Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse

»Wir sind elektrisch«

Die neuen E-Book-Verlage zwischen Hype und Hoffnung

Auf der Leipziger Buchmesse fand eine gut besuchte Podiumsdiskussion statt, die die Lage reiner E-Book-Verlage beleuchtete. Sascha Lobo kritisierte die heutigen E-Books als »neanderthalerhafte Sackgasse« und berichtete von ersten Erkenntnissen seines Projektes »Sobooks«. Die Marktsichtung zeigte ein Experimentierfeld von einer neuen literarischen Avantgarde bis hin zu klassischen, aber wirtschaftlich erfolgreichen Angeboten für »page turner«.

Moderiert durch Felicitas von Lovenberg (FAZ) wurde den über hundert Zuhörern ein facettenreicher Einblick in die Marktlage durch die E-Book-Verleger Beate Kuckertz (dotbooks), Christiane Frohmann (Frohmann Verlag) und Wolfgang Farkas (Shelff) sowie Sascha Lobo (sobooks) geboten.

Beate Kuckertz – von der Moderatorin als »Branchenphänomen« bezeichnet – hat dotbooks im Jahr 2012 gegründet. Sie beschäftigt derzeit 12 Mitarbeiter, verlegt 40-50 E-Books im Monat und macht in dem vom Selfpublishing dominierten Markt Gewinn.
Für Beate Kuckertz haben E-Books das Potential, das Printformat Taschenbuch abzulösen. Deshalb hat sie von Anfang auf Unterhaltung – Krimis, Frauen- und historische Romane – gesetzt. In ihrem neuesten Projekt »venusbooks« geht es um Sex, Liebe und Zärtlichkeit.

Die E-Books von Shelff, so berichtet Wolfgang Farkas, entstünden im Netz, wo man Patenschaften an Ideen übernehmen könne. »Leser können Autoren werden und Autoren Verleger« sagt Farkas. Etwas weltfern wirkte seine Erläuterung, dass man bei E-Books eigentlich keinen Verlust machen könne, denn es seien ja keine nennenswerten Gründungskosten notwendig. Später bemerkte er, dass es schon frustrierend sei, wenn ein Buch nach einem Jahr intensiver Lektoratsarbeit dann im Markt gar nicht wahrgenommen werde. Shelff existiert erst seit einem Jahr und hat bisher vier Titel veröffentlicht. Als Autor hofft Wolfgang Farkas, sich über das E-Book vom Druck klassischer Hürden zu befreien: Er möchte auch Geschichten auf hundert Seiten erzählen dürfen und nicht immer 200-300 Seiten liefern müssen, damit das Buch »agenturfähig« ist.

Christiane Frohmann ist experimentierfreudig. Sie verlegt Texte, die von Bloggern geschrieben werden (z.B. Beiträge, die sich aus Tumblr-Blogs entwickeln) oder die collagiert aus Twitter-Feeds entstehen. Moderne Avantgarde? Ein Beispiel ihrer Arbeit ist das Werk »1000 Texte zum Tod«, das sie ursprünglich alleine schreiben wollte. »Ich hätte aber mein ganzes Leben dafür gebraucht – und das ist einfach nicht zeitgemäß« sagt sie. Daher hat sie andere dazu eingeladen, daran mitzumachen. Die üblichen Autoren- bzw. Herausgeberanteile gehen als Spende an ein Kinderhospiz. Da viele Autoren mitwirken, braucht sie als Verlegerin dafür kaum Werbung zu machen – die machen die Co-Autoren nämlich selbst. Die Anthologie besteht derzeit aus 425 Texten, in Kürze kommt die Version 3.1 heraus. Vermarktet wird das Werk in Form eines E-Books – aber mit ungewöhnlicher Eigenschaft: Man zahlt nur einmal und der Umfang des E-Books (die Anzahl der Texte) wächst über die Zeit, man erhält also kostenlose Updates.

Felicitas v. Lovenberg bat auch um Kommentare zu den gerade vom Börsenverein veröffentlichten, ernüchternden GfK-Zahlen: Demnach wuchs der Marktanteil von E-Books zwar von 3,9% im Jahr 2013 auf 4,1% im Jahr 2014, jedoch sank die Wachstumsrate von 60% im Vorjahr nun auf 7%. Ist der Hype vorbei?

Sascha Lobo reagierte begeistert: »Ich habe mich über diese Zahlen gefreut, weil das E-Book nicht so bleiben darf … Heutige E-Books sind eine neanderthalerhafte Sackgasse«. Auch wenn er nicht wisse, wo die Reise hingehe – ob die Zukunft beispielsweise das »dreidimensionale, begehbare E-Book« sei – müsse sich das E-Book ändern. Mit Sobooks (von »Social E-Books«) arbeitet er daran, die größte »Bekanntmachungsmaschinerie des Internets« [Social Media] dafür zu nutzen, um das Lesen spannender, anregender und gemeinschaftlicher zu machen: Einerseits gibt man bekannt, was man gerade liest und teilt – im Prinzip in Echtzeit – was man darüber denkt und fühlt und wie man die Geschichte erlebt. Hier wird gemeinsam gelesen, sich zum Lesen verabredet und die Leseerfahrung geteilt. Gleichzeitig will er ergründen, warum, wer, wie und wo Bücher kauft und liest – das sei noch »untererforscht«. Er fordert auf, mehr zu experimentieren und mehr Innovationen zu wagen. Seit Oktober 2014 online, sind bei sobooks derzeit rund 100 Titel verfügbar.

Andere diskutierte Themen waren Cover-Gestaltung für E-Books, die richtige Preisbildung und modernes Buch-Marketing über die Handelsplattformen, sozialen Medien, Blogger und Rezensionsplattformen. Lacher erzeugte Sascha Lobo auch mit einem Zitat von Peter Härtling aus dem Marbacher Magazin aus dem Jahr 1994: »Die Prosa eines mit dem PC arbeitenden Poeten zeichnet sich für Kenner wiederum dadurch aus, dass sie unmerklich die Furcht vor dem Absturz prägt«. Damit wollte Lobo im Gespräch belegen, wie sich die Kultur des Schreibens verändert.

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