Electric Afternoon

Inspirierende Offenheit

Über 80 TeilnehmerInnen fanden sich am vergangenen Samstag im angesagten Neuköllner »Colonia Nova« ein, um sich über den digitalen Stand der Dinge in der Buchbranche auszutauschen.

Arbeitsergebnis der Session »Schreiben vs. digitale Literatur« © Detlef Bluhm

Bemerkenswert war die bunte Zusammensetzung der DiskutantInnen in den insgesamt zwölf 45-minütigen Sessions des Electric Afternoon. Menschen aus Groß- und Kleinverlagen, Unternehmensberatungen, der Blogosphäre, dem universitären Bereich, aus Anwaltskanzleien, Software-Schmieden, Grafik-Agenturen und dem Selfpublishing kamen in munteren Gesprächen zusammen. In dem als Barcamp organisierten Meeting ging es weniger um die Vermittlung von Wissen, Tools und Techniken, sondern eher um Bestandsaufnahme, Erfahrungsaustausch und mögliche Perspektiven.

In ihrer Session Digitales Schreiben vs. digitale Literatur: Folgt die Technik den Inhalten oder ist es andersherum? wollten Dorothee Werner (Forum Zukunft des Börsenvereins) und Carolin Löher (Graduiertenkolleg der Uni Göttingen) der Frage nachgehen, ob sich durch die neuen digitalen Werkzeuge auch das Schreiben verändert, gar neue Literaturformen entstehen. Ein dazu äußerst originell inszeniertes Brainstorming (Ergebnis siehe Foto oben) brachte zwar sehr viele Themen, Anstöße und Anregungen hervor, doch leider war die Zeit zu kurz, um diese anschließend zu diskutieren.

Mir fiel zu diesem Thema Friedrich Nietzsche ein, der 1882 für kurze Zeit sein Schreibwerkzeug wechselte und eine Reihe von Briefen, Gedichten und Sprüchen auf einer der ersten Schreibmaschinen, der »Schreibkugel« des dänischen Pastors Hans Rasmus Hansen verfasste. Es muss den Philosophen stark beeindruckt haben, so schreiben zu können, dass aus damaliger Sicht schon im Schreibprozess erstmalig eine Art Druckansicht seiner Texte entstand, also eine Frühform des WYSIWYG. Seinem Sekretär Heinrich Köselitz übermittelte Nietzsche zu seiner Schreiberfahrung folgenden Gedanken: »Sie haben recht – unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.«

Fest stand für die meisten TeilnehmerInnen der Session, dass dieser Fragestellung unbedingt nachgegangen werden müsse. Dabei sollte vom heutigen Unterschied zwischen Print- und E-Book ausgegangen und analysiert werden, was digital erreicht sei und aus gegenwärtiger Sicht noch möglich wäre. Kathrin Passig machte dazu den Vorschlag, von den Phänomenen auszugehen und darauf zu achten, was uns zu dieser Fragestellung in letzter Zeit aufgefallen ist. Dorothee Werner gab am Ende der Session bekannt, dass zu diesem Thema ein eintägiger Workshop in Zusammenarbeit mit dem Graduiertenkolleg der Uni Göttingen am Vortag der »future!publish« geplant sei.

In den kurzen Pausengesprächen zwischen den Sessions (auch auf der Dachterrasse mit herrlichem Rundblick) war zu hören, dass der Electric Afternoon als ungemein inspirierend empfunden wurde und man die Offenheit in den Diskussionen sehr geschätzt habe. Insofern ist zu hoffen, dass die Veranstalterinnen Andrea Nienhaus und Nikola Richter (mikrotext) in nicht allzu ferner Zeit eine Fortsetzung organisieren.

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