Interview zur Zukunft von Seemann Henschel

Unter einem Kulturdach

Der sturmerprobte Zweitausendeins-Eigner Michael Kölmel hat die in Schieflage geratene Verlagsgruppe Seemann Henschel gerettet. Wie geht es in Leipzig weiter? Ein Gespräch mit Michael Kölmel, Mitinhaberin Doris Apell-Kölmel, Zweitausendeins-Geschäftsführer Peter Deisinger und Annika Bach, Geschäftsführerin von Seemann Henschel.  INTERVIEW: NILS KAHLEFENDT

Vier für Seemann Henschel (v.l.): Michael Kölmel, Doris Apell-Kölmel, Annika Bach, Peter Deisinger

Vier für Seemann Henschel (v.l.): Michael Kölmel, Doris Apell-Kölmel, Annika Bach, Peter Deisinger © Nils Kahlefendt

Herr Kölmel, von Bernd Lunkewitz, dem vormaligen Aufbau-Eigner, ist überliefert, wie man ein kleines Vermögen macht: „Man nehme ein großes Vermögen, kaufe einen Verlag und wird sehr bald ein kleines Vermögen haben.“ Bereitet Ihnen der Satz Sorge?
Michael Kölmel (lacht): Nein, das ist ja nichts Neues für mich, so ein Satz. Im Fall Seemann Henschel wird er allerdings keine Anwendung finden. Wir haben den Schritt ja wohl abgewogen sorgfältig verhandelt.

Kannten Sie die Verlage?
Kölmel: Ja, natürlich - als Leser.
Peter Deisinger: Auf der Leipziger Buchmesse haben wir die Fühler ausgestreckt und das Gespräch mit Frau Bach gesucht.

Das war vor beinahe acht Monaten - schwierige Verhandlungen?
Annika Bach: Nein, das waren mit Michael Kölmel und Peter Deisinger sehr, sehr gute Gespräche. Es war relativ schnell klar, dass wir auf einer Linie sind und ziemlich ähnliche Vorstellungen von Kunst und Kultur haben. Und von Qualität. Das hat geholfen. 

Was hat Sie an der Verlagsgruppe gereizt?
Doris Apell-Kölmel: Als Vorsitzende des Fördervereins des Museums der Bildenden Künste hatte ich die tollen Kunstkataloge von E. A. Seemann immer auf dem Schirm. Dieser Verlag gehört zu Leipzig, da sind wir durchaus emotional.

Die ehemalige „Buchstadt“ wurde arg gebeutelt, nicht erst zu Nachwende-Zeiten...
Apell-Kölmel: Wir haben unser Büro in der Karl-Tauchnitz-Straße, mit üppigen einstigen Verleger-Villen in der Nachbarschaft. Daran kann man heute noch ablesen, wie gut es der Branche mal ging. Das hat uns immer beschäftigt. Deshalb sind wir froh, dass etwas von dieser Tradition bewahrt wird. 

Von Tradition allein kann man nicht leben - was spricht heute für den Standort? 
Apell-Kölmel: Auf jeden Fall die Buchmesse… Leipzig ist eine Musikstadt, eine Kunststadt, in der viele großartige Künstler leben und arbeiten. Es gibt einen tollen neuen Museumsdirektor am Museum der Bildenden Künste, der aus Wien frischen Wind bringt.
Deisinger: Die Deutsche Nationalbibliothek, das Literaturinstitut, die Ausbildung rund ums Buch mit HGB und HTWK… Das ergibt eine Dichte an Menschen, die Literatur transportieren. Die brauchen Plattformen - und das sind die Verlage. Insofern sind wir hier goldrichtig. 

Wir müssen noch einmal über die Insolvenz sprechen. Wesentliche Ursache sei, so hieß es, die hohen Rückzahlungsforderungen der VG Bildkunst und der VG Wort. Die hatten Sie nicht exklusiv…
Bach: Nein, leider ist das ein branchenweites Problem und die kleinen Verlage trifft es wahrscheinlich besonders hart. Es gibt aktuell rund 250 Stundungsanträge anderer Verlage bei den Verwertungsgesellschaften, die müssen ihre Zahlungen alle noch leisten. Ich hoffe, dass wir die einzigen bleiben, die diesen bitteren Weg gehen mussten.

Hätte man nicht Rückstellungen bilden müssen?
Bach: Sicher. Aber unser Geld lag quasi in Büchern bei der Auslieferung. Dazu haben wir es mit einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld zu tun: Das Kunstbuch erscheint unter schwierigen Bedingungen. Wir investieren enorm viel in Herstellung und Lektorat, gleichzeitig ist das Preisniveau ziemlich kaputt. Mit Weltbild und dem Club sind für Seemann Henschel ehemals sehr wichtige Kunden weggebrochen, Online-Riesen wie Amazon verlangen saftige Rabatte. Und im stationären Sortiment, unserer nach wie vor wichtigsten Vertriebsschiene, wird das Kunstbuch-Segment immer kleiner oder fällt ganz weg.

Nun wollen Sie neu durchstarten – und thematisch dennoch auf Kontinuität setzen?
Bach: Die meiste Kraft geht klar in die Arbeit bei E. A. Seemann und Henschel. Dort wollen wir weiterhin hochwertiges Kunstbuch machen. Bei E.A. Seemann werden Kataloge, Non-Books und Kinderkunstbücher erscheinen, auch die Memo-Sparte wird weiter gepflegt. Henschel legt den Schwerpunkt auch künftig auf Künstler-Monografien, Ausbildungsliteratur und neue Standardwerke zu den darstellenden Künsten. Die Programme von Edition Leipzig und Koehler & Amelang, beide mit interessanter Backlist, werden wir weiter bespielen, allerdings mit weniger Novitäten als bisher. 

Optisch und narrativ wollen Sie neue Wege beschreiten – was heißt das genau?
Bach: Die Frage ist: Wie muss ein Kunstbuch heute, in den Zeiten, da alle Informationen auch digital abrufbar sind, aufbereitet sein, um Leser zu erreichen? Lässt sich noch sinnlicher erlebbar machen, wie große Kunst entstanden ist? Ganz sicher werden wir auf neue Illustratoren und Fotografen zugehen, um den Büchern einen spannenden, zeitgemäßen Look zu geben. 

Annika Bach

Annika Bach © Nils Kahlefendt

Mit „E.A. Seemanns Bilderbande“ haben Sie vor zwei Jahren ein ganzes Kinderkunstbuch-Spektrum auf den Markt gebracht. Ein ausbaufähiges Standbein?
Bach: Auf jeden Fall. Wir haben - von Kritzel- und Rätselbüchern über Entdeckerbücher bis hin zu Suchbüchern und Spielen - unterschiedlichste Formate entwickelt, mit denen Kindern der Zugang zur Kunst ermöglicht werden kann. Das soll intensiv weitergehen: Wir möchten der Ansprechpartner für das Kinder-Kunstbuch werden - von den bildenden bis zu den darstellenden Künsten. In der Museumspädagogik tut sich momentan enorm viel, das kommt uns entgegen.

Steht das Frühjahrsprogramm?
Bach: Wir schwitzen über der Vorschau. Es wird sieben Novitäten und zwei neue Kindermemos bei der „Bilderbande“ geben, ein echtes Vollprogramm für unseren Kinder-Kunst-Bereich. Dazu zwei Memos und fünf neue Titel in den Programmen der anderen Verlage. Das ist den Umständen der letzten Monate geschuldet - aber seien Sie versichert: In der Remise, wo unser Verlag nun untergebracht ist, stehen wir jetzt ordentlich unter Dampf. 

Sind alle Seemänner und –frauen weiter an Deck?  
Bach: Wir sind zu sechst. Die beiden Altverleger Jürgen A. Bach und Bernd Kolf bleiben beratend tätig - unter anderem in der Akquise von Katalog-Projekten. Eine Kollegin von Edition Leipzig und die Herstellerin sind leider nicht mehr bei uns. Wir arbeiten jetzt mit einer freien Herstellung zusammen. 

Wie hätte die legendäre Zweitausendeins-Kolumnistin Frau Susemihl das Zusammengehen in Leipzig kommentiert?
Deisinger: Liebe Leute, wir gehen jetzt in Richtung Ozean - und liefern ab sofort Seemänner aus!
Apell-Kölmel: Maritime Assoziationen sind offensichtlich beliebt: Neo Rauch schrieb uns am Morgen der Pressemeldung: „Herzlichen Glückwunsch zur Seemann-Rettung!“ 

Wie passen die Firmenkulturen zusammen: Hier der ehemalige „Neckermann für Intellektuelle“ aus dem 68er-Milieu, dort der „älteste Kunstbuchverlag Deutschlands“?
Deisinger: Der Kern ist, ganz simpel, Kultur. Klar, auf unseren Flyern steht „Der Kramladen der Gegenkultur“, ein Zitat aus der taz. Das sind wir ein Stück weit auch. Vor allem aber versenden und verkaufen wir Kultur, egal, wie groß oder klein der Preis ist. Unter dieses Dach passen E. A. Seemann, Henschel und die anderen beiden Verlage ganz ausgezeichnet. 
Kölmel: Wir hatten bei Zweitausendeins einmal einen etwas vorlauten Werbespruch: „Wir versprechen weniger als wir halten!“. Als wir die Läden schließen mussten, wurde das auch schon mal gegen uns gewendet, auch wenn wir gleichzeitig viele neue Kooperationen mit dem Buchhandel aufgebaut haben, zum Teil an den gleichen Orten. Und es gab es immer wieder verlegerische Glanztaten! Es berührt mich, wenn auf der ersten vollständigen Ausgabe des Tagebuchs der Brüder Goncourt in elf Bänden „Leipziger Ausgabe“ steht. Das war für uns, die wir keine Ost-Tradition haben, schon ein Zeichen - hier etwas aufbauen!

Wie sieht es darüber hinaus mit den berühmten „Synergien“ aus?
Deisinger: Zweitausendeins ist in sich selbst kein monolithischer Block. Wir haben alle Medienaspekte drin - Musik ist ein ganz wichtiges Standbein. Gerade auf der Henschel-Schiene sehe ich da bei unserer neuen Schwester viel Potenzial. Das Musikbuch passt 1-A zu uns. Wir haben bei Zweitausendeins direkt oder Rogner & Bernhard viele Dinge gemacht, die man auch wieder neu bei Henschel machen könnte - und umgekehrt. Eine fruchtbare Ergänzung. 
Apell-Kölmel: Wir sind in den Art-house-Kinos präsent. Und wir haben Filme, die im Kunstbereich angesiedelt sind. Weltkino hat die Neo-Rauch-Dokumentation ins Kino gebracht, wir haben jetzt einen Julian-Schnabel-Film, der bald anläuft...

Man kann sich die Bälle zuwerfen…
Kölmel: Das muss man ja auch! Die Film-Budgets sind nicht gigantisch, ebenso wie die Auflagen...

Im Januar 2017 haben Sie das legendäre „Merkheft“ an Fröhlich & Kaufmann abgegeben, der Online-Handel über die eigene Website wird wichtiger – bald auch für Seemann Henschel? 
Bach: Unsere Bücher werden, selbstverständlich zum festen Ladenpreis, auch über Zweitausendeins.de erhältlich sein. Daneben wird Zweitausendeins natürlich der erste Ansprechpartner sein, wenn wir Bücher fürs MA haben.

Zu Zeiten der Finanzkrise war „Das Kapital“ von Karl Marx kurzzeitig vergriffen; Im November wird bei Zweitausendeins ein Reprint erscheinen. Herr Kölmel, haben Sie mal wieder reingeschaut - und können die Lektüre empfehlen? 
Kölmel: Aber sicher. Allerdings erfordern schon die ersten Seiten einiges Durchhaltevermögen bevor es interessant wird.


Hintergrund:

Zum 1. Oktober haben der Medienunternehmer Michael Kölmel und seine Frau, die Kunsthistorikerin Doris Apell-Kölmel, die Leipziger Verlagsgruppe Seemann Henschel übernommen, die Anfang März beim Amtsgericht Leipzig Insolvenz beantragen musste. Kölmel gehörte mit seiner 1998 an die Börse gebrachten Kinowelt AG zu den führenden deutschen Filmverleihern; 2001 ging die gemeinsam mit seinem Bruder Rainer gegründete Firma pleite. Inzwischen ist der 63-jährige Wahl-Leipziger, der seit 2003 in der Messestadt lebt, mit seiner neu gegründeten Firma Weltkino und anderen Unternehmungen wieder gut im Geschäft, daneben hat sich der Eigentümer der Red Bull Arena Leipzig laut Medienberichten mit dem Bundesligisten RB Leipzig über einen Verkauf des Stadions geeinigt, kolportierter Kaufpreis: 70 Millionen Euro. 

In der Buchbranche ist Kölmel kein Unbekannter: 2006 hat er, wiederum gemeinsam mit seinem Bruder, den in finanzielle Schieflage geratenen Verlag und Buchversender Zweitausendeins übernommen. 2011 erfolgte der Umzug der Firma nach Leipzig; in den Jahren 2013 bis 2016 wurden sukzessive die Ladengeschäfte geschlossen, während die Shop-in-Shop-Kooperationen mit dem stationären Buchhandel bis heute weiter gepflegt werden. Aktuell bieten bundesweit rund 20 Buchhandlungen das Zweitausendeins-Sortiment an. Seit Mai liegt die Geschäftsführung in den Händen von Neffe Nicolas Kölmel und Peter Deisinger, der seit 2011 als Texter, Copy-Editor und Einkäufer bei Zweitausendeins tätig war.

2003 hatten Bernd Kolf und Jürgen A. Bach die drei Verlage E. A. Seemann, Henschel und Edition Leipzig von der Dornier-Gruppe übernommen; 2004 holten sie auch Koehler & Amelang an den Gründungsort zurück. Die nun als E. A. Seemann Henschel GmbH & Co. KG firmierende Verlagsgruppe hat ihr Domizil im Leipziger Haus des Buches verlassen und ihren neuen Standort unterm Zweitausendeins-Dach in der Karl-Tauchnitz-Straße bezogen. Annika Bach, Tochter des Altverlegers, hat als Mitgesellschafterin die Geschäftsführung der neuen Verlagsgruppe übernommen. Die gebürtige Freiburgerin hatte nach Volontariaten bei Chr. Links und Bärenreiter seit 2014 die Programmleitung der Verlage Henschel sowie Koehler & Amelang inne.

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