Auslaufmodell DRM

Von der Sinnlosigkeit harter Kopierschutzmechanismen

Ein Plädoyer für das Vertrauen in den mündigen Leser

Das via Software-, Film- und Musikindustrie mit deutlicher Verspätung auch auf E-Books übertragene Digital Rights Management (DRM), auch bekannt als »harter Kopierschutz«, war eigentlich von Beginn an ein Auslaufmodell. Die Kritiker bzw. Gegner, kampferprobt durch Befreiungsschlachten um andere Medien, hatten schlichtweg die besseren Argumente. Dem eindimensionalen Anti-Piraterie-Dogma stand eine Batterie von Einwänden ganz unterschiedlicher Couleur gegenüber:

  • Warum sollten wir zahlenden Kunden das Leben schwer machen, ihnen verbieten, digitale Inhalte auf verschiedenen Geräten zu lesen oder im Freundeskreis herumzureichen?
  • Warum sollten wir die Leser indirekt kriminalisieren und ultimativ verärgern?
  • Verursachen die »Schutzmechanismen« nicht eine Menge zusätzliche Kosten, zum Beispiel im Servicebereich?
  • Können Leute mit ein wenig Basteltrieb sie nicht ohnehin umgehen?
  • Hat davon abgesehen die Weitergabe der Inhalte nicht am Ende sogar einen gewissen Werbeeffekt?

Gut eine Dekade nachdem die Free Software Foundation (FSF) ihre Defective by Design-Kampagne gestartet und Tim O’Reilly seine hellsichtigen Thesen zum Themenkomplex digitale Distribution und Filesharing veröffentlich hat, scheint das Rights bzw. Restrictions-Managment auch in der digitalen Buchbranche deutlichen Gegenwind zu bekommen. Jedenfalls außerhalb der riesigen, scheinbar unerschütterlichen Systeme Amazon und Apple. Doch ich greife vor.

Die Website lesen.net kompilierte Anfang 2013 eine Whitelist mit mehr als 40 Verlagen, die ohne hartes (Adobe-)DRM arbeiten und ihre Leser somit respektieren. Das Feedback zum Beitrag war beachtlich und nach diversen Kommentaren und einem Update wurde deutlich, dass in Deutschland zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schon um die 400 (!) Publisher bzw. Labels auf Schutzmechanismen verzichteten. Eine Mitte 2014 vom Börsenverein veröffentlichte E-Book-Studie legte schließlich eine Trendwende nahe: Hatten 2013 noch 55% der (immerhin mehr als 300) befragten Verlage hartes DRM eingesetzt, wollten das 2014 nur noch 44% tun. Das entspricht – um es noch mal deutlicher zu formulieren – einem Rückgang von 20% und einem Verlust der absoluten Kopierschutzmehrheit.

Absolute Zahlen fehlen zwar weiterhin, aber die erfreuliche Negativtendenz wurde letzten Sommer unter anderem von Mitarbeitern größerer Distributoren in Deutschland bestätigt, die wiederum mit insgesamt mehreren Hundert Verlagen kooperieren: Man wolle es den Kunden einfacher machen, ihnen vertrauen und habe außerdem die grundsätzlichen Unzuänglichkeiten von DRM erkannt – nicht nur spezielle Pannen wie die mit dem nicht abwärtskompatiblen Adobe Content Server. Besonders interessant: Das Statement von Verena Becker (Umbreit). Deren Kunden haben sich alle von Schutzmechanismen verabschiedet, denn: »Der überwiegende Teil aller Supportanfragen bei E-Books bezieht sich auf das DRM«. Hier wird offensichtlich viel Zeit und Geld verschwendet. Auch die beim Papiergeflüster bloggende Buchhändlerin Simone Dalbert forderte deswegen bereits: Macht es ohne!

Im Januar 2015 begannen die Sortimenter, sich verstärkt zu beklagen und bezeichneten DRM unter anderem als «Knietritt für den Handel«. Dies kann ich nicht zuletzt anhand eines aktuellen Privatbeispiels bestätigen: In einer kleinen Kölner Buchhandlung hatte ich Mitte Februar das Portemonnaie schon gezückt, als mich die Verkäuferin darauf hinwies, dass der von mir ausgewählte, taufrische Suhrkamp-Digitalroman mit Adobe-DRM verseucht sei – worauf ich ihn leider stehen lassen musste. Natürlich geschah das nur aus Prinzip – nicht aus Angst, später an technischen Hürden zu scheitern.

Wer sich auf DRM einlässt, kann die Schutzmechanismen leicht knacken – mittlerweile auch ohne größere Medienkompetenz. Anleitungen gab es letzter Zeit unter anderem im PC Magazin, wo kurz und bündig die Handhabung des Calibre-Plugins DeDRM erläutert wird.

Chip geht sogar ausführlicher auf die rechtlichen Aspekte des Hackings ein: »Strafrechtlich können Sie für das Entfernen des Schutzes nicht belangt werden, solange Sie nur eine Privatkopie erstellen. (...) Zivilrechtlich jedoch könnte der Rechteinhaber Sie dafür belangen«, heißt es da. Die Quasi-Entwarnung folgt sogleich: »In der Praxis werden Rechteinhaber nicht nachvollziehen können, dass Sie das DRM entfernt haben, wenn Sie die Kopie lediglich privat nutzen.« Dermaßen an die Hand genommen sollte die Befreiung der privaten E-Books nun tatsächlich kein Problem mehr sein. Erste Instruktionen für Nerds gab es übrigens schon vor 6 Jahren, zum Beispiel im Reverse-Engineering-Blog I♥CABBAGES. Diesen Beitrag erwähne ich hier und heute vor allem wegen seiner Schlussworte, in denen der Autor darum bittet, die angebotenen Skripte nicht zu missbrauchen, da »echte«/kommerzielle Piraterie falsch sei und nur Wasser auf die Mühlen der Pro-DRM-Fraktion liefere.

Mit diesen technischen, juristischen und moralischen Überlegungen im Hinterkopf stellt sich erneut die Frage: Hartes (Adobe-)DRM ab Verlag? Cui bono? Antwort: Entweder niemandem. Oder den (zurecht) viel gescholtenen großen Playern Amazon und Apple und ihren mächtigen bzw. mächtig komfortablen Proprietärsystemen. Absurderweise wird dort zwar auch DRM eingesetzt – teilweise sogar für ursprünglich freie Produkte – dem an der langen Glitzerkette gehaltenen 08/15-Kindle- und iPad-User fällt das aber nur höchst selten auf.

Dass schlussendlich alle Leser, die sich für E-Books interessieren, zu genau dieser Art von Käfigkunden mutieren, statt mit den legal erworbenen digitalen Kulturgütern selbstbestimmt und frei verfahren zu können – das gilt es meines Erachtens tunlichst zu verhindern. Wer noch direkt beim Verlag, bei unabhängigen Plattformen oder im stationären Handel kauft, sollte ein wenig hofiert werden. Eine gute Möglichkeit besteht darin, die bestehenden Trends aufzugreifen und das ärgerliche DRM endlich flächendeckend aufzugeben. Natürlich ist hier seitens der Verlage nicht nur Entschlossenheit, sondern auch Verhandlungsgeschick vonnöten: Prominente Autoren und ausländische Lizenzgeber wollen überzeugt werden. Es sollte jedoch kein grundsätzlicher Zweifel mehr darüber bestehen, dass harter Kopierschutz endlich weg muss. Er macht ein E-Book schließlich von vornherein zum Mängelexemplar.

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2 Kommentar/e

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  • aviess

    aviess

    Schöner Text, Alex! Übrigens verzichtet nun auch DuMont auf hartes DRM und setzt auf Wasserzeichen: http://www.buchreport.de/nachrichten/verlage/verla ge_nachricht/datum/2015/03/11/viele-nachteile-kein -schutz.htm Hinter dem Link gibts auch eine Auflistung weiterer Verlage, die DRM nicht einsetzen.

  • skreutzer

    skreutzer

    Nichts ist so einfach zu kopieren wie Text, denn mindestens der analoge Abgriff bleibt stets möglich (muss ja auch irgendwie gelesen werden können, nicht wahr?). Insofern sind derartige „Schutzmechanismen“ (?) grundsätzlich unwirksam. Der Versuch der Verlage, eben solche dennoch einzusetzen, beweist auf’s Offensichtlichste, wie wenig das Urheberrecht in seiner gegenwärtigen Form wirksam ist, denn bei Urheberrechtsverletzungen stünde jedem Verlag der Rechtsweg offen, ohne dass die Dateien technisch beschädigt werden müssten. Und damit wird auch klar, dass mittlerweile jedermann technisch in der Lage ist, in industriellem Maßstab zu kopieren und zu distributieren (beides quasi ohne Kosten), was das Geschäftsmodell des Verkaufs von einzelnen Kopien hinfällig macht. Daran können weder das prädigitale Urheberrecht noch vermeintliche technische „Schutzmaßnahmen“ etwas ändern. Dass die Umgehung letzterer unter Strafe steht und damit das Recht auf Privatkopie untergräbt, ist eine Frechheit! Man kann bei Verletzungen des Urheberrechts rechtlich belangt werden, man wird technisch gegängelt durch unwirksame Mechanismen, die Umgehung dieser Mechanismen steht auch noch unter Strafe und wenn möglich würde auch noch das Lesen an sich weiter (also, über die Möglichkeit der befristeten Nutzungserlaubnis zurück) eingeschränkt werden. All das muss weg, mindestens die nicht-kommerzielle Anfertigung und Verbreitung von Kopien muss erlaubt werden.

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