Umfrage zu Dichter-Gehältern

Poeten ohne Moneten

Laut einer aktuellen Umfrage des Hauses für Poesie in Berlin verdient nur jeder vierte Lyriker mit seinen Gedichten mehr als 10.000 Euro im Jahr. 83 Prozent der befragten Poeten gaben an, auch mit Nebentätigen nur schlecht über die Runden zu kommen.

Prekäre Finanzsituation für Dichter: Die Preisspanne zwischen preiswertem Bleistift und teuren Druckerpatronen ist da durchaus relevant

Prekäre Finanzsituation für Dichter: Die Preisspanne zwischen preiswertem Bleistift und teuren Druckerpatronen ist da durchaus relevant © istock

„Bilden Sie mal einen Satz mit pervers - Ja, meine Reime sind recht teuer: per Vers bekomm ich tausend Eier." – selten wurde die prekäre finanzielle Lage der Lyriker so schön aufs Korn genommen wie bei Robert Gernhardt.

19 Lyrikfestivals, Lesereihen, Vermittler und Dichter aus ganz Deutschland haben sich Mitte Mai in Caputh versammelt, die finanzielle Situation der Lyriker diskutiert und Forderungen an die Politik beschlossen. Der Tagung voraus ging eine Umfrage zur Einkommenssituation der Dichter in der Bundesrepublik, die das Haus für Poesie beauftragt hatte. 200 Dichterinnen und Dichter haben den Fragebogen erhalten, 114 haben geantwortet.

Ergebnis:

  • 76 Prozent der Befragten Dichter waren mit ihrem Gehalt unzufrieden
  • 83 Prozent gaben an, mit ihrem Gehalt schlecht über die Runden zu kommen
  • Drei Viertel der Befragten leben mit einem Jahresbruttoeinkommen unter dem Bundesdurchschnitt von 32.486 Euro (nach statista.de, gearbeitet wurde mit Angaben aus dem Jahr 2015)
  • Für 77 Prozent liegen die Einnahmen aus schriftstellerischer Tätigkeit jährlich bei 10.000 Euro oder weniger
  • 45 Prozent derjenigen, die neben der schriftstellerischen Arbeit keiner weiteren Tätigkeit nachgehen, liegen mit ihrem Einkommen unter der Armutsgrenze, die bei 11.759 Euro im Jahr liegt

Diese alarmierenden Zahlen sowie die lückenhafte Ausstattung von Poesieveranstaltern waren für das Plenum der Anlass, Aufgaben für sich selbst zu formulieren und Forderungen an die Politik zu diskutieren. Die Ergebnisse sollen in einem Forderungskatalog zum 1. Juli veröffentlicht und Entscheidungsträgern in der Politik präsentiert werden. Zentrales Ziel ist es laut Pressemitteilung des Hauses für Poesie, die ökonomische Situation Lyriker sowie die Produktions- und Präsentationsbedingungen von Lyrik zu verbessern.

Die Umfrage zeigt auch, dass der größte Teil der Einnahmen aus schriftstellerischer Tätigkeit aus Auftrittshonoraren für Lesungen und Redebeiträge besteht: Mit 38 Prozent sind sie drei Mal höher als die Einnahmen durch Buchpublikationen (12 Prozent). Deshalb fordert die Runde aus Poesieveranstaltern eine massive Aufstockung der Veranstalterbudgets.

Das Plenum spricht sich für eine Erhöhung der Lesehonorare und ein Mindesthonorar, dessen Höhe noch diskutiert wird, aus.

Weitere Forderungen sind:

  • der Ausbau von Preisen und Stipendien für Lyrik
  • die Besetzung von Jurys mit Lyrikkennern
  • die Finanzierung von Formaten der kulturellen Bildung
  • eine nachhaltige Verbesserung der Präsenz und Vermittlung von Lyrik an Schulen und Hochschulen
  • eine Stärkung der Lyrikkritik
  • und die Öffnung bzw. Schaffung von Förderprogrammen für lyrikbezogene Publikations- und Vermittlungsplattformen im Internet

An der Tagung teilgenommen haben u.a.: Nico Bleutge (Lyriker/Kritiker, Berlin), Rike Bolte (Festival Latinale, Berlin), Regina Dyck (Poetry on the road, Bremen), Kerstin Hensel (Lyrikerin/stv. Direktorin der Sektion Literatur an der Akademie der Künste, Berlin), Tobias Herold (Lesereihe Lyrik im ausland, ausland/projekt archiv e. V., Berlin), Norbert Hummelt (Lyriker, Berlin/Literaturinstitut Leipzig), Gesa Husemann (Festival Poetree, Göttingen), Hendrik Jackson (Lyriker/Kritiker, Berlin), Wend Kässens (Deutscher Literaturfonds), Kalle Aldis Laar (Schamrock-Festival, München), Claudia Maaß (FU Berlin), Tristan Marquardt (Lesereihe "meine drei lyrischen ichs", München),  Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek (Literaturwissenschaftler FU Berlin), Andrea O'Brien und Ruairí O'Brien (Lyriktage Dresden), Alexander Suckel (Dramaturg und designierter Leiter Poesiefestival Halle), Hans Thill (Lyriker/Leiter Künstlerhaus Edenkoben), Anja Utler (Lyrikerin, Regensburg/Universität für angewandte Kunst in Wien) und Dr. Thomas Wohlfahrt (Haus für Poesie, Berlin).

Die Umfrage und die Tagung wurden ermöglicht durch die finanzielle Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Sämtliche Ergebnisse als PDF unter haus-fuer-poesie.de

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2 Kommentar/e

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  • Christiane Geldmacher

    Christiane Geldmacher

    Was fehlt ist die Forderung nach einer Erhöhung der Einnahmen aus den Buchpublikationen. Es ist doch gar nicht gesagt, dass alle am Literaturzirkus mit Veranstaltungen, Lesungen, Events, Podien etc. teilnehmen wollen.

  • Harald Kraft

    Harald Kraft

    Die Sparte Lyrik verkauft sich im Buchhandel nicht einfach und zudem
    bekommt ja ein Autor nicht viel Honorar. Es sei denn, er hätte einen
    Bestseller verfasst. Mit Gedichten ist dies aber sehr schwer.
    Von Lyrik schreiben lässt es sich nicht leben.
    Da gehört ein Beruf noch dazu.
    Es wäre sicher von Vorteil, wenn an den Schulen auch wieder mehr
    Gedichte gelesen würden.
    Nur wer auch die Literatur in der Lyrik wahrnimmt, ist auch für
    Gedichte aufgeschlossen.

    • ...

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