Ein verblüffender Vergleich

Apple vs. Siemens oder Amerika vs. Europa

Der Unterschied zwischen Amerika und Europa ist größer als man denkt

Zahlen können ja mitunter sehr aufschlussreich sein. Ende Januar dieses Jahres wurden in zahlreichen Medien die wirtschaftlichen Ergebnisse des 4. Quartals 2014 für zwei sehr unterschiedliche Unternehmen von Weltgeltung bekannt gegeben. Mich hat dabei gewundert, dass diese beiden Betriebsergebnisse nicht miteinander in Beziehung gesetzt und durch ergänzende Daten veranschaulicht worden sind. Aber der Reihe nach. Zunächst meldeten Zeitungen, dass der Gewinn von Siemens im 4. Quartal 2014 eingebrochen, der Umsatz jedoch auf 17,4 Milliarden Euro gestiegen ist.

Einen Tag später erfuhr die erstaunte Öffentlichkeit, dass Apple im gleichen Quartal so viel Gewinn einfahren konnte, wie kein anderes Unternehmen zuvor. 16 Milliarden Euro. Mit anderen Worten: Apple machte fast so viel Gewinn wie Siemens Umsatz. Da sollte man, dachte ich mir, doch einmal einen Blick auf die von den Medien nicht herangezogene Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Unternehmen werfen. Das Ergebnis ist so verblüffend wie erschreckend. Während Siemens seine 17,4 Milliarden Umsatz mit 343.000 Beschäftigten erwirtschaftet hat, machte Apple einen fast ebenso großen Gewinn mit lediglich 97.000 Beschäftigten. Jeder Mitarbeiter von Apple generiert also durchschnittlich einen Gewinn von 165.000 Euro. (Dem Kölner Betriebsvergleich des Instituts für Handelsforschung kann man übrigens entnehmen, dass dieser Gewinn von Apple so hoch ist wie der Umsatz, den die Beschäftigten in Deutschlands ertragreichsten Buchhandlungen pro Kopf erwirtschaften.) Deutlicher als mit diesen Zahlen lässt sich der Produktivitätsunterschied zwischen amerikanischen Hightech-Konzernen und europäischen Traditionsunternehmen kaum ausdrücken.

Das führte mich zu der Frage, warum Apple, Google, Amazon & Co. nicht einfach Daimler, Telekom, Siemens & Co. kaufen. Geld dazu hätten die amerikanischen Konzerne. Allein bei Apple liegen derzeit 178 Milliarden Dollar auf der hohen Kante. Genug, um Siemens und die Telekom zu übernehmen. Doch die Konzerne aus dem Silicon Valley machen kaum Anstalten, ihre prallen Kassen über Europa auszuschütten. Stattdessen investieren die Internetriesen lieber Unsummen in verheißungsvolle Start-ups, wenn diese noch Verluste in vielstelliger Millionenhöhe bilanzieren. Wer nun kopfschüttelnd meint, dies sei eben amerikanischer Spekulationswahn und ginge uns nichts an, der befindet sich auf dem Holzweg. Diese Tatsache ist nämlich »eher Anlass zur Sorge als zur Beruhigung«, hat Christoph Keese in seinem Buch Silicon Valley festgestellt. Sie führt uns nur vor Augen, dass die europäischen Traditionsunternehmen aus Sicht der Kalifornier sowieso nicht überlebensfähig oder konkurrenzfähig sind. Wozu in ertragsschwache Unternehmen investieren, die keiner gedeihlichen Zukunft entgegen sehen?

Die schwächelnde Produktivität europäischer Unternehmen dürfte denn auch nicht der Hauptgrund für die Kaufzurückhaltung amerikanischer Internetkonzerne in der Alten Welt sein. Vielmehr sind es die divergierenden strategischen Ziele und die erheblichen Mentalitätsunterschiede auf beiden Kontinenten. Um zur Verdeutlichung einige wenige Beispiele zugespitzt anzuführen: Im Silicon Valley konzentriert man sich nicht auf die Produktion von Waren, sondern auf die Architektur von Plattformen. (Auch Apples iProdukte sind nicht allein Selbstzweck. Sie verfolgen vielmehr das – langfristig ertragreichere – Ziel, deren Käufer in eine iWorld zu locken und sie darin einzuzäunen.) In Europa sind wir gewohnt, Prozesse der Produktentwicklung so lange unter Verschluss zu halten, bis sie gelauncht werden. Im Silicon Valley hingegen herrscht (jedenfalls bei den Start-ups) schon in der Gründungsphase ein reger Austausch über die Ideenentwicklung und deren Umsetzung. Wir Europäer tun uns auch schwer mit der empathischen Vision, die Welt durch Algorithmen verbessern zu können. Wer in Europa die Welt verändern möchte, geht in die Politik. Wer dies in Amerika im Sinn hat wird Programmierer.

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2 Kommentar/e

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  • Arnd Roszinsky-Terjung

    Arnd Roszinsky-Terjung

    Danke, lieber Herr Bluhm - ebenso klare wir unbequeme Worte. Was bleibt, ist eine offene Frage: Was nun, was tun?

  • Detlef Bluhm

    Detlef Bluhm

    Lieber Herr Roszinsky-Terjung, auf diese offene Frage habe ich leider auch keine schnelle, befriedigende Antwort. Ich denke jedoch, dass unsere Branche im Bereich der Netzpolitik offensiver werden muss. Dass wir unsere Einflussmöglichkeiten intensiver nutzen müssen. Dass wir aufgerufen sind, bei unseren Mitgliedern entsprechende Erkenntnisprozesse in Gang zu setzen. Vielleicht fällt Ihnen bei näherem Nachdenken dazu noch mehr ein!

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