Der Brexit: Nullius in Verba

Britische Verlegerinnen und Verleger waren in ihrem Votum klar: Die weit überragende Mehrheit hatte sich einen Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union gewünscht, angeführt von der leidenschaftlichen Pro-Europäerin Dame Gale Rebuck. Gleiches galt für Forscherinnen und Forscher, nur wenige fanden sich auf der Seite der Befürworter eines europäischen Sonderwegs für das Vereinigte Königreich. Wir wissen heute, dass es anders kam, und Verlage wie Buchhändler müssen sich auf neuen Unbill einstellen, ohne zu verzweifeln.

Made in Britain – in der Forschung ein Qualitätsmerkmal

Kaum eine Branche ist international so verwoben wie das Verlagswesen, das wissenschaftliche zumal. Die großen Verlagsgruppen Elsevier, SpringerNature, Wiley und Taylor & Frances, aber auch die größten University Presses, jene aus Oxford und Cambridge, haben wichtige Programmteile oder gar ihren Hauptsitz auf der Sezessionsinsel. Und das mit gutem Grund: Laut einer Studie für die britische Regierung aus dem Jahr 2013 schreiben die Forscher der Insel 15,9% der am stärksten rezipierten Artikel – weltweite Spitze, noch vor den USA.
Die Stärkung des Forschungsraums Europa war formulierte Mission der letzten Dekade, und gerade Großbritannien hat von dieser Entwicklung überproportional profitiert. Forschungsgelder flossen in das Königreich, Forschungsallianzen wurden geschmiedet. Aus Sicht der Wissenschaft und ihrer Verlage ist der Brexit eine mehr als unerfreuliche Entwicklung, er ist ein Rückschritt.

Digitaler Binnenmarkt ade

Die EU-Kommission hatte erst vor ein paar Wochen der Schaffung des digitalen europäischen Binnenmarktes neue Impulse verliehen, als sie ihre Strategie zur European Open Science Cloud vorstellte. Ihr Ziel: Abschaffung nationaler Sonderwege, freierer Zugang zu Forschungsergebnissen, Stärkung der europäischen Zusammenarbeit. Was bei Waren und Dienstleistungen einen Wachstumsschub gegeben hat, so das Kalkül in Brüssel, sollte Wissenschaft und Forschung erst recht nützen.
Mit dem absehbaren Ausscheiden Großbritanniens als der forschungsstärksten Nation in der EU ist zumindest diese politische Mission geschwächt. Und die erhofften Impulse verkehren sich ins Gegenteil, wenn nicht entschieden gegengesteuert wird.

Brexit – was nun?

Es wird eine Weile dauern, bis greifbare Effekte aus dem Brexit spürbar werden. Ganz unmittelbar finden sich Verlage in einer Phase der Unsicherheit wieder, schließlich ist der Austritt eines Landes aus der Union noch niemals vorgekommen und es gibt kein Drehbuch. Ganz unmittelbar werden Währungsschwankungen, die global operierenden Unternehmen zwischen den großen Wirtschaftsblöcken in der vergangenen Dekade erspart geblieben sind, die Planungen durcheinanderwirbeln. In einem Marktumfeld, dessen Wachstum im Vergleich zu den währungsseitig turbulenten 1990er Jahren deutlich an Dynamik verloren hat, sind das schlechte Nachrichten. Einen Vorgeschmack auf das, was da drohen kann, gab bereits der erste Börsentag nach dem Brexit. Und es geht nicht nur um das britische Pfund, gerade auch die Relation Dollar – Euro dürfte in den kommenden Monaten deutlich volatil sein.
Viel hängt für Wissenschaft und Verlage von der Reaktion der verbleibenden Mitgliedsstaaten und der Kommission der Europäischen Union ab. Die EU macht erheblichen Druck aufs Tempo, vor allem wohl, um Nachahmer in anderen Staaten abzuschrecken und das europäische Projekt auf diese Weise zu retten. Auch für die Wirtschaft scheint es essenziell, rasch klare Verhältnisse zu haben. Verlage und Serviceanbieter brauchen klare Leitplanken zur Sicherung ihrer Investitionen. Und dass die Weiterentwicklung der Angebote von Verlagen an einer zentralen Wegscheide steht, darf wohl als gesichert gelten. Bis sie ihren Plan B zum Umgang mit der neuen Situation haben, werden sie Investitionen vermeiden, gerade in Großbritannien – eine Situation, die für Dienstleister deutscher Verlage nach dem VG Wort-Urteil bereits Realität ist.

Internationale Wissenschaft, global operierende Verlage

Nationale Grenzen und damit verbundene ökonomische Barrieren sind für die Wissenschaft und Wissenschaftsverlage nicht unüberwindbar, aber sie sind eine zusätzliche Hürde im ohnehin härter werdenden Wettbewerb. In Großbritannien, das auch vor einer inneren Zerreißprobe steht, müssen die eingesparten Zahlungen an Brüssel im Interesse der Forschung eben auch in die Budgets von Hochschulen und Bibliotheken gelenkt werden. Das seit der Finanzmarktkrise finanziell ohnehin gebeutelte britische Bildungssystem Britanniens darf nicht noch mehr leiden.
Der Austritt Großbritanniens aus der Union wird europäische Forschungsnetze nicht zerstören – gottlob ist der Einfluss der Politik nicht grenzenlos. Vielleicht gibt die stärkere Fragmentierung innovativen Technologien, etwa der Crypto Currency-Bewegung, gar Auftrieb. Denn welcher Wissenschaftler wird in Zukunft auf die enge Zusammenarbeit mit seinen europäischen Kollegen und auf die Rezeption ihrer Forschungsergebnisse verzichten wollen?
Insofern ist die Entscheidung Großbritanniens zum Austritt aus der EU im Jahr 2016 nicht vergleichbar mit einem Europa nationaler Grenzen in den Fünfziger Jahren. Digitale Märkte lassen sich – in diesem Fall erfreulicherweise – nicht (mehr) nationalstaatlich regulieren. Für Forschungseinrichtungen, Bibliotheken und Verlage wird die unmittelbare Phase der Unsicherheit ziemlich ungemütlich werden. Und es wird sie antreiben, die globale Vernetzung weiter voranzutreiben. Das Motto der Royal Society von 1660, Nullius in Verba (etwa: Auf niemandes Wort schwören), ein Bekenntnis zum kritischen, der Obrigkeit nicht hörigen Forschergeist, war wohl selten so wahr wie 2016 - Und zwar für die Wissenschaft wie auch für Verlage.

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