosher, finde ich.

  • Anja

    Anja

    Das ist wirklich interessant, dass beide Cover von der gleichen Agentur gestaltet wurden. Ich habe Die Einsamkeit der Primzahlen bisher leider noch nicht gelesen, finde aber schon dass das Konzept mit den Blättern sehr gut zu den Tributen passt, weil die Protagonistin sich im Buch wirklich in einen Baum schwingt und sozusagen hinter den Blättern versteckt :-)

  • Sarah

    Sarah

    Interessant, wie hier die beiden Buchcover verglichen werden. Ich selber empfinde die Gestaltung nämlich ganz anders. Vorweg wäre wohl zu sagen, dass ich "Die Einsamkeit der Primzahlen" noch nicht gelesen habe - sehr wohl aber "Die Tribute von Panem".
    Zu Ersteren kann ich sagen, dass ich das Cover nicht als "sinnlich" empfinde, sondern viel mehr aus den Blättern (= Natur) die "Einsamkeit" wiedergegeben erkenne.

    Den Vergleich mit der Kosmetikindustrie bei den Panem-Covern hingegen, kann ich gar nicht nachvollziehen. Es handelt sich nun einmal nicht um ein Foto, sondern um ein am Computer erstelltes Bild. Natürlich ist die Haut dann glatt und das gesamte Gesicht "makellos" dargestellt. Wer die Bücher gelesen hat, erkennt aber auf dem Cover sehr gut die Thematik des Buches wieder (wie auch schon Anja vermerkt hat) - und die beschäftigt sich eher mit dem Gegenteil von kosmetischer Perfektion. Die "strahlenden" Augen sollten hier wohl viel mehr die „aufblitzende“ Kampfbereitschaft darstellen und das Versteck hinter den Blättern ist gut gewählt, da die Protagonistin sich eher wie ein Guerilla-Kämpfer durch ihre Geschichte um Rebellion und Widerstand hangelt.

    Natürlich ist es auffällig, das das Konzept der Cover sich sehr ähnelt und zudem auch noch von der selben Agentur entwickelt wurde. Passt aber die Gestaltung zum Inhalt der Geschichte, sehe ich dort weniger ein Marketing-Erfolgskonzept, das lieblos für mehrere Bücher verwendet wird, als eine passende Reflexion, die gleich beim 1. Blick erkennen lässt was man als Leser von dem Buch zu erwarten hat.

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