Apples nächste Schritte

Das Ende der i-Zeit

Auf Apples letzter weltweiter Entwicklerkonferenz WWDC wurden wie fast immer die Erweiterungen und Änderungen an den relevanten Betriebssystemen vorgestellt. Weitgehend unbeachtet blieb, dass bei Apple der Beginn einer neuen Epoche auf der Agenda steht. Unser Autor Stephan Selle wagt eine Analyse.

Bei der WWDC lohnte es sich schon immer, genauer hinzusehen, denn durch die Systementwicklung lenkt Apple die Entwickler, und darüber Milliarden von Nutzern weltweit. Auf bestimmte Aspekte unseres Alltagslebens, unter anderem auf unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit, hat der kalifornische Computer-Riese mittlerweile mehr Einfluss als die Kirche oder der Staat!

Die meisten auffälligen Neuheiten sind dem Interessierten schon aus den passenden Artikeln der Tagespresse bekannt, an dieser Stelle interessieren die Trends, die nicht so explizit gemacht wurden, aber möglicherweise erheblich Einfluss auf die zukünftige Ausrichtung des Marktes haben.  Sieben Punkte waren auffällig:

1. Tschüs »i«

    Die Initial-i bei den Apple-eigenen Produkten verschwinden. Statt iTunes heißt es Music, statt iPhoto nur noch Fotos. Hinter dem Ende der i-Zeit steckt System: Allgemeine Begriffe als Produktbezeichnungen haben das Potenzial, beim Leser/Hörer vermischt zu werden. 

    Tempo wird zur Bezeichnung von Papiertaschentüchern (pars pro toto, der Teil steht für das Ganze). Beim umgekehrte Vorgang (toto pro pars, das Ganze für einen Teil) funktioniert nur, wenn der Kontext hilft: Die Deutschen waren im vergangenen Jahr bei Übertragungen von der Fußball-WM die Nationalmannschaft. Wenn das Microsoft Betriebssystem bei uns Fenster hieße, würde sofort klar, was ich meine. Aus Marketingsicht kann das ein toller Effekt sein, wenn bei den Alltagswörter Musik und Foto immer der Produktname mitschwingt. 

    2. Tschüs »Browser«

    Der Traum vom »One-Stop-Shop« geht weiter. Je neuer das Betriebssystem, desto weniger brauchen wir Benutzer den Browser. »News« – noch so ein neues Apple-Ding ohne »i« – zeigt die Artikel verschiedener Zeitschriften in anspruchsvollem, modernen Design mit einigen Marken-Eigenheiten der jeweiligen Zeitschriften. Apple hat dafür eine eigene Formatsprache entwickelt, in der die Verlage ihre Artikel bereitstellen können. Fazit: Kein Browser mehr, um Artikel digital zu lesen. Und keine Einzel-Apps von Verlagen.

    Auch Apple Music geht diesen Weg: Internet Radio? Drin, kein Browser mehr dafür. Web-Seiten einzelner Künstler, in denen die Downloads und Videos zur Verfügung stellen? Drin, kein Browser mehr dafür. Geströmte Musik? Drin, kein Browser mehr nötig.

    Das Ziel dahinter ist offensichtlich: Die Internet-Welt des Browsers wird abgelöst durch die Apple-Welt der eigenen Apps. Und weil selbst Apples Marktmacht nicht ausreicht, um das mit den eigenen Produkten umzusetzen, wird die eigenen Programmiersprache Swift lizenzfrei für alle nutzbar, also OpenSource. Damit, so wohl die Hoffnung bei Apple, kann nach den eigenen Prinzipien auch in anderen Welten, also Googles Android zum Beispiel programmiert werden.

    3. Tschüs NSA

    Die Apple Uhr – Watch, ohne »i«! – hat nach sechs Wochen (!) ein System-Update bekommen. Die Features sind alle nett, aber unerheblich. Der eigentliche Punkt ist, dass die Uhr nicht mehr am iPhone (das, sollte ich richtig liegen, bald nur noch Phone heißt) hängt! Gestern war Apples Watch noch ein Anhänger für das Telefon, jetzt ist es ein autonomes Gerät. Das Sicherheitsloch, das durch den Datenaustausch mit dem Telefon hätte entstehen können, ist weg und die Uhr findet auch zu den Kunden, die kein iPhone haben.

    Der Autonomie-Gedanke aus Sicherheitsgründen gilt auch für alle anderen neuen Services. Appel wurde bei der Konferenz nicht müde, darauf hinzuweisen, dass auch die Siri-Sprachverarbeitung mittlerweile lokal ist, auf dem Gerät: nichts wird mehr an Apple-Server (und damit an die NSA) gesendet. Die News-App überträgt weder an Apple noch an andere, was der Benutzer liest und welche Publikationen er favorisiert. Wenn mit zentralen Servern kommuniziert werden muss, dann, so Apple, »Anonym, ohne Apple-ID, mit zufälliger Ident-Nummer, nicht gekoppelt an andere Services, nicht einsehbar für Dritte«: Danke Edward Snowden! Denn das ist ganz offensichtlich eine Reaktion auf den Abhörskandal und den Vertrauenseinbruch, den Apple, Google, Microsoft, Facebook und anderen Big Players danach hinnehmen mussten.

    4. Einfach Tschüs

    Sieht man sich den Funktionszuwachs auf Systemebene beim MacOS X, beim iOS 9 für die mobilen Teile und das neue WatchOS für Apples Armbanduhr an, dann ist der tendenzielle Verlust der Simplizität zu beklagen. Der Charme des iPad lag unter anderem darin, dass die Lernkurve extrem flach war: Es gibt kein Dateisystem, das von einem ahnungslosen Benutzer verwaltet werden muss, es gibt keine Treiber und keine komplexe Interaktionen zwischen Programmen, den Apps. Alles ist extrem einfach – gewesen. 

    Bei der Annäherung von iOS und OSX, also von iPad-System und Mac-System, verliert die Einfachheit: es gibt immer mehr Funktionen, die nicht mehr sichtbar sind, also gelernt werden müssen, und Apple hätte auch schon 6-Finger-Gesten eingeführt wäre die Anzahl derer, die das nutzen könnten nicht so extrem klein. Was immer die Apps machen: Das System bekommt immer mehr Funktionen, im Window-Management, im Austausch zwischen Anwendungen, in der Nutzung neuer Ressourcen, dass für den einfachen Nutzer der Überblick verloren geht. 

    5. Hallo Zukunft

    Proaktiv: Meine Software schaut in die Zukunft. Demonstriert wurde das an den mobilen Geräten – Phone und Pad – und an der Uhr. Wenn ich um halb Acht morgens meinen Kopfhörer ins iPhone stecke, weiß der Apparat, dass ich um diese Uhrzeit jogge und nimmt die passende Playlist. 

    Mit Zugriff auf meinen Kalender und meine Adressen weiß mein Telefon, dass ich abends für meine Freundin koche und nimmt dazu dann automatisch die Playlist mit dem Weichgespülten. Wenn ich selbst da nichts habe, kann ich Apple Musik eine passende Playlist für die Candlelight-Stimmung liefern lassen, nischt wie Barry White und Marvin Gaye. Lachen Sie nur über die Beispiele: Was zur Zeit noch spielerisch aussieht, ist ein neues Paradigma. 

    Früher hat die NSA Ihre Daten vom SmartPhone, vom Tablet und von anderen Geräten gesaugt, um Sie zu überwachen. Das macht jetzt das Gerät selbst. Die Daten waren schon immer da, aber jetzt werden sie intelligent zusammengeführt. Wo das hingeht? Schauen Sie sich mal ein altes Video von Apple aus dem Jahre 1987 an, Knowledge Navigator, das gibt Ihnen eine Idee. (Am Ende dieses Artikels finden Sie unter Media den YouTube-Link.)

    6. Hallo Kontext

    Aber auch wir dürfen auf diese neue, proaktive Intelligenz zugreifen. Die dafür zuständige Schnittstelle ist beim iPhone Siri, mit der natürliche Sprache verarbeitet wird. Bislang konnte man mit Siri suchen oder Terminbucheinträge machen. Die neue Siri ist ein Kontext-Manager.

    Sie bekommt Zugriff auf die Inhalte der Apps (Fotos, Termine, Mail): »Zeige Bilder vom letzten Urlaub« wird so eine verarbeitbare Anfrage. Zeiten, Orte und Kontakte werden intensiv genutzt, um zu ahnen, was Nutzer wann und wo am liebsten hören, tun oder sehen. Gespenstisch? Aber praktisch …

    7. Tschüs Bargeld

    Apple Pay kommt vorerst nur ins (noch) Vereinigte Königreich und Passport wird in Wallet umbenannt. Damit landen alle Kreditkarten, Tickets, Kundenkarten, Payback-Karten und natürlich alle Euroscheine im digitalen Portemonnaie. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft bezahlen wir alle mit diesem oder einem vergleichbaren System: Man hält das SmartPhone dicht an einen Bezahlautomaten, den Rest erledigt die Software. Es werden aber keine Kundendaten mit übermittelt, ein deutlicher Dämpfer für alle die Europa-Politiker, die statt Geld gern EC- oder Kreditkarten-Zahlungen hätten, die auch digital nachverfolgbar sind: In Italien hat man so das Steueraufkommen deutlich gesteigert.

    Gleichwie: Erklärtes Ziel der Apple-Leute ist es, die Brieftasche zu ersetzen. Stellen Sie sich vor, ihr SmartPhone weiss nicht nur, was Sie wann und wo gern tun, sondern auch, was Sie über Monate eingekauft haben: »Eigentlich müsste die Milch alle sein, und es ist Mai: Schau mal nach Spargel.«

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