Offener Brief wegen Ausschüttungen der VG Wort

Autorengruppe fordert Ausschluss der Verlage

"Die Urheberpauschale gehört den Autoren!", titelt ein Brief der Aktion urheberpauschale.de an Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) − der Brief wurde Freitagnachmittag online gestellt, bis heute Vormittag haben ihn mehr als 880 Autoren unterzeichnet. Darin fordern sie Maas auf, dafür zu sorgen, dass künftig die gesamte Urheberpauschale an die Autoren ausgeschüttet wird.

Zunächst aber hat der Bundesgerichtshof das Wort: Das höchste deutsche Zivilgericht entscheidet am 10. März im Revisionsverfahren über die Rechtmäßigkeit des Verteilungsplans der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort), der auch die Verlage an den Ausschüttungen beteiligt.

In dem Brief, der an Bundesjustizminister Maas adressiert ist, schreiben die Unterzeichner, sie würden sich wundern, dass Maas unlängst erklärt habe, "die Bundesregierung wolle die Verlage künftig wieder an der Urheberpauschale beteiligen". Dies stünde in krassem Widerspruch zum Ziel der Bundesregierung, die Rechte der Autoren zu stärken, so der Vorwurf im Brief.

Weiter heißt es: "Autoren sind keine Großverdiener. 2015 betrug ihr Durchschnittseinkommen 19.061 Euro. Das entspricht in etwa dem Jahresgehalt eines Zimmermädchens. Selbst 'Bestsellerautoren' können von ihrer Arbeit oft nicht leben. Deshalb ist der jährliche Scheck der VG Wort für Autoren so wichtig."

Spätestens seit dem Reprobel-Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) sei klar, dass die Urheberpauschale komplett den Urhebern zusteht. Die VG Wort hätte keinen Cent an die Verlage ausschütten dürfen. Schätzungen zufolge seien den Autoren dadurch seit 2001 rund 500 Millionen Euro entgangen – mit diesem Geld hätten die Urheber unfreiwillig die Verlage subventioniert, so der Brief weiter. 

Schließlich appellieren die Unterzeichner an Heiko Maas: "Sorgen Sie dafür, dass fortan die gesamte Urheberpauschale an die Autoren ausgeschüttet wird. Schließlich haben Sie selbst kürzlich erklärt, ausschließlich die Autoren seien Urheber. Folglich können auch nur Autoren Anspruch auf Mittel aus der Urheberpauschale haben."

Koordinator und Initiator der Aktion "Urheberpauschale für Autoren" ist der Journalist und Autor Tom Hillenbrand. Zu den Unterzeichnern des Briefs gehören der Website urheberpauschale.de zufolge Sibylle Berg, Julia Franck, Dagmar Hoßfeld, Navid Kermani, Daniel Kehlmann, Eva Menasse und Bastian Sick.

Mit den 70 Erstunterzeichnern hatte er direkten Mailkontakt, so Tom Hillenbrand gegenüber boersenblatt.net in Bezug auf die Verifizierung der Unterzeichner. "Bei den anderen mache ich Stichproben, speziell bei den Bekannteren und bitte um Bestätigung, bevor ich's freischalte", erläutert Hillenbrand.

Hintergrund

Anfang Dezember hatte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) in seiner Keynote beim Kongress der Initiative Urheberrecht in Berlin in Bezug auf das sogenannte "Reprobel-Urteil" des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) gesagt: "Wir werden uns in Brüssel dafür einsetzen, dass eine Beteiligung der Verleger an den gesetzlichen Vergütungsansprüchen auch künftig möglich sein wird".

Am 10. März nimmt der Bundesgerichtshof (BGH) das Revisionsverfahren gegen die Entscheidung des OLG München zum Verteilungsplan der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) wieder auf. Der BGH hatte das Verfahren im Dezember 2014 ausgesetzt, um das oben genannte Urteil des EuGH abzuwarten − das schließlich am 12. November 2015 gefällt wurde und Wellen schlug.

Über die möglichen Folgen des EuGH-Urteils für die deutschen Verlage hat Börsenvereinsjustiziar Christian Sprang dezidiert auf boersenblatt.net informiert.

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16 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • IF

    IF

    Eine ziemlich kurzsichtige Aktion. Falls die verlage künftig nicht mehr an den Ausschüttungen der VG Wort beteiligt werden, dürften die Honorare an die Autoren noch magerer ausfallen. Es ist ja insgesamt kein Euro mehr im Topf.

  • Blaubeerauflauf

    Blaubeerauflauf

    @IF: Eine "Strafkürzung" der Honorare wäre wiederum vonseiten der Verlage äußerst kurzsichtig. Niemand weiß, wie sich die Dynamisierung von Publikationsformen zukünftig genau entwickeln wird. Die Tendenz geht jedenfalls eindeutig dahin, dass die Verlage ihre oftmals auch reichlich paternalistische Funktion als Gatekeeper verlieren.
    Auf jeden Fall vermischen Sie hier zwei Dinge miteinander, die in einer Demokratie getrennt sind: den rechtlichen Anspruch auf Ausgleichszahlungen und individuelle Vertragsvereinbarungen.

  • Spitzweg

    Spitzweg

    Der Äußerung von IF und den Argumenten der Verlage entnehme ich, dass

    1. Autoren auf keinen Fall für ihre Arbeit angemessen bezahlt werden sollen

    2. im Gegenteil Verlage, die sich nicht aus eigener Wirtschaftkraft heraus halten können, von den Autoren durch Verzicht auf eine erträgliche Existenz subventioniert werden sollen. Denn nichts anderes bedeutet dieses merkwürdige Argument, dass Autoren nicht mehr bekommen können, weil den Verlagen sonst (angeblich) zu wenig bleibe.

  • IF

    IF

    @Spitzweg: Sie verdrehen meine Sichtweise. Was bedeutet denn "angemessen"? Sollen umgehehrt die Verlage auf Wirtschaftlichkeit verzichten, um erfolglose Autoren zu alimentieren?

  • Donata Kinzelbach

    Donata Kinzelbach

    Seriöse Verlage machen einen guten Job und verdienen keinesfalls üppig. Insbesondere, wenn es sich um kostenintensive Übersetzungen handelt. Schade, dass die Diskussion wieder als Neiddebatte geführt wird. Ich sehe mich - wie viele meiner Kollegen ebenfalls - stets im Team mit Autor/Übersetzer und verfolge beim Lektorat lediglich ein Ziel: ein gutes Buch zu produzieren. Warum ist das Image der Verlage so schlecht? Immerhin sind wir es, die viel Geld in die Hand nehmen - ohne Garantie, ob wir es je wieder einspielen. Verlage brauchen Autoren, aber Autoren brauchen auch Verlage.

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    So sehr ich es auch respektiere, dass die Autoren hier ihr Recht geltend machen wollen, welches ihnen rein formal betrachtet nach derzeitiger Lage der Gesetzgebung wohl auch zustehen dürfte, finde ich es gleichermaßen extrem unangemessen und inhaltlich überzogen, wie die Verlage in besagtem Brief geradezu verbal kriminalisiert werden.

    Empfinden wirklich annähernd tausend Autoren die Beziehung zu ihren Verlagen so schlimm, dass Begrifflichkeiten wie Rechtsbruch, Fehlverhalten, Betrug, Strafe und Illegalität angemessen sind und dementsprechend gegenzuzeichnen sind?

    Und ist es auch wirklich im Sinne der Verfasser und Unterstützer, hier auf jegliche Differenzierung zu verzichten und stattdessen eine grobe Pauschalisierung vorzunehmen, die jedem Verlag den praktisch gleich schlechten Umgang mit seinen Autoren zum Vorwurf macht? Unabhängig davon, wie die jeweiligen Vergütungen geregelt sind, welche Leistungen auf Verlagsseite erbracht werden und wie vor allem auch die zwischenmenschlichen Beziehungen funktionieren?

    Fakt ist doch, dass es auch nach schlussendlicher Formulierung eines Urteils bzw. einer gesetzlichen Vorgabe für die Zukunft zum Konsens zwischen Autoren und Verlagen kommen muss. Für eine breite Vielfalt an Literatur bzw. den Erhalt des Buchmarktes in seiner jetzigen Form brauchen beide Seiten einander. Aber wie soll so eine kommunikative Einbahnstraßenrhetorik mit derartigen unterschwelligen Diskreditierungen, wie sie in diesem Brief enthalten sind, den Weg für einen solche Einigung und künftige vorbehaltlose Zusammenarbeit ebnen?

    Ich finde es wirklich traurig, dass die ganze Ausseinandersetzung in derartigen aggressiven Auswüchsen gipfelt, bei allem gebührenden Verständnis für die eigentliche Intention wie gesagt. So aber wird sich die Stimmung bei allen Betroffenen nur noch weiter verschlechtern, und dass Autoren und Verlage in der Zukunft wieder an einem Strang ziehen, erscheint unrealistischer denn je.

    Es geht letztlich nicht darum, wer auf der hellen oder dunklen Seite der Macht steht, sondern ausschließlich darum, dass Menschen zusammen Bücher machen, die von möglichst vielen Leuten gekauft und gelesen werden, und dass alle Beteiligten für ihre Arbeit fair entlohnt werden. Emotionalität darf dabei zwar eine Rolle spielen, der Sachlichkeit gebührt jedoch im Sinne des respektvollen Umgangs miteinander der Vortritt. Also bitte, liebe Autorinnen und Autoren, bei aller gerechtfetigten Aufgebrachtheit, behalten Sie bitte stets auch Pythagoras im Sinn: "Mäßigkeit macht die Seele stark, Selbstbeherrschung erleuchtet sie!"

  • Annette Sievers, pmv

    Annette Sievers, pmv

    Wie sieht es beim Sachbuch aus? 80 % der Themen kommen vom Verlag. Wie sollen wir uns das Urheberrecht auf unsere Ideen bei den Privatkopien und Bibliotheken vergüten lassen? Vom »Zimmermädchen« bin ich nicht weit entfernt – fühle mich aber mehr als Hebamme.

  • Fachbuchlektor

    Fachbuchlektor

    Frau Sievers,
    Ideen sind nicht urheberrechtlich geschützt.

  • Blaubeerauflauf

    Blaubeerauflauf

    Ich bin Autor und Herausgeber von mehreren Büchern, die in insgesamt über 100 Bibliotheken vorgehalten werden. Diese werden offenbar auch ausgeliehen oder kopiert – das schließe ich daraus, dass manchmal in einschlägigen Publikationen daraus zitiert wird, und auch in Lektürelisten für Uni-Seminare sind diese Bücher schon aufgenommen worden. Was haben die Verlage dazu beigetragen? Sie haben die Dateien an die Druckerei weitergeleitet und die Distribution der fertigen Bücher organisiert. Ein Lektorat hat nie stattgefunden, ebenso wenig irgendeine Form von Beratung oder gar "Zusammenarbeit". Bei einem Buch habe ich sogar einen freiberuflichen Lektor privat beauftragt und bezahlt. Was haben die Verlage dafür bekommen? Beschränken wir uns auf den ökonomischen Aspekt: sie haben einen insgesamt fünfstelligen Betrag an "Druckkostenzuschuss" erhalten, außerdem den Verkaufserlös. Ich habe lediglich Verlust gemacht (Druckkostenzuschuss, Lektorat, ungezählte Arbeitsstunden) und von der VG Wort insgesamt einen dreistelligen Betrag als Ausgleich erhalten. Wenn nun jemand in die Bibliothek geht und aus einem dieser Bücher kopiert – warum entsteht dem Verlag dann daraus ein Nachteil? Diese Leute nehmen ja das Buch nicht als gegenständliches Produkt in Besitz, sondern was sie sich aneignen ist der geistige Inhalt. Und der stammt ausschließlich vom Urheber. Das Buch als Gegenstand wird wieder ins Regal gestellt. Übrigens war es ja auch schon gekauft worden, und das Geld dafür hat der Verlag bekommen.
    Die Verlage nutzen den Umstand aus, dass man in der Wissenschaft gezwungen ist, seine Sachen in namhaften Verlagen rauszubringen (sonst kann man eine wissenschaftliche Karriere, die ohnehin äußerst schwierig zu realisieren ist, komplett vergessen). Verschärfend kommt hinzu, dass es meist gerade "junge Nachwuchswissenschaftler" (darunter fallen auch noch 45-Jährige mit abgeschlossener Habilitation) sind, die dieses Spiel mitspielen müssen, obwohl sie in prekären Verhältnissen leben. Das ist natürlich nicht die Schuld der Verlage, aber, wie gesagt, die nutzen das gerne aus. Eine Neuregelung der VG-Wort-Bezüge könnte zumindest eine kleine, wenigstens symbolische Veränderung in diesem Bereich bewirken. Wie sich das alles auf die Konzeption von irgendwelchen Ratgeber-Büchern oder so auswirkt, das vermag ich nicht zu beurteilen. Aber schlimmstenfalls muss man halt den Verkaufspreis erhöhen?

  • Annette Sievers, pmv

    Annette Sievers, pmv

    @(Herr?)Fachbuchlektor: Ach... Gemeint ist, dass manches Buch nicht nur nicht ohne uns Lektoren und Verlage so schön und so erfolgreich geworden wäre, sondern es manches Buch sogar gar nicht gäbe.

  • Spitzweg

    Spitzweg

    IF: "Sollen umgehehrt die Verlage auf Wirtschaftlichkeit verzichten, um erfolglose Autoren zu alimentieren?"
    -> Sie haben recht. Auch das verlegerische Risiko sollten endgültig die Autoren übernehmen!

    Donata Kinzelbach: "Neiddebatte"
    -> Autoren, die auf allerunterstem Lohnniveau leben (was man von den Verlegern nicht gerade behaupten kann), Neid vorzuwerfen, find ich schon ein starkes Stück.

    Die Reaktionen der Verlage, insbesondere auch des Verlegerausschusses mit seiner Drohung, für eventuelle VG-Wort-Ennahmeausfälle die Autoren anderswo bluten zu lassen, zeigen sowohl bei der VG-Wort-Sache als auch bei den anvisierten Urhebervertragsrecht-Änderungen vor allem, dass die Verlage eine Bereitschaft von Null haben, an den verheerenden Verhältnissen der Autoren etwas zu ändern. Sie wollen weiter die Arbeit eines Jahres für 5000 Euro Vorschuss oder weniger "kaufen", und sie wollen weiter die Tantiemen so mickrig wie möglich halten, vor allem beim Taschenbuch.
    Angesichts dessen immer wieder zu betonen, die "fruchtbare Zusammenarbeit" von Verlagen und Autoren sei in Gefahr, ist zynisch und ekelhaft.

  • if

    if

    @spitzweg: Es tut mir leid, dass sie so schlechte Erfahrungen mit Verlagen gemacht haben. Vielleicht war die Zielgruppe ihrer Publikation schlichtweg zu spitz?
    Manchmal tut es gut, fehlenden wirtschaftlichen Erfolg nicht nur anderen anzukreiden.

  • Donata Kinzelbach

    Donata Kinzelbach

    @spitzweg:-> Autoren, die auf allerunterstem Lohnniveau leben (was man von den Verlegern nicht gerade behaupten kann), Neid vorzuwerfen, find ich schon ein starkes Stück.
    Eine solche Pauschalierung ist doch Unsinn! Weder geht es allen Autoren finanziell schlecht - schon gar nicht den genannten Unterzeichnern! -, noch sind alle Verleger wohl betuchte Leute. Etwas mehr Sachlichkeit wäre der Sache dienlich.

  • Fachbuchlektor

    Fachbuchlektor

    Frau Sievers,
    Sie beschreiben das alltägliche Verlagsgeschäft. Und was hat das mit der VG Wort zu tun?

  • Ernst Probst

    Ernst Probst

    Weltweit können weniger als 1 Prozent der Autoren vom Buchschreiben leben. Bei meinen ersten 5 Büchern erhielt ich ein Honorar von 10 Prozent des Ladenpreises von jedem verkaufen Buch. Der Buchhändler dagegen verdiente 35 Prozent des Ladenpreises. Womit sich der Verlag begnügte, weiß ich nicht. Auffällig ist, dass Zeitungen und Zeitschriften fast einheillig auf der Seite der armen Buchverlage stehen. Mit armen Buchautoren hat man kein Mitleid. Es ist nicht das erste Mal, dass Journalisten ein Thema nicht begreifen und unkorrekt darüber berichten.

  • Susanne Martin

    Susanne Martin

    @Ernst Probst: Die Buchhändler "verdienen" nicht 35%, sondern sie erhalten 35% Rabatt auf den Ladenpreis. Von diesen 35% Rabatt bestreiten sie dann alle Kosten. Die Rendite von Buchhandlungen, also deren Verdienst, ist i.d.R. deutlich niedriger als die 10% Honorar, die Sie bekommen haben.

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