Jahrestagung der IG Belletristik und Sachbuch: Wie tickt Deutschland beim Buch?

Vom "Grauenland" ins "Trauenland"

23. Januar 2020
von Börsenblatt Online
Ein neues Orientierungssystem für die Buchbranche, Künstliche Intelligenz für die Verlagsarbeit der Zukunft und ein Psychogramm der Nation - das waren Themen, mit denen sich die IG Belletristik und Sachbuchverlage im ersten Teil ihrer Jahrestagung in München beschäftigt hat. 

"Wie tickt Deutschland?" Stephan Grünewald erstellt regelmäßig anhand tausender psychologischer Tiefeninterviews des Rheingold-Instituts, dessen Mitbegründer er ist, Psychogramme der Nation. Der Untertitel seines jüngsten Werks: "Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft" (Kiepenheuer & Witsch). Grünewald ist Psychologe und das Kölner Rheingold-Institut legt die Deutschen für alle möglichen Kunden auf die Couch, zum Beispiel zur Markenkonzeption und Einführung des Labels Lyx für Bastei Lübbe. 

Psychogramm der Nation

Stephan Grünewald hat sein Buch für die IG BellSa-Teilnehmer auf die Kernpunkte heruntergebrochen - und dafür herrliche Formulierungen gefunden: Vorherrschend sei derzeit die Fokussierung aufs Beruhigende, auf das „Auenland“, alles andere, wie die Digitalisierung, Flüchtlinge, Trump oder Terrorgefahr, würden ins "Grauenland" verbannt. Grünewalds Erkenntnis: Man möchte in der Gegenwart bleiben und verhindere damit Innovation. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel sei so lange so beliebt gewesen, weil sie fürs Bewahren stehe. Grünewald: "Als Frau Merkel die Raute aufgemacht hat, wurde es schwierig. Manche stellten sich die Frage: Wen liebt die Mutti eigentlich? Warum tut sie so viel für andere Kinder?"

 Die Aufgabe sei, vom "Grauenland" ins "Trauenland" zu gelangen, so der Psychologe. Wie sind wir da hineingeraten? Durch Mutlosigkeit, so Grünewalds Forschungsergebnisse, durch eine Wertschätzungskrise (Fleischesser gegen Veganer, Flugscham usw.), Gleichgültigkeit und ein Gefühl der Orientierungslosigkeit und die Digitalisierung. Grünwald: "Netflix ist eine selbstimmte Stillegung". Der Weg hinaus führt laut Grünewald über die Einsicht, dass wir Menschen nicht perfekt und gerade deshalb entwicklungsfähig und gemeinschaftsfähig seien.

KI im Verlag

Sehr beruhigend: Bücher schreiben wird Künstliche Intelligenz laut Colin Lovrinovic (Gould Finch) vorerst nicht: Wir sollten KI nutzen, "um mehr Raum für die Reisen in andere Universen zu haben", sagte er. Anwendungsfälle für Verlage gibt es reichlich, zum Beispiel automatisierte Fließtextgenerierung, automatische Übersetzungen, Text-to-speech für Hörbücher, dynamische Preise und Werbeanzeigen, personalisierte Vorschauen / Titelvorschläge nach Zielgruppen der Buchhandlung oder Tools zur Auflagenplanung. Ein Interview mit Colin Lovrinovic lesen Sie hier!

Orientierungssystem für die Branche

Wie finden Kunden die Bücher, die sie suchen? Damit beschäftigt sich eine Taskforce des Börsenvereins. Projektleiterin Stefanie Lange und Cirk Sören Ott von der Gruppe Nymphenburg Consult stellten in München erste Ergebnisse vor. Mehr zu Aufgaben, Struktur und Stand des Projekts finden Sie hier und in der Börsenblatt-Printausgabe 4 vom 23. Januar.