Open Access in Zeiten von Sci-Hub

Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Die russische Piraten-Plattform Sci-Hub hostet 48 Millionen wissenschaftlicher Texte und verzeichnet täglich etwa 220.000 illegale Downloads. BookBytes-Blogger Sven Fund äußert sich zu dem systemgefährdenden Angebot.

Die Auseinandersetzung um Open Access, so hatte man den Eindruck, geriet angesichts anderer Branchenaufreger in den vergangenen Monaten ein wenig in den Hintergrund. Zwar arbeiteten sich Befürworter und Gegner von Open Access im Feuilleton weiterhin an Schlagworten ab, das liebste unter ihnen ist mittlerweile die fixe Idee vom Staatsverlag. Und die Vorstellung der Max-Planck-Gesellschaft, im letzten Frühjahr artikuliert, ein »Flipping« der konventionell erworbenen Bibliotheksbestände in großflächiges Open Access sei nicht nur möglich, sondern vor allem kostengünstig, führte zwar zu anregenden Diskussionen, hatte bisher jedoch wohl nicht den Effekt, den die Autoren des Positionspapiers sich gewünscht haben.

Eines immerhin wird immer klarer: Die meisten Wissenschaftsverlage haben sich durch das Anbieten von Open Access-Programmen aus der Schusslinie genommen, die Kritik der Wissenschaftsfinanziers richtet sich derzeit eher an Bibliothekare: Diese stellten ihr Einkaufsverhalten nicht radikal genug um, so dass Open Access der vollständige Durchbruch nicht gelinge.

Die einsetzende administrative Langeweile wurde jedoch jäh gestört, als vor ein paar Wochen die Geschichte von Sci-hub.io die Runde machte. Die Plattform, nach eigener Beschreibung »the first pirate website in the world to provide mass and public access to tens of millions of research papers«, macht erst gar keinen Hehl daraus, dass ihre Existenz auf einer illegalen Aneignung von Inhalten beruht. (Sehr anschaulich hat David Smith den Funktionsmechanismus in Scholarly Kitchen so beschrieben.)

Sage und schreibe mehr als 48 Millionen wissenschaftlicher Artikel, also ein Großteil aller jemals publizierten Beiträge, ist über die Seite für Leser kostenfrei zugänglich. Damit ist die Debatte darüber, was erlaubt ist, neu entbrannt. Vergleichbar mit den Geschehnissen in der Musikindustrie beim Aufkommen von Peer to Peer-Netzwerken, fragen sich einige nun angesichts der neuen technischen Realität, ob erlaubt sei, was technisch machbar ist.

Alexandra Elbakyan, der Kopf hinter Sci-Hub, beruft sich als Robin Hood der Wissenschaften gar auf Artikel 27 der UN-Menschenrechtskonvention. Danach hat »jeder (...) das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben«. Von illegalem Verhalten ist in dieser Lesart keine Spur – von kostenloser Nutzung auch nicht.

Bisher hat sich das weltweite System wissenschaftlicher Informationsversorgung trotz zahlreicher Defizite als erstaunlich leistungsfähig und stabil erwiesen, auch angesichts des erheblichen Drucks, den der Prozess der Digitalisierung auf die Akteure ausgeübt hat. Das könnte sich mit Sci-Hub rasch und grundlegend ändern. Die faktisch kostenlose Verfügbarkeit der Inhalte an jedem Ort der Welt, angeblich gehostet auf einem Server in Russland, zerstört einen Konsens, der für das wissenschaftliche Publizieren, aber auch  generell gesellschaftlich essenziell ist: Der Zweck heiligt nicht die Mittel, technische Machbarkeit kann automatisch jede Aneignung legitimieren.

Gleichwohl: Oft haben Befürworter von Open Access vor genau diesem Szenario gewarnt. Eine unzureichende Reaktion auf legitime Wünsche von Kunden (Bibliotheken, Wissenschaftlern, Forschungsfinanziers) führt immer wieder zu illegitimen Auswüchsen, derer sich irgendwann Staatsanwaltschaften annehmen müssen. Und das ist für alle Beteiligten so unerfreulich wie perspektivlos.

Die Polemik  der letzten Jahre um Open Access war in den meisten Fällen weder hilfreich noch spannend. Es ist nun an der Zeit, die Schützengräben, die gerade wieder tiefer werden, zu räumen, insbesondere auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Open Access hat einen Reifegrad erreicht, der sich nicht mehr verdrängen lässt. Digitale Zeitschriften und Bücher in allen Sprachen und überall auf der Erde funktionieren auch in diesem Angebotsmodell, und es darf als gesichert gelten, dass es weder Verlage noch Bibliotheken in den Bankrott getrieben hat. Dass durch Open Access eine Verbreitung und Nutzung von Inhalten um ein Vielfaches steigt, steht ebenso außer Frage.

Sci-Hub und ähnliche Auswüchse stellen eine Verrohung des berechtigten Diskurses um adäquate und moderne Informationsversorgung dar. Bibliothekare, Wissenschaftler und Verleger tun gut daran, solche Praktiken jenseits des Legalen einstimmig abzulehnen – weil sie systemgefährdend sind, ohne an die Stelle des heutigen Systems mit all seinen Schwächen eine zukunftsfähige Alternative zu stellen. Wenig hilfreich sind zugleich die ewigen Bremser, die bar eigener Erfahrungen verstiegene Thesen entwickeln und mit beeindruckender Inbrunst verfolgen. Nun müssen alle Beteiligten beweisen, dass der konstruktive und sicher mühsame Weg zu einer allseits akzeptablen Entwicklung des Ökosystems der wissenschaftlichen Informationsversorgung führt – bevor es dafür zu spät ist.

4 Kommentar/e

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  • Frithjof Klepp

    Frithjof Klepp

    Puh... Aber das ist immer die Frage, wie weit in solchen Staaten (wo die Server stehen bzw. betrieben werden) Rechtsstaatlichkeit und Urheberrecht durchgesetzt werden...

  • Bernhard Mittermaier

    Bernhard Mittermaier

    Der Artikel bringt die Situation recht gut auf den Punkt. Allerdings glaube ich nicht, dass sich das System der wissenschaftlichen Informationsversorgung wegen Sci-Hub rasch und grundlegend ändern könnte. Ich kenne jedenfalls keinen Bibliothekar, der wegen dieser kostenlose Verfügbarkeit nicht mehr kostenpflichtig lizenziert. Wir sind da einfach viel zu ehrlich. Umso ärgerlicher ist es allerdings, wenn einem Verlage außer saftigen Rechnungen auch noch Knebelbedingungen in den Lizenzverträgen ins Haus schicken. Wie soll man z.B. einem Wissenschaftler erklären, dass er einen Artikel nicht einem anderen Wissenschaftler weitergeben darf wenn zwei Klicks weiter zig Millionen Artikel auf einem Server frei verfügbar sind?

  • Panagrellus

    Panagrellus

    Aus Forscher-Sicht kann ich nicht erkennen, inwiefern Sci-Hub systemgefährdend sein sollte. Es gibt ja hervorragende OpenAccess-Alternativen (in meinem Interessenbereich zB. PLOS, eLiIfe, BMC,) die von Sci-Hub keineswegs gefährdet werden, ganz im Gegenteil.

    Und wie im Artikel richtig steht, würden sich die Forscher durch das "Flipping" zu OA wahrscheinlich sogar noch Geld sparen, zusätzlich zum Primärnutzen des besseren Zugangs.

    Systemgefährdend ist Sci-Hub nur für das überkommene Subscription-Geschäftsmodell der Verlage – aber dessen Tage sind sowieso gezählt, der Nutzen für Forscher ist längst nicht mehr erkennbar.
    Wie damals bei den Musiktauschbörsen: Die Labels kamen ins Schlingern, aber Musik und Musiker gibt es immer noch - nur eben z.T. von neuen, innovativeren Anbietern.

    Und zur Legitimität von Copyright-Verstößen empfehle ich den Beitrag von Kevin Smith ( Director of the Office of Copyright and Scholarly Communication at Duke University):

    https://blogs.library.duke.edu/scholcomm/2016/03/0 3/some-radical-thoughts-about-scihub/

    Zitat: "Copyright law is an instrumentality, not a good in itself. It’s role in our legal system is to encourage creativity and the production of knowledge. When it ceases to do that it deserves to be challenged and changed."

    (Allerdings gibt es Tat einen zweifelhaften Aspekt bei Sci-Hub: das "Eindringen" in Bibliotheksnetze mit geklauten Passwörtern ist definitiv nicht zu legitimieren, egal was man von den Copyright-Verstößen hält)

  • lyrx

    lyrx

    Ich denke, dass da in der Zukunft etwas anderes kommen wird: Blockchain! Selbst wenn Open Access die Zukunft ist, wird das bestimmt nicht heissen, dass es keine Urheberrechte mehr gibt, dass Urheberschaft beliebig ist und keinen Wert mehr an sich hat.

    Bei der Blockchain geht es darum, Urheberrechte so im Internet zu registrieren, dass es nicht fälschbar ist, und gleichzeitig unabhängig von einer einzelnen Institution oder von einer Firma.

    Die Idee kam ursprünglich aus der Finanzwirtschaft. Man wollte eine neue Sorte Geld schaffen, die unabhängig von Banken transferiert werden kann. Und das lässt sich eben auf andere Werte genau so übertragen. Handel und Urheberrecht registrieren für Bücher, die womöglich tausendfach illegal verteilt werden. -- Damit wäre dann immerhin erkennbar, wer eine legale Kopie hat, und wer nicht.

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