Deutscher Buchhandlungspreis (3): Sonderpreis für langjährige und herausragende Verdienste um den deutschen Buchhandel

"Ich hab' nichts ausgelassen!"

Helga Weyhe, 95, ist die älteste noch aktive Buchhändlerin Deutschlands. Nun wird sie mit dem erstmals vergebenen Sonderpreis für langjährige und herausragende Verdienste um den deutschen Buchhandel geehrt. Ein Besuch bei einer Frau, deren Leben wie ein Roman anmutet – und die manch Jungen ziemlich alt aussehen lässt. NILS KAHLEFENDT

Helga Weyhe in ihrer Buchhandlung

Helga Weyhe in ihrer Buchhandlung © Daniel Müller

"Ohne Routine", sagt Helga Weyhe, "kann man nicht leben." Also steigt sie um kurz nach acht Uhr morgens die hölzernen Stufen von ihrer Wohnung ­hinab in den Laden, sperrt auf, packt die blaue KNV-Wanne aus, sortiert Bestellungen ins Regal. Und wartet, inzwischen ist es neun Uhr, aufs ­erste Signal der Ladenglocke. Mit ihren 95 Jahren ist Helga Weyhe die älteste aktive Buchhändlerin Deutschlands. Doch die Augen der resoluten grauhaarigen Dame, über deren Strickweste eine Lesebrille baumelt, blitzen ironisch wie die eines jungen Mädchens, als wir ­darüber sprechen, was sie da täglich ins Geschäft treibt: "'Ne missionarische Aufgabe mit Büchern? Bloß das nicht! Es macht einfach Spaß! Und ich bin gern mit Menschen zusammen."

Überraschung aus Berlin

Der einzige Luxus, den sich Helga Weyhe seit einer Reihe von Jahren gönnt, ist die ausgiebige Mittagsruhe von eins bis drei – da bleibt der Laden geschlossen. Im Rampenlicht steht die bescheidene Frau nur ungern. Ein eigener Wikipedia-Eintrag, die Ehrenbürgerschaft von Salzwedel zu ihrem 90sten? "Alles Alterserscheinungen", sagt sie, selbstironisch lachend. Doch als Jan Ole Püschel, Referent aus dem BKM, vor einigen Wochen in Weyhes Laden stand und der Chefin eröffnete, dass sie anlässlich der Vergabe des Deutschen Buchhandlungspreises den erstmals vergebenen Sonderpreis für langjährige und herausragende Verdienste um den deutschen Buchhandel erhalten soll, waren Freude und Rührung groß. Am 30. August fährt sie mit ihrer Nichte nach Hannover, erster Klasse. "Mit der zweiten wären wir ja auch ans Ziel gekommen", sagt sie. Typisch Weyhe.  

Traum von Amerika

Die Fachwerkzeile in der Altperverstraße hat schon bessere Zeiten gesehen, an diesem Morgen wirkt sie wie ausgestorben. Als Helga Weyhe ein kleines Mädchen war, pulsierte hier das Leben. Kopfsteinpflaster, Herren mit Zigarre und Jungs in Matrosenuniformen. Die Buchhändlerin ist in dem Eckhaus Nummer 11 mit dem kleinen Lädchen geboren, wie schon ihr Vater. Großvater Heinrich hatte das Sortiment einem Herrn Schmidt abgekauft, als er 1871 aus dem Deutsch-Französischen Krieg heimkehrte. Und auch ihr Onkel wurde Buchhändler, auf der anderen Seite des großen Teichs: Mitte der 1920er Jahre wanderte Erhard Weyhe nach Amerika aus und eröffnete in New York, 794 Lexington Avenue, Weyhe Art Books. Eine noble Adresse. Bis 1938 besuchte er die Verwandten in Salzwedel regelmäßig. "Und dann sagte er immer: 'Wenn du groß bist, kommst du zu mir!'" Amerika, New York – das wurde der große Traum der Helga Weyhe. Dann kam der Krieg. Dann der kalte Krieg. Dann waren die Grenzen dicht. Doch das ahnte Weyhe nicht, als sie, nach ein paar Semestern Germanistik und Geschichte in Breslau, Königsberg und Wien, 1945 ins väterliche Geschäft einstieg.

"Wir bleiben hier!"

Nach Hamburg und Berlin fuhr sie damals "mit ein paar Speckseiten", um neue Bücher zu bekommen. "So wie mein Vater die braune Literatur nicht hatte, gab's bei uns die ganzen Jahre keine rote." Die Leute lasen wie die Süchtigen: Hermann Hesse, die Amerikaner in den ersten Rotationsromanen von Rowohlt im Zeitungsformat – mit der Währungsreform war damit Schluss. In den 50er Jahren der ­Exodus der Kundschaft über die grüne Grenze. "Wir bleiben hier", beharrten die Weyhes; auch dann noch, als private Buchhandlungen reihenweise geschlossen wurden und die Kripo ihnen Friedrich Meineckes "Die deutsche Katastrophe" aus dem Regal weg beschlagnahmte. "Wir haben uns so durchgemogelt." Seit den 70ern half der kleine Grenzverkehr; Westbesucher rissen Weyhe die günstigen Aufbau-Klassikerausgaben und Anatomie-Atlanten aus volkseigener Produktion nur so aus der Hand. "Der Knochenbau des Menschen", meint die Buchhändlerin lächelnd, "war in Ost und West gleich."

Ausbrüche aus der verordneten Enge

Wer sich bei Helga Weyhe nach dem Leben in der DDR erkundigt, wird ironisch gemustert. "Da müssen Sie eigentlich jemand anderes fragen", pflegt sie zu antworten. Weyhe litt unter den Reglementierungen, der verordneten Enge – aber sie fühlte sich nie gebunden. Bis zum Mauerbau ist sie viel und auf oft abenteuerlichen Wegen gereist; meist über Westberlin, von dort mit neuem Pass weiter, nach Paris oder Rom. Das ging 1952, die Sperrzone war gerade eingeführt worden, so: "Mit dem Zug nach Berlin, weiter mit dem Flugzeug nach Hannover. Per Anhalter bis München. Von dort mit dem Zug 20 Stunden nach Rom. Und dann mit dem Schiff von Neapel nach Capri. Ich hab’ nichts ausgelassen." Stets kam sie zurück: "Ich hatte ja meine Eltern hier." 1982, sie war nun 60, besuchte sie endlich die Tochter ihres Onkels in New York. "Vielleicht ist es gut, dass ich das erst im Alter kennengelernt habe."

Geschichts-Lektionen

Die Buchhändlerin fixiert einen Punkt auf der großen Schulwandkarte an der Stirnseite des Büros, Deutsche Geschichte 1476 1648. Ist sie jetzt wieder die junge Studentin in Wien? In diesem Hinterzimmer scheint seitdem nicht viel Zeit vergangen: sepiafarbene Familienfotos, antiquarische Bücher, ein Tresor. "Den hat mein Großvater 1880 zur Hochzeit bekommen. Oben geht er nicht mehr richtig zu." Die Ladenglocke schnarrt, ein grauhaariger Schopf schiebt sich zur Tür herein. Der Kunde, ein pensionierter Arzt, ist enttäuscht, dass der Schnack mit seiner Buchhändlerin heute ausfällt. Ein Band über die Mark Brandenburg? "Den haben Sie noch nicht?", spielt Weyhe die Vorwurfsvolle, "Das wird aber Zeit! Den nehmen wir aus dem Fenster."

Helga Weyhe

Helga Weyhe © Daniel Müller

Grüße von "Miss Liberty"

Man ahnt, mit welchem Elan sich die Frau, die 1990 längst im Renten­alter war, noch einmal ins Geschirr legte. "Jetzt machte es doch wieder richtig Spaß", sagt sie im Rückblick. Das 150. Firmenjubiläum im Sommer '90 wurde gefeiert; auf der Einladungskarte grüßte "Miss Liberty". Den ers­ten Computer bekam Weyhe vom Börsenverein geschenkt. "Wir sind wieder zu Koehler & Volckmar gegangen, da waren wir auch vor dem Krieg." Sie lacht – und irgendwie wirken diese endlosen 40 Jahre DDR auf einmal wie ein Intermezzo. 

Kant statt Latte macchiato

Seit Helga Weyhe das Auto abgeschafft hat, kommt sie seltener aus Salzwedel heraus. Die Ausflüge in die Geschichte kann ihr keiner nehmen; in ihrer Wohnung stehen die Historiker neben bibliophilen Schätzen. An der Wand der Stadtplan von New York. Eben liest sie mit Begeisterung Francis Spuffords historischen Roman "Neu-York" (Rowohlt), der in einer Zeit spielt, da noch nicht mal die Kirchturmspitzen von Manhattan an den Wolken kratzten. Auch die Wiederentdeckung von Schriftstellerinnen wie Alice Berend ("Spreemann & Co.") oder Irmgard Keun ("Kind aller Länder") hat sie bewegt. Die Liebe zur Geschichte verstellt ihr allerdings nicht die realistische Sicht aufs Hier und Jetzt. Ihre Buchhandlung, sie spricht die Worte gelassen und ohne Groll aus, sei "nicht mehr zeitgemäß, ein Auslaufmodell". Es ist eng und duster zwischen den 100 Jahre alten Regalen, es gibt keine Parkplätze und keinen Latte macchiato. Es gibt nur Bücher und dazwischen, im Schaufenster, an den Wänden, die von Weyhe abgetippten Zitate. "Aus so krummem Holz als woraus der Mensch gemacht ist kann nichts ganz gerade gezimmert werden." Das, beispielsweise, ist Kant. Betriebsberater, würden sie hier vorgelassen, schlügen die Hände überm Kopf zusammen.

Suche nach der verlorenen Zeit

Helga Weyhe schiebt eine alte Kopie aus der "New York Times" über den Tisch. "Ich denke nicht, dass der Laden für irgendeinen anderen außer Weyhe geeignet ist", hatte ihre Cousine zu Protokoll gegeben, als Weyhe Art Books, 794 Lexington Avenue, im Sommer 1991 einer Bäckereikette weichen musste. "So wird's auch hier sein", sagt sie, nun doch ein wenig wehmütig, "aber bis dahin freue ich mich über jeden Tag, den ich hier unten bin."                

Helga Weyhe wurde 1922 in Salzwedel geboren. Sie studierte in Breslau, Königsberg und Wien Germanistik und Geschichte und arbeitete in den letzten Kriegsmonaten als Dorfschullehrerin, bevor sie 1945 in die väterliche Buchhandlung einstieg. Seit 1965 ist sie Inhaberin des Geschäfts, das nun seit 177 Jahren in Salzwedel existiert.

Von den für den Deutschen Buchhandlungspreis 2017 nominierten Buchhandlungen wurden bisher vorgestellt: 

LiteraDur

Ein guter Tag, Schwerin

Buchhandlung Mobilé

 

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2 Kommentar/e

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  • Paul - Werner v. der Schulenburg

    Paul - Werner v. der Schulenburg

    Ich schätze mich glücklich, seit meiner Rückkehr in die Altmark nach der Wende zu den Kunden von Frau Weyhe zu zählen. Jeder Einkauf bei ihr ist ein besonderes Erlebnis. Mein persönlicher Kampf gegen den zerstörerischen Giganten Amazon ist, indem ich zwar Bücher dort auswähle, sie aber bei Frau Weyhe bestelle mit dem ergänzenden Vergnügen, mit ihr über die Sinnhaftigkeit meiner Bestellungen noch einmal zu diskutieren und zu erleben, wie dies der alten Dame Freude macht. Für mich ein mehrdimensionaler Gewinn.
    Über den ihr verliehenen Sonderpreis des Deutschen Buchhandels freue ich mich sehr.
    Gruß
    PWS

  • Dietrich v. Gruben

    Dietrich v. Gruben

    Frau Weyhe ist eine Institution in Salzwedel. Das hohe Erinnerungsvermögen ermöglicht uns einen Blick nahezu bis zum 1. Weltkrieg.
    Frau Weyhe ist kritisch und nicht bequem. Gelegentlich merkt man erst später, was Sie wohl mit ihrer Frage gemeint haben könnte. Wie z.B.: "Gibt es noch Bürger in Salzwedel?"
    Wir sind sehr dankbar, Frau Weyhe in unserer Stadt zu haben. Sie ist ein sicherer Kompass für Dinge die gut oder eben unmöglich sind. Sie ist in Ihrem Lebenslauf nicht von der Geschichte verwöhnt, aber Sie hat einen Weg gefunden, damit zu leben.
    Mit dem Preis hätte man keine bessere Wahl trefen können - schön zu sehen, dass man von Berlin auch in die ländliche Region schaut.
    Dietrich v. Gruben, Salzwedel

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