Die Schattenseiten des Start-up-Spirits

Sexy, aber ausbeuterisch

Als Chefredakteur von "Werben & Verkaufen" hat Jochen Kalka laufend mit hippen Unternehmen zu tun. In seinem neuen Buch beschreibt er die Schattenseiten der Existenzgründungseuphorie. MARCUS SCHUSTER

Jochen Kalka

Jochen Kalka © Thomas Dashuber

Heiße Luft für Investoren, miese Arbeitsbedingungen für die Angestellten und – zumindest in Deutsch-land – kaum volkswirtschaftliche Relevanz. Warum lassen wir uns alle von der "Startup-Lüge", so der Titel Ihres bei Econ erschienenen Buchs, in die Irre führen?
Es liegt am Image, das die meisten dieser Geschäftsmodelle ausstrahlen. Ich merke es selbst in meinem Umfeld: Zu Zeiten des Neuen Markts hat jeder mit seinen Aktien geprahlt. Heute prahlt man mit Start-ups, in die man ­investiert hat – selbst wenn man von der Materie wie Bio­technologie oder autonomes Fahren gar keine Ahnung hat. Es muss nur nach Zukunft klingen.

Warum wollen, wie Sie schreiben, auch so viele Konzerne auf einmal Start-up sein?
Viele Manager leben mit der Angst, die Welt nicht mehr zu verstehen, wenn sie sich keinen entsprechenden Spirit ins Haus holen. Sie hinterfragen nicht, was sie mit der Start-up-Mentalität eigentlich erreichen wollen. Unterschwellig geht es für die meisten wohl darum, sich für den Nachwuchs attraktiv zu machen. Auf dem Personalmarkt bekommen selbst Siemens oder Daimler sehr viel mehr Bewerber, wenn Start-up-Methoden versprochen werden.

Im Silicon Valley haben Sie erlebt, wie Mitarbeiter ausgebeutet werden. Sie beschreiben eine "frauenfeindliche, brutale Kultur, die an die Anfänge der Industrialisierung ­erinnert".
Ja, dort gibt es keine Gewerkschaften, keine Langzeitver­träge. In einem Unternehmen hatten die Mitarbeiter über ihren Schreibtischen bunte Luftballons hängen, auf denen standen die Jahre der Betriebszugehörigkeit. Ich habe sehr viele Einsen und manche Zweien gesehen, ganz vereinzelt mal eine Drei – aber höher ging das nicht. Außerdem ist es dort nicht unüblich, die Arbeitsleistung technologisch zu überwachen – und die Leute finden das völlig okay.

Wie sieht es diesbezüglich bei deutschen Start-ups aus?
Beim Thema Gleichberechtigung haben wir auch große Probleme. In Berliner Start-ups bekommen Frauen 25 Prozent weniger Geld als Männer. Dabei könnte man das in den Gründungsphasen doch alles sauber regeln. Noch schlimmer ist es bei sexuellen Übergriffen: Offiziellen Zahlen zufolge musste jede dritte Frau in einem Start-up schon einmal unerwünschte Berührungen ertragen, bei "normalen" Unternehmen sind es zwölf Prozent. Selbst bei der Bundeswehr sind es mit 25 Prozent weniger als im Start-up-Bereich.

Woran liegt das?
Ich glaube, dass das lockere Miteinander mitunter sämtliche Grenzen sprengt. Ich bin wahrlich kein Freund von Krawatten – aber jede Krawatte, jedes Sakko ist ein Ausdruck des Respekts vor dem Gegenüber, genau wie ein "Sie". Wenn das alles wegfällt, kann man bestimmte Situationen schnell missinterpretieren.

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