Najem Wali über die Internationale Buchmesse Costa Rica

"Der Weg bis Frankfurt ist weit"

Verglichen mit der Frankfurter Buchmesse ist die Buchmesse Costa Rica klein – groß ist sie trotzdem: Hier treffen sich Verlage aus den Ländern Mittelamerikas, bilden sich weiter, hoffen auf gute Geschäfte, knüpfen Kontakte zu Autoren und Lesern. Auch Najem Wali, in Deutschland lebender irakischer Schriftsteller, war diesmal dabei, begegnete Gioconda Belli und Ernesto Cardenal, und dem Programmmacher René Strien. Ein Reisebericht. VON NAJEM WALI

An der 16. Ausgabe der Internationalen Buchmesse Costa Rica, die vom 18. bis zum 27.  September in der Hauptstadt San José stattfand, nahmen 238 Aussteller aus dem In- und Ausland teil, der Großteil davon aus Mittelamerika. Auch wenn die Messe sich selbst als international bezeichnet, so machen doch die Veranstalter keinen Hehl daraus, dass sie vor allem ein Schaufenster für Verleger aus den Ländern Mittelamerikas – Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Panama und Costa Rica  – darstellen soll. Natürlich kamen auch Aussteller aus anderen Ländern Lateinamerikas und der Karibik, aus Uruguay, Argentinien, Mexiko, Chile, Kuba, der Dominikanischen Republik und Jamaika, doch deren Anteil blieb verhältnismäßig gering gegenüber denen aus Mittelamerika.

Argwohn gegenüber Büchern

Theoretisch gibt es zwar einen gemeinsamen Binnenmarkt und einen Zusammenschluss ähnlich der Europäischen Union, doch de facto haben die sechs Länder Mittelamerikas die Bedingungen und Anforderungen für den freien Verkehr von Gütern und Dienstleistungen und die Freizügigkeit der Bürgerinnen und Bürger nicht so umgesetzt, wie dies in Europa der Fall ist. Es ist allerdings besonders verwunderlich, wie schwierig sich der freie Austausch von Büchern angesichts hoher Steuern und Frachtkosten gestaltet.

Nach Angaben der meisten Verleger, mit denen ich sprach, ist es deutlich preisgünstiger, ein Buch nach Europa zu verschiffen  – als beispielsweise von Guatemala nach El Salvador, obwohl beides Nachbarländer sind. Mal ganz davon abgesehen, dass Bücher generell mit größtem Argwohn beäugt werden („Bücher machen Angst und werden angeprangert“).

Das ist sicherlich ein Vermächtnis der früher hier herrschenden Diktaturen, die in Büchern, und zwar egal welchen, ein Instrument der Sabotage und Anstiftung zu Revolutionen sahen. Das wertet Bücher zwar einerseits moralisch ungeheuer auf, unterbindet jedoch andererseits den freien Austausch von Büchern als Ware.

Autoren warten auf ihre Verleger

Nichtsdestoweniger bietet die Buchmesse in San José mittelamerikanischen Autoren ein Forum des Austauschs, wo sie ihre neuesten Werke vorstellen können, wenn auch manch einer sein Buch gar nicht konkret ausstellen konnte, weil der Verleger aus dem einen oder anderen Grund fernblieb.

So erging es der salvadorianischen Autorin Vanessa Núñez Handal, die ihren Roman „Der Herr besitzt die Angst“ auf der Messe vorstellte. „Raoul hat mir nicht einmal mitgeteilt, dass er nicht kommt“, so die 1973 in El Salvador geborene, heute in Guatemala lebende Schriftstellerin. Raoul – damit meinte sie ihren Verleger Raoul Ferrera Santé, Inhaber des Verlages F&G Editores (in Guatemala). Und als hätte sie dies schon geahnt, hatte die junge Frau ihre Bücher vorsorglich mitgebracht, womit sie übrigens nicht die einzige war.

Auch Denise Phé-Funchal (1977 in Guatemala geboren) brachte ihren Roman „Ana sonrie“ („Anna lacht“), erschienen bei selbigem Verlag, lieber gleich selbst mit. Das Ausbleiben des Verlegers ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Buchmesse kurzfristig vom 6. auf den 18. September verschoben wurde. Er hatte sich freigenommen und seine Bücher entsprechend für den Versand vorbereitet, doch die Terminverschiebung habe alles „durcheinandergeworfen“, hieß es.

Ein weiterer Autor, der ebenfalls seine Bücher selbst mitbrachte, war Carlos Wynter Malo (1971 in Panama Stadt geboren), obwohl sein Roman bei Planeta erschienen ist. Unkalkulierbare Umplanungen beim Versand? Überraschende Terminverschiebung? Oder vielleicht doch eher eine negative Einschätzung der Verkaufsaussichten, obwohl die Messe täglich von meist mit Büchertaschen ausgestatteten Besuchern überlaufen war? Das lässt sich nur schwer beantworten.

Stars rücken in den Mittelpunkt

Wie bei allen Messen bestimmten natürlich auch hier die Starautoren das Bild. In diesem Jahr wurde besonders der große alte Meister der Poesie in Nicaragua und Lateinamerika, Ernesto Cardenal, geehrt. Aus Anlass seines kürzlich verstrichenen 90. Geburtstags wartete der nicaraguanische Pavillon mit einer Sonderausgabe seiner Erinnerungen und ausgewählter Gedichte auf. Zu den weiteren Stars der Messe gehörten Sergio Ramirez mit seinem neuen Roman „Sara“ (Alfaguara-Verlag) und Gioconda Belli, ebenfalls aus Nicaragua. 
      
"Seitdem die Messe 1999 zum ersten Mal stattfand, war es stets unser Ziel, der Literatur Mittelamerikas eine Heimat zu bieten“, so die Ministerin für Kultur und Jugend Sylvie Durán Salvatierra auf die Frage nach der Besonderheit der Messe. „Wir wollten zu Kolloquien anregen und den Bereichen, die eine heroische Rolle bei der Verbreitung von Kultur spielen, Möglichkeiten eröffnen.“ In diesem Jahr organisierte die Messe gut 230 Kolloquien, Lesungen und Runde Tische.

Ein Buchverlag heute: mediacampus und Goethe-Institut organisieren Workshop 

Auffällig ist auch die deutsche Präsenz bei der Messe, und zwar nicht nur durch zwei Kolloquien, die das Goethe-Institut Mexiko initiierte, sondern in erster Linie dadurch, dass das Institut in Kooperation mit mediacampus am Rande der Messe einen dreitägigen Workshop für Verleger aus Mittelamerika durchführte. Der Workshop wurde geleitet von René Strien, einem erfahrenen Programmmacher (ehemals Aufbau-Verlag). Sein Thema: Organisation und Führung eines modernen Buchverlages.

Das Interesse daran wächst von Jahr zu Jahr. Deshalb hat sich das Goethe-Institut entschlossen, gemeinsam mit dem mediacampus sowie GEI-CA (Grupo de Editoriales Independientes de Centro América) als regionalem Partner die Fortbildungsreihe fortzusetzen. „Angedacht ist, im Rahmen einer der nationalen Buchmessen in Zentralamerika ein mehrtägiges Seminar zu einem bestimmten verlagsspezifischen Thema zu organisieren“, wie Sven Mensing, Leiter Bibliothek beim Goethe-Institut in Mexico City und zuständig für Zentralamerika, betont.

In den kommenden drei Jahren soll diese Serie fortgeführt werden. Das Goethe-Institut möchte in diesem Zusammenhang, ebenfalls gemeinsam mit GEI-CA, eine Art Handbuch für das verlegerische Arbeiten in Zentralamerika entwickeln,  da es zu diesem Thema in der Region bislang noch kein einziges Lehrwerk gibt.

In diesem Jahr nahmen 21 Verleger mit unterschiedlich langer Berufspraxis an der Fortbildung teil. Sie repräsentierten staatliche Verlage, Universitäts- und Wissenschaftsverlage, unabhängige und Kinderbuch-Verlage – aus Guatemala, Honduras, Nicaragua, El Salvador und Costa Rica.

Ein weiter Weg bis Frankfurt

Die Tätigkeit des Goethe-Instituts und seine Unterstützung bei Übersetzungen stellen einen wichtigen Anreiz für seriöse mittelamerikanische Verleger dar, sich in diesem Bereich zu engagieren. Alles Weitere jedoch bleibt deren Eigenverantwortung überlassen: Die Verleger dort müssen ihren Beruf auch wirklich als Haupterwerbsquelle begreifen, vom Buchmarkt überzeugt sein und den Autoren ihre Rechte zahlen. Um für die Autoren zuträgliche Verlagstraditionen zu schaffen, bleibt jedoch noch viel zu tun, der Weg nach Frankfurt ist weit, und das wissen sie auch.


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