Digital Education

»Ich glaube nicht mehr an das Buch.«

Das Thema »Digital Education« nahm auf dem diesjährigen Publishers Forum breiten Raum ein. Auf einer Session des Kongresses stellten sich vier Startups mit ihren Geschäftsideen und -modellen im Bildungsbereich vor. Dabei entflammte unerwartet eine Diskussion über die Zukunft des Buches – und der Verlage.

Impression von der Session »Digital Education. Best Practices aus deutschen Startups«

Impression von der Session »Digital Education. Best Practices aus deutschen Startups« © Sven Serkis

Die Session »Digital Education. Best Practices aus deutschen Startups« begann erwartungsgenmäss damit, dass Moderator Benjamin Wüstenhagen sich und die drei anderen Startup-Gründer kurz vorstellte. Anschließend präsentierten alle vier ihre Unternehmen sowie deren Geschäfts- und Erlösmodelle.

Mathematik interaktiv lernen

Stephan Kemper hat als Mitglied des Gründungsteams mit bettermarks in Berlin eine adaptive Plattform für digitales Lernen und Lehren in der Schule entwickelt, die webbasiert, als App oder auf digitalen Whiteboards genutzt werden kann. Das von bettermarks entwickelte »Lehrmaterial 2.0« führt die Schülerinnen und Schüler interaktiv durch mathematische Aufgaben und Lösungen, es passt sich ihren Lernschritten und Fähigkeiten in Echtzeit an. Für Lehrerinnen und Lehrer stehen Reporting-Tools und weiterführende Funktionen zur Verfügung. Zahlreiche Schulen, die bettermarks bereits getestet haben, sind schließlich Abonnenten des Startups geworden. Die Lehrkräfte seien, so Stephan Kemper, begeistert über die mit bettermark erzielten Lernerfolge. Mit über 30.000 SchülerInnen, die bettermarks regelmäßig nutzen, verfügt die Plattform in Deutschland über eine solide Nutzerbasis im Bereich der Mathematik. In Uruguay (!) ist man schon weiter. Dort wird bettermarks derzeit landesweit ausgerollt.

Social Reading für die Schule

Dr. Harald Henzler bietet mit lectory eine Lösung an, die  die konzentrierte, gemeinsame Lektüre und das Lernen dabei ermöglicht. Die Schülerinnen und Schüler können Textstellen markieren und kommentieren und ihre Kommentare zur Diskussion stellen. Der Lehrer stellt im Text selbst Aufgaben und moderiert die Diskussion und Präsentation der Arbeitsergebnisse. lectory wird von der Süddeutschen Zeitung und Reclam unterstützt.

Mit Karteikarten online und mobil lernen

Samuel Ju, Mitglied im Startup-Club des Börsenvereins, präsentierte mit Repetico ein juristisches Lernportal für Studierende, auf dem sie sich mit digitalen Kartensätzen online und mobile auf Prüfungen vorbereiten können. Dieser Lernprozess ist kalendarisch organisiert, stellt den Nutzern also Tag für Tag prüfungsrelevante Fragen und liefert die entsprechenden Antworten. Ein Social Media-Tool ermöglicht gemeinsames Lernen und den Austausch über die Aufgaben in selbstorganisierten Freundesgruppen. Repetico arbeitet bisher mit 15 Fachverlagen zusammen, verfügt jedoch darüber hinaus über 17 Millionen user generated Karten.

Eine Suchmaschine für Lerninhalte

Mit meinunterricht.de stellte schließlich Benjamin Wüstenhagen eine Onlineplattform für die Unterrichtsvorbereitung, also für den Lehrkörper an Schulen vor. meinunterricht.de ist zunächst eine Suchmaschine für Unterrichtsinhalte aus zahlreichen Fächern. Die Plattform bietet aber auch ein Planungs-Tool an, man kann Arbeitsblätter erstellen und eigene Dateien hochladen. Die Nutzung aller Materialien ist urheberrechtlich unbedenklich: meinunterricht.de nutzt vor allem lizensierten Content von Verlagen. 125.000 Mitglieder, 20% aller Lehrkräfte in Deutschland und 18 Universitäten nutzen die Plattform bisher.

»Ich glaube nicht mehr an das Buch.«

Zu allen Präsentationen gab es zahlreiche Nachfragen und muntere Kommentare. Die vier Startups fanden beim Auditorium großen Zuspruch. Als Benjamin Wüstenhagen zuletzt die Gründer nach der DNA ihres Geschäftsmodells befragte, ließ Stephan Kemper in einem Nebensatz die Bemerkung fallen, er glaube nicht mehr an das Buch. Auf Nachfrage präzisierte er, dass sich diese Meinung auf die Zukunft des gedruckten Schulbuches beziehe. In 15-20 Jahren wird es komplett von digitalem Content abgelöst sein.

Samuel Ju erweiterte die nun folgende Diskussion mit einem Warnappell an die Schulbuchverlage. Er selbst würde gern verstärkt mit Verlagen zusammenarbeiten, versteht Repetico mehr als Technologieunternehmen denn als Contentproduzent. Er wies aber mahnend darauf hin, dass eine wachsende Zahl von Startups technologische Lösungen entwickeln und dazu (auch aufgrund der zögerlichen Haltung vieler Verlage bei der Lizensierung) eigenen Content generieren. Wenn die Schulbuchverlage hier nicht aufpassen, könnten junge Unternehmen in absehbarer Zeit die führende Marktposition der Bildungsverlage erschüttern.

Stephan Kemper berichtete zum Schluss, dass bettermarks eine Mitgliedschaft im Verband der Bildungsmedien beantragt hatte, darauf aber lediglich eine unbegründete Absage erhalten habe. Das hätte ihn zwar nicht sonderlich gestört, spräche jedoch Bände …

Leider blieb keine Zeit mehr, die letztgenannten Themen zu vertiefen. Diese Diskussion muss wohl an anderer Stelle (beispielsweise hier auf bookbytes) fortgesetzt werden.

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1 Kommentar/e

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  • Peter Jakobeit

    Peter Jakobeit

    Man sollte das schon ernst nehmen. Die Buchbranche hat in der Vergangenheit in Sachen Digitalisierung von Inhalten oder in der schlichten Integration des Internets in den stationären Buchhandel selten den Vorreiter abgegeben. Oft musste, so konnte man den Eindruck haben, der Hund zum Jagen getragen werden. Deshalb: Genau hinhören, genau beobachten, Debastte unbedingt qualitätsvoll fortführen. Aber, und auch das ist wichtig: Alle Seiten hören. Es gibt ernst zu nehmende Neurologen und Pädagogen, die sich vehement dafür einsetzen, den Schülern nicht nur Digitales zuteil werden zu lassen. Also anhören, abwägen - und dann loslegen.
    Es sei nochmals an den Zug erinnert, den die Zeitungsverlage verpasst haben, weil sie ihn nicht mal vorbei fahren gesehen haben: Ein Kerngeschäft dieser Verlage, Kleinanzeigen im Bereich Immobilienmarkt, Wohnungsvermietungen und KfZ-Verkauf wird heute von "Seiteneinsteigern" auf Internetportalen betrieben. Wenigstens seine Schlüsse sollte man daraus ziehen.

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