Reader Analytics Teil 1

Heiliger Gral oder Schierlingsbecher?

Marketingmenschen sind Zahlenfetischisten. Alles, was nicht bei eins auf den Bäumen ist, wird gezählt, A/B-Tests gemacht, in Funnel-Analysen werden Bestell-Hemmnisse analysiert, um die Konversionsrate zu erhöhen. Aber sind solche Metriken auf das getippte Wort, auf Literatur übertragbar? Die Antwort lautet wie so oft im Leben: Jein. STEFFEN MEIER

In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen taucht das Thema »Datenanalyse« und »Auswirkungen auf den Inhalt« in den Branchendiskussionen auf, mal eher skurril wie im Falle des »Hawking-Index«, mal eher ernsthaft aber mit wenig Aussagekraft wie das Whitepaper »Publishing in the Era of Big Data« von Kobo mit Zahlenmaterial aus deren Kobo Reading Life-Programm. Die bisherigen Erkenntnisgewinne waren eher mager – oder was bringt es einem deutschen Belletristikverleger, wenn er durch Kobo weiß, dass Titel aus dem Bereich »Romance« im weltweiten Durchschnitt nur zu 70% gelesen werden (am ausdauerndsten dabei: Italien)? Oder religiöse Literatur nur zu maximal 45%? An letzterem Punkt kann man übrigens schon erkennen, welche Grenzen der Mathematik gesetzt sind. Überspitzt formuliert: wer liest denn schon die Bibel von Anfang bis Ende – am Stück? Doch dazu später mehr.

Diskutiert wird dennoch fleißig und mit Emphase. Francine Prose, New York Review of Books, sieht eine Zukunft kommen, in der »writers (and their editors) could soon be facing meetings in which the marketing department informs them that 82 percent of readers lost interest in their memoir on page 272. And if they want to be published in the future, whatever happens on that page should never be repeated.« Jonathan Galassi, Verleger bei Farrar, Straus & Giroux, kann mit dieser Sichtweise aber überhaupt nichts anfangen und trotzt: »We’re not going to shorten ›War and Peace‹ because someone didn’t finish it.«

Dies sind nur zwei gegensätzliche Pole in der Diskussion um Sinn und Unsinn von Nutzungsanalysen bei der Rezeption von Inhalten, meist basierend auf belletristischen Inhalten. Allerdings gilt auch hier die alte Binse »Verlag ist nicht Verlag«.  Den Krieg-und-Frieden-Verleger (und vielleicht auch -Leser) ficht dies alles vielleicht nicht an, aber bei Ratgeberliteratur, Fachbüchern etc. kann dies schon wieder ganz anders aussehen. Wenn beispielsweise die Leser eines E-Books zu 100 Hunderassen immer auf das Kapitel zum Dackel zugreifen – wie wäre es mit einer Dackel-Monographie? Noch schicker wäre es, diese Monographie den Interessierten anbieten zu können – aber dies würde erstens ein funktionierendes CRM voraussetzen, mehr aber noch Zugriff auf die Nutzerdaten wie E-Mailadresse. Dies lassen die Shop-Plattformen jedoch nicht zu. Was sie im übrigen mit dem Buchhandel gemein haben, aber das ist ein anderes Thema.

Reader Analytics – Hype oder Hoax?

Einige der Unternehmen der ersten Stunde, die sich dem Thema »Reader Analytics« verschrieben haben, sind auch schon vom Markt verschwunden, man denke nur an Hiptype. Und dennoch lässt das Thema die Verlagsbranche nicht los, wie erst kürzlich auf dem EbookCamp Hamburg gesehen, als Kornelia Holzhausen und Susanne Schmitz von Piper das »Projekt Marille« und einen spannenden Werkstattbericht zum Tracking in E-Books vorstellten. Doch auch in der Diskussion auf dem EbookCamp war sofort wieder der Gegensatz zwischen Technikbefürwortern und Literaturbewahrern spürbar. 

Teil II dieses Artikels erscheint hier am kommenden Montag.

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