Mut zu neuen Vergütungssystemen

Lassen Sie uns über Geld reden

28. Januar 2020
von Börsenblatt Online
Die Arbeitswelt wandelt sich, doch ein Faktor bleibt bislang meist unangetastet: die Bezahlung. Dabei brauchen wir dringend alternative Entlohnungsmodelle, findet die Autorin und Speakerin Nadine Nobile. Oder anders gesagt: "New Work" funktioniert nicht ohne "New Pay".

In Ihrem Buch "New Pay" (Haufe, 285 S., 39,95 Euro), das Sie gemeinsam mit Sven Franke und Stefanie Hornung geschrieben haben, stellen Sie Unternehmen vor, die mit neuen Vergütungssystemen experimentieren. Was genau verbirgt sich dahinter?
"New Pay" lässt sich am besten als Prozess beschreiben, durch den eine Organisation klärt, welches Entlohnungsmodell am besten zu ihrer Wertschöpfung beiträgt. Es ist eine logische Konsequenz aus "New Work", die aber von vielen Unternehmen bislang ausgespart wird.

Sie beschreiben Unternehmen, in denen sich jeder sein persönliches Wunschgehalt aussuchen darf, genauso wie jene, in denen ausnahmslos jeder Mitarbeiter das Gleiche verdient. Sind da Konflikte nicht vorprogrammiert?
Nach unserer Erfahrung nicht. Denn viel wichtiger als die Höhe des Betrags oder zu wissen, was der Kollege verdient, ist für die meisten Arbeitnehmer die Frage, wie das eigene Gehalt zustande kommt. Sie möchten nachvollziehen können, woran es sich bemisst und was genau vom Arbeitgeber vergütet wird und was nicht. Hierarchien verschwinden, Verantwortung wird umverteilt – doch über das Gehalt entscheidet meist noch immer der Geschäftsführer im stillen Kämmerlein. Genau das empfinden viele Menschen als ungerecht, weil es nicht mehr zeitgemäß ist.

Woran sollte sich eine faire Entlohnung bemessen?
Jedes Unternehmen muss für sich entscheiden, wie es sein Geld verteilt und welches Modell zur eigenen Kultur passt. Es empfiehlt sich aber in jedem Fall, mit einigen statischen Formeln aufzuräumen. Noch immer benötigt man zum Beispiel in vielen Unternehmen – und erst recht in Behörden – einen bestimmten Abschluss, um in gewisse Gehaltsgruppen zu gelangen. Einen Autodidakten dürften diese Unternehmen demzufolge gar nicht einstellen, weil sie ihn nicht richtig eingruppieren können. Aber müssten sie demjenigen nicht vielleicht sogar mehr bezahlen, weil die Eigeninitiative auf besonders gefragte Fähigkeiten im Berufsalltag schließen lässt? Solche Überlegungen spielen bei "New Pay" eine Rolle.

Manche Unternehmen spielen Geld und weiche Faktoren gegeneinander aus, nach dem Motto: "Wir zahlen nicht so viel wie die Konkurrenz, dafür gibt es bei uns frisches Obst und eine nette Atmosphäre." Wird damit nicht eine ver­nünftige Bezahlung untergraben?
Nein, denn auch die Vorteile jenseits von Geld sind wichtig. Studien zeigen: Selbst Menschen, die vordergründig mit ihrer Entlohnung unzufrieden sind, geht es in Wirklichkeit eher um Wertschätzung oder eine Verringerung der Arbeitsbelastung. Und wenn Mitarbeiter ein Unternehmen verlassen, tun sie das selten nur wegen des Geldes. Das wird übrigens das Thema meines nächstes Buchs: Was bekommt man als Arbeitnehmer – neben dem Gehalt – sonst noch zurück für seine Tätigkeit?