future!publish 2016

Agiles Projektmanagement in Verlagen – Plädoyer für eine ideologiefreie Annäherung

Dynamische Veränderungen der Umwelt stellen eine Herausforderung für die Produktentwicklung dar. In der Softwareentwicklung ist das längst eine Binsenweisheit und so verwundert es nicht, dass sie schon vor geraumer Zeit mit ihren Methoden darauf reagiert hat. Agiles Projektmanagement zählt für Softwareentwickler schon lange zum Handwerkszeug, das bekannteste Framework ist sicherlich Scrum. Mittlerweile gehört  ein dynamisches Marktumfeld auch zum Alltag von Verlagen.

Die überfüllte Session von Edgar Rodehack

Die überfüllte Session von Edgar Rodehack © Detlef Bluhm

Es spricht für die Verunsicherung in der Branche, dass Agilität (wie andere importierte Methoden) schnell zu einem Buzzwort wurde. In der Sache polarisiert es sehr: von religiöser Verehrung bis zu ideologischer Ablehnung reichen die (Vor)Urteile.
Vor diesem Hintergrund durfte man gespannt sein, wie Edgar Rodehack am Donnerstag vergangener Woche in seinem Vortrag auf der future!publish in Berlin »Der agile Verlag – Rettung oder Spinnerei?« das Thema präsentieren würde. Ausgehend von einer Linienorganisation und ihren manchmal schwerfälligen Entscheidungsprozessen stellte er die Vorzüge des agilen Projektmanagements für Verlage heraus. Am Beispiel der für Scrum charakteristischen »Sprints« veranschaulichte Rodehack, wie auch in der Produktentwicklung in Verlagen umfangreiche Projekte in Arbeitspakete von jeweils 2-4 Wochen zerlegt werden können. Ebenso wurden die grundlegenden Prinzipien erläutert, so dass Scrum nicht bloß als Verfahrensanweisung im Raum stand, sondern als eine Art »Projektmanagement-Philosophie«.
In der Diskussion wurde deutlich, dass die Frage, welchen Nutzen agiles Projektmanagement in Verlagen stiften kann, eine differenziertere Sicht erfordert. Neben gesetzlich regulierten Themenfeldern (so Rodehack) scheint es auch andere Projektinhalte zu geben, die sich für agile Methoden nicht eignen. Die Diskussion nach dem Vortrag konnte einen Aspekt nur anreißen, der tiefergehende Überlegungen erfordert: wie viel Agilität ist von Vorteil für einen Verlag? Dafür ist es hilfreich, zu den Ursprüngen zurückzukehren. Die Softwareentwicklung zeichnet sich dadurch aus, dass das »Gesamtwerk« meist gut in Teile zerlegt und diese parallel entwickelt werden können. Bei Medienprodukten, auf die diese Voraussetzung zutrifft, lassen sich in der Regel auch agile Methoden gut anwenden. Bei Werken, deren Inhalte sukzessiv aufeinander aufbauen, ist dies umgekehrt schwieriger. Ein Wörterbuch wäre demzufolge besser geeignet, als ein Roman. Weiterhin sollte man Agilität nicht binär sehen, d.h. nicht als vollständig gegeben oder als gar nicht gegeben. So kann Agilität auch in einer Linienorganisation durchaus in der Projektarbeit umgesetzt werden.
In einem Punkt macht eine agile und iterative Arbeitsweise auf jeden Fall Sinn: bei der Erstellung von Prototypen. Die provisorische und testweise Umsetzung ausgewählter Produktmerkmale als Prototyp, um damit Kundenfeedback einzuholen, lässt sich ideal mit agilen Methoden bewerkstelligen. Diese für das Design Thinking typische Vorgehensweise profitiert sehr von einem agilen Vorgehen, weil die Ideen und Prototypen dann iterativ verbessert werden können (»Design Thinking: Media Prototyping«, Quade/Schlüter 2015).
Scrum ist ein Framework mit klar definierten Rollen und Abläufen – Agilität im Sinne eines schrittweisen Vorgehens mit kurzfristigen Reaktionsmöglichkeiten ist eher ein Prinzip. Man kann es auch im Kleinen ausprobieren und dadurch herausfinden, wo und in welchem Umfang Agilität in einem Verlag Nutzen stiftet: Bei einem Mailing? Bei der Covergestaltung? Bei der Entwicklung eines neuen Ratgeberkonzeptes?
Zur Einarbeitung sind einschlägige Literatur wie auch Seminare und Beratungsangebote verfügbar. Als Leitfragen können dienen:

  • Lässt sich das betreffende Vorhaben oder Projekt in Arbeitspakete aufteilen, die in verschiedener Reihenfolge und evtl. parallel bearbeitet werden können?
  • Sind die zuständigen Kolleginnen und Kollegen eigeninitiatives Arbeiten und die Übernahme von Verantwortung gewohnt?
  • Ist Projektmanagementkompetenz vorhanden, wer kann Grundlagenwissen über agile und iterative Methoden einbringen?
  • Können die betreffenden Mitarbeiter »hierarchiefrei« und an Sachargumenten  orientiert miteinander arbeiten?
  • Sind Räumlichkeiten für Teamarbeit vorhanden?
  • Lässt die Unternehmenskultur die Revision von Entscheidungen zu, ohne dass dies zwangsläufig negativ bewertet wird?

Agiles, iteratives Arbeiten sollte auch auf einer Metaebene iterativ betrieben werden: indem man Aktivitäten plant, ausführt, überprüft und ggf. steuernde Maßnahmen ergreift (»PDCA-Zyklus«). So kann agiles Arbeiten mit der Zeit optimiert und an die Bedürfnisse des Verlages angepasst werden. Es ist unwahrscheinlich, dass es Verlage gibt, in denen Agilität gar keinen Platz hat – sie muss ihren Platz nur finden.

Der Leitfaden »Design Thinking: Media Prototyping« ist in einer CC-Lizenz kostenlos bei den Autoren Stefanie Quade und Prof. Dr. Okke Schlüter erhältlich. Kontakt: schlueter@hdm-stuttgart.de

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