LiBeraturpreis 2016 an Laksmi Pamuntjak

"Keine Angst, sich die Finger zu verbrennen"

Die indonesische Autorin Laksmi Pamuntjak erhielt gestern im Weltempfang auf der Frankfurter Buchmesse den LiBeraturpreis 2016 für "Alle Farben Rot". Der Roman könne als "Einführung in die jüngste Geschichte ihres Landes gelesen werden", so der Laudator Ruthard Stäblein.

Die Preisträgerin Laksmi Pamuntjak und Messedirektor Juergen Boos

Die Preisträgerin Laksmi Pamuntjak und Messedirektor Juergen Boos © Tobias Bohm

Vor der Bühne des Weltempfangs hatten sich gestern Nachmittag zahlreiche, gespannte Gäste zur Preisverleihung eingefunden, darunter auch Messedirektor Juergen Boos und Fauzi Bowo, der Botschafter Indonesiens in Deutschland. In ihrer Begrüßung ging Litprom-Geschäftsleiterin Anita Djafari, die BücherFrau des Jahres 2016, kurz auf die Geschichte des LiBertaurpreises ein, der seit 1988 vergeben wird – seit 2013 unter der Regie der Litprom. Ein Preis für Autorinnen aus Afrika, Lateinamerika, Asien und der arabischen Welt. Laksmi Pamuntjaks "Alle Farben Rot" (Ullstein) war, wie bereits berichtet, per Leservotum bestimmt worden − gestern nun fand die Preisverleihung statt. Djafari sprach den Leserinnen und Lesern ein "großes Kompliment" aus, sich für einen 672 starken Roman entschieden und "keine Angst vor dem Unbekannten" gezeigt zu haben.   

"Eine intellektuelle Autorin wie Simone de Beauvoir"

Laudator Ruthard Stäblein, Journalist und Juror der Litprom Weltempfänger-Bestenliste, begann seine Lobrede mit Gedanken zur Bezeichnung des Preises. Er assoziiere mit dem Begriff LiBeratur zunächst Literatur, der lateinische Bestandteil "Liber" verweise jedoch auch auf "Buch" und "Frei", die Silbe "lib"schließlich erinnere ihn an women's lib, die Befreiungsbewegung der Frauen. Über das französische "libération" knüpfte Stäblein eine Verbindung zu den kolonialen Befreiungsbewegungen. Kurzum: "Im Namen 'LiBeratur' wird das Buch mit der Befreiung der Frau und mit der Befreiung von Fremdbestimmung verschränkt, zur untrennbaren Einheit. Und diese Einheit verkörpert Laksmi Pamuntjak", so Stäblein.

"Alle Farben Rot", das vor allem "in Rottönen schillert", gehe von einem uralten Mythos aus und transportiere ihn ins heutige Indonesien – modelliere die Legende dabei um, fasst Stäblein zusammen. Das Schicksal der Hauptfiguren, die Namen von Helden aus dem Mythos tragen, ist eng verknüpft mit einem düsteren, bis heute nicht aufgearbeiteten Kapitel der indonesischen Geschichte, dem Putsch von 1965, "nach dem hunderttausende Kommunisten und Verdächtige ermordet, gefoltert, gefangen gehalten wurden". Bis heute sei eine Versöhnung der verfeindeten Lager nicht in Sicht.

Die Protagonistin Amba sucht 2006 auf der Gefangeneninsel Buru nach den Spuren ihrer großen Liebe Bhisma, der nach dem Putsch ins dortige Straflager verschleppt wurde − Rückblenden führen bis in die 50er und 60er Jahre. So sei es auch eine "Geschichte mit Leidenschaften". Aufgrund ihrer historischen Recherchen (etwa mithilfe von Zeitzeugen) könne Pamuntjaks Roman "als Einführung in die jüngste Geschichte von Indonesien gelesen werden", wertete Stäblein. Man verstehe damit das Archipel viel besser, "auch weil sie ihre Figuren nicht alle einfach in Schwarz und Weiß malt". Pamjuntjak, die auch Gedichte, Essays, Kochbücher und für Zeitungen schreibt, habe keine Angst vor der Macht, greife die Zensoren an, fürchte nicht, "sich die Finger zu verbrennen". Für Stäblein ist sie eine "intellektuelle Autorin in der Nachfolge von Frauen wie Simone de Beauvoir". Er schließt: "Laksmi Pamuntjak, das ist LiBeratur pur."

Glückwünsche vom indonesischen Botschafter Fauzi Bowo

Glückwünsche vom indonesischen Botschafter Fauzi Bowo © Tobias Bohm

Messedirektor Juergen Boos verlas und übergab im Anschluss die Urkunde an Laksmi Pamuntjak (das Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro stiftet die Buchmesse) – inklusive Blumenstrauß. Boos erinnerte an den Gastlandauftritt Indonesiens im vergangenen Jahr, dessen Gesicht Pamuntjak gewesen sei ("Ich bewundere Dich sehr", so Boos). Blumen überreichte ihr zudem der indonesische Botschafter Fauzi Bowo im Auftrag des National Book Committee, der ihren Beitrag für die Verbreitung indonesischer Literatur hervorhob.

Cornelia Zetzsche, Laksmi Pamuntjak, Martina Heinschke (von links)

Cornelia Zetzsche, Laksmi Pamuntjak, Martina Heinschke (von links) © Tobias Bohm

Aktuelle Warnsignale

Die anmutige Preisträgerin, deren Vater gestern 84 Jahre alt wurde, widmete ihr Buch den Überlebenden der Gefangeneninsel und dankte unter anderem ihrer Lektorin bei Ullstein – und ihrer Übersetzerin aus dem Indonesischen ins Deutsche, Martina Heinschke. Letztere konnten die Zuhörer neben der Autorin in einer Podiumsrunde, moderiert von Cornelia Zetzsche, kennenlernen. Dabei wurden weitere Details zur Biografie Pamuntjaks, zur Entstehung des Romans und den Herausforderungen bei der Übersetzung erörtert. Die vielseitig begabte Autorin, die aus einer Verlegerfamilie stammt und zwischen New York und Jakarta pendelt, ist zweisprachig Englisch/Indonesisch aufgewachsen und hat ihr Buch selbst ins Englische übertragen. Angerissen wurde am Ende auch die aktuelle politische Entwicklung des Inselstaates, in dem der islamische Konservativismus zuletzt stärker zu Tage getreten sei. Pamuntjak räumte ein, dass es im letzten Jahr hinsichtlich der Menschenrechte einen gewissen Rückschritt gegeben habe – so wurde etwa die Todesstrafe wieder eingeführt. Das sei immer ein Warnsignal, auf das Literatur und Gesellschaft reagieren müssten. Hoffnung setzte sie auf die Tradition des toleranten Islam in Indonesien.

Laksmi Pamuntjak und Ilija Trojanow

Laksmi Pamuntjak und Ilija Trojanow © Tobias Bohm

Auf der Arte-Bühne: Gespräch mit Ilija Trojanow

Tags zuvor, am Freitag, hatte sich Laksmi Pamuntjak mit Ilija Trojanow, dem Vorsitzenden der Jury der Weltempfänger-Bestenliste von Litprom, am Stand des Senders Arte zum Gespräch getroffen. Auch hier ging es um ihr Buch, aber auch den Gastland-Auftritt Indonesiens auf der Frankfurter Buchmesse 2015. Dieser habe durchaus einen Effekt auf das Verlagswesen ihres Landes gehabt, erläuterte die Autorin, dessen Offenheit für politische Themen habe weiter zugenommen, mehr junge Leute würden schreiben. Mit "Alle Farben Rot", dass im Original 2012 erschein, sieht sie sich die bescheidene Autorin jedoch nicht als Pionierin in der Aufarbeitung mit der Geschichte Indonesiens seit dem Putsch 1965. Diese habe bereits mit dem Ende des Suharto-Regimes 1998 begonnen. 2012 sei dann der Höhepunkt der Entwicklung gewesen (eine offizielle Entschuldigung steht allerdings noch aus). Trojanow charakterisierte das Buch als "ein Stück literarischer Trauerarbeit" und ergänzte: "Bevor die Politik dazu bereit ist, kann die Literatur vorangehen."

mg

Alle Farben Rot

Alle Farben Rot © Ullstein

Bibliografie

Laksmi Pamuntjak: "Alle Farben Rot". Übersetzt von Martina Heinschke. Ullstein 2015, Hardcover, 672 S., 24 Euro.

In diesem Oktober ist bei Ullstein zudem die Taschenbuch-Ausgabe (12 Euro) erschienen.

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