Deutscher-Buchpreis-Lesekreise im Porträt

Mitleser

Zu Hause sind sie zwischen Wertheim und Washington: Fünf Lesekreise wurden ausgewählt – und diskutieren als offizielle Partner des Deutschen Buchpreises über die Nominierungen. SABINE VAN ENDERT

© Petra Gass

Gruppenbild mit Büchern und Strandkorb: die Klappentextler

Gruppenbild mit Büchern und Strandkorb: die Klappentextler © Michael Stein

Pärchenabend ohne Langeweile

Immer wieder sind die vier Paare der Lesegruppe Klappentext in Nachbarschaftsgesprächen auf literarische Themen gekommen – beste Voraussetzungen für einen Lesekreis! "Uns interessiert Gegenwartsliteratur, die nicht bloß gut unterhält, sondern ein gewisses ästhetisches und inhaltliches Gewicht hat, die innovativ und zugleich zeitlos ist und reizvoll genug, um über die reine Lektüre hinaus Denkanstöße gesellschaftlicher oder auch persönlicher Art zu geben", sagt der Gruppensprecher Michael Stein. In den Lesekreis geschafft haben es zuletzt zum Beispiel "Die Listensammlerin" von Lena Gorelik (Rowohlt), "Hagard" von Lukas Bärfuss (Wallstein) und Anke Stellings "Bodentiefe Fenster" (Verbrecher Verlag). Auch außerhalb ihrer Lesegruppe spielt Literatur für die Klappentextler eine Rolle: Drei von ihnen sind an der Planung der Lübecker Messe Die Buchmacher beteiligt, bei der im April 2019 wieder etwa 30 unabhängige Verlage ihre Programme vorstellen werden. Für die Lesegruppe ergab sich so die Gelegenheit, Julia Jessen zu einer Privatlesung einzuladen und mit ihr über ihr Buch zu sprechen ("Die Architektur des Knotens", Kunstmann). Eine Inspirationsquelle für die Gruppenlektüre war immer auch die Buchpreis-Longlist. Und was stellen die Klappentextler in diesem Jahr mit den Buchpreis-Nominierten an? Abwarten!

Klappentext, Lübeck

  • Gegründet: 2015; Treffen alle zwei Monate
  • Mitglieder: 8 (genauer gesagt: 4 Paare)
  • Ansprechpartner: Michael Stein
  • Schwerpunkt: Gegenwartsliteratur, internationale Klassiker
Wertheims Literaturexpertinnen: Zehn sind zu sehen, komplett sind sie 13

Wertheims Literaturexpertinnen: Zehn sind zu sehen, komplett sind sie 13 © Heide Fahrenkrog-Keller

Leserinnen zwischen 35 und 81

Das nennt man Beständigkeit! Seit 27 Jahren treffen sich jeden Monat 13 lesebegeisterte Frauen im Frauenverein in Wertheim. Faszinierend ist auch die große Altersspanne der Lesekreis-Mitglieder, die zwischen 35 und 81 Jahre alt sind. Von Anfang an leitet Andrea Schwitt-Graf die Gruppe. Die Lektüreauswahl wird durch die Buchmessegastländer und Buchpreise angeregt, soziale Themen finden sich häufig auf der Leseliste, Bücher über Künstlerinnen und Klassiker. Joachim Meyerhoff ("Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke", Kiepenheuer & Witsch), Adriana Altras ("Doitscha, eine jüdische Mutter packt aus", S. Fischer) und Carmen Korn ("Töchter einer neuen Zeit", Rowohlt) standen zuletzt auf dem Programm. Die Auswahl beschreibt Andrea Schwitt-Graf als "querbeet mit Linie"; auffällig an den Leselisten der vergangenen Jahre ist der hohe Autorinnenanteil. Die Literaturgruppe besucht auch kulturelle Veranstaltungen und Lesungen. Und die Frauen gelten in ihrer Stadt als Literaturexpertinnen: Jedes Jahr stellen sie ihre Lieblingsbücher in der örtlichen Stadtbücherei vor. Die Buchpreis-Nominierten sind bei den Wertheimer Literaturfrauen auf alle Fälle in den richtigen Händen. Schwitt-Graf: "Wir sind einfach offen für alles und würden uns auf eine neue Herausforderung freuen. Lesekreis zum Deutschen Buchpreis 2018 – wir nehmen die Herausforderung an!"

Literaturgruppe Wertheim, Wertheim

  • Gegründet: 1991; monatliche Treffen
  • Mitglieder: 13
  • Ansprechpartnerin: Andrea Schwitt-Graf, Frauenverein Wertheim
  • Schwerpunkt: Gegenwartsliteratur, Klassiker, Künstlerinnen, soziale Themen
  • https://www.frauenverein-wertheim.de
Vorfreude auf die Longlist: Lesekreis Schwebende Bücher in der Bezirksbibliothek Mark Twain in Berlin

Vorfreude auf die Longlist: Lesekreis Schwebende Bücher in der Bezirksbibliothek Mark Twain in Berlin © Renate Zimmermann

Hier darf jeder mitreden

Wer kommt, kommt: Die Literaturgruppe Schwebende Bücher der Bezirkszentralbibliothek Mark Twain in Berlin-Marzahn steht allen offen. Der Lesekreis ist im Grunde ein Empfehlungsabend: Alle sechs Wochen treffen sich Bibliothekarinnen und Bibliotheksnutzer und sprechen über neue und alte Bücher. Am Ende wird noch ein neues Kinderbuch vorgelesen. Dann kommen die Lesefrüchte in ein Extra-Regal, auf das alle, die nicht dabei sein konnten, Zugriff haben. Und was "schwebt" dabei nun? Die vorgestellten Bücher werden an einer Leine in der Bibliothek aufgehängt und, ja, schweben dort, bis sie ins Empfehlungsregal wandern. Seit 2012 hingen dort schon 1.067 Bücher! Die Buchvorstellungen sind "kurz und knackig", sagt die Ansprechpartnerin der Gruppe, Renate Zimmermann. Bewertet wird per Smiley:
:-) steht für eine absolute Empfehlung
:-| bedeutet: kann man lesen
:-( heißt: Finger weg.

Auch weitere Titel der jeweiligen Autoren werden nicht vergessen und ins Empfehlungsregal eingeordnet. Die Rolle des Buchvorstellers übernehmen ab und an Gäste aus der Medienbranche. Immer gern gesehen: Buchhändlerinnen. Die Atmosphäre bei den Treffen sei sehr gemütlich, meint Zimmermann. Dazu trägt sicher bei, dass das Ess- und Trinkverbot in dieser Zeit nicht gilt. Das Credo der Schwebenden Bücher: Auch Bücher aus unabhängigen Verlagen sollen eine Chance bekommen. Und schon bald hängen wohl die Nominierten für den Deutschen Buchpreis in Berlin-Marzahn an der Leine!

Schwebende Bücher, Berlin

Literaturkreis mit Buchhändlerin (hinten rechts): Lesekreis der Buchhandlung Mausbuch, Bremerhaven

Literaturkreis mit Buchhändlerin (hinten rechts): Lesekreis der Buchhandlung Mausbuch, Bremerhaven © Uwe Steffens

Gehobene Literatur, aber nicht abgehoben

20 Damen und ein Herr lesen und diskutieren im Lesekreis Bremerhaven, der von der Buchhandlung Mausbuch organisiert wird. Ob der Herr bleibt? In den sieben Jahren des Bestehens der Lesegruppe hat es schon den einen oder anderen Wechsel gegeben. Das macht aber nichts. "Es hat sich ein harter Kern gebildet, der sehr gut zusammenhält und keine Konfrontation scheut", sagt Mausbuch-Inhaberin Nicole Steffens.  Bei der Lektüreauswahl kommen die Lieblingsbücher der Mitglieder ebenso zum Zuge wie Novitäten, die in den Medien gerade Thema sind. Das letzte Wort hat keinesfalls die Expertin: Niole Steffens achtet darauf, der Gruppe ihre buchhändlerische Sicht nicht aufzudrängen. Nur wenn zu ähnliche Titel auf­einander folgen, greift sie ein. Auf der Leseliste der Gruppe standen für die vergangenen Monate "Das Regenorchester" von Hansjörg Schertenleib (Aufbau), "Eis" von Ulla-Lena Lundberg (Goldmann) und Elizabeth Strouts "Mit Blick aufs Meer" (btb Verlag). Was eint diese Romane? Sie bewegen sich "zwischen anspruchsvoller Unterhaltung und Literatur mit mittlerem Anspruch", so Nicole Steffens. Die Leseerfahrungen, die die Gruppe mit den Longlist-Romanen macht, sollen auf dem Blog der Buchhandlung veröffentlicht werden. Bei Mausbuch kann man sich auch gut ein oder zwei Abendveranstaltungen vorstellen, bei denen der Lesekreis die Buchpreis-Nominierungen vorstellt. Die Buchpreisverleihung verfolgt der Bremerhavener Lesekreis im Livestream am Bildschirm: Einer der Lesekreistermine fällt stets auf den Abend des Festakts!

Lesekreis, Bremerhaven

Noch ohne Bücher: die Leseratten in Washington D. C. beim Brunch

Noch ohne Bücher: die Leseratten in Washington D. C. beim Brunch © Susanne Hoepfl-Wellenhofer, Christopher Maines

Aus Liebe zur deutschen Sprache

Fast immer gibt es bei den Treffen der Leseratten DC ein großes deutsches Frühstück. Die sieben Frauen und sechs Männer zwischen 40 und 75 treffen sich seit 1999 jeden vierten oder fünften Sonntag reihum zum Brunch. 178 Romane haben sie seither gelesen und diskutiert – auf Deutsch. Alle zwölf "Lese­ratten" beherrschen die deutsche Sprache ausgezeichnet, und das soll so bleiben. Der "offizielle" Teil der Literaturgruppe läuft strukturiert ab: Jeder gibt seine Meinung zum Buch ab, immer gibt es eine zweite, wenn nötig eine dritte Runde. Am Schluss werden Informationen über den Autor und Rezensionen gelesen. "Bei uns geht es ja nicht nur um die Bücher, sondern auch darum, die Deutschkenntnisse zu behalten und zu erweitern", begründet Susanne Hoepfl-Wellenhofer das Vorgehen. Die Gruppensprecherin versendet nach den Treffen auch eine ­Zusammenfassung der Lesevormittage an die Mitglieder. Und welche Bücher hat die Gruppe sich nun vorgenommen? "Der Trafikant" von Robert Seethaler (Kein & Aber) zum Beispiel, ­Stefan Zweigs "Angst" (Reclam) und "Goethe ruft an" von John von Düffel (dtv). Ihre Anregungen beziehen sie unter anderem von der SWR-Literatursendung "Lesenswert" und von der Frankfurter Buchmesse, die ein Mitglied regelmäßig besucht. Als "offizieller" Lesekreis wollen die Leseratten jetzt eine eigene Rubrik auf ihrer Website einrichten und dort ihre Rezen­sionen der Buchpreis-Nominierten veröffentlichen.

Leseratten DC, Washington, D. C.

  • Gegründet: April 1999; 8 – 10 Treffen pro Jahr
  • Mitglieder: 13; darunter 5 Gründungsmitglieder
  • Schwerpunkt: Literatur nach 1945
  • Ansprechpartnerin: Susanne Hoepfl-Wellenhofer
  • https://leserattendc.org

Zum Thema lesen Sie auch das Börsenblatt-Interview mit Kerstin Hämke, Lesekreis-Expertin und Gründerin von Mein-Literaturkreis.de.

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