Meinung

Vermeers Milchkrug

23. Juli 2015
Redaktion Börsenblatt
In Zeiten der Finanzkrise werden auf den Laken rege Geschäfte getätigt. Rainer Moritz über Sex in Romanen.

Mich erschreckt nichts mehr. Was waren das für Zeiten, als Theodor Fontane 1883 seine Erzählung »Schach von Wuthenow« veröffentlichte und man als Leser nur erahnen konnte, wann und wie es zur verhängnisvollen Verführung der armen Victoire von Carayon gekommen war! Oder Anfang der 1960er Jahre, als Günter Grass juristischen Ärger bekam, da seine Novelle »Katz und Maus« pornografische Inhalte verbreite und zur Masturbation anrege. Wenig später mischten Oswalt Kolle und die rebellierenden Studenten die prüde Ära auf und machten Ehepaare mit dem Wunder der Geschlechtlichkeit bekannt. Seither kannten auch die Literaten kein Halten mehr, wenn es darum ging, sexuell Eindeutiges zu Papier zu bringen.

Wer sich damals fragte, wann das erotische Beschreibungslimit erreicht sein könnte, käme in unseren Tagen voll auf seine Kosten. Denn seitdem Charlotte Roche uns in ihrem Krankenhausroman »Feuchtgebiete« Ausscheidungen präsentierte, die den meisten Menschen bis dahin unbekannt waren, brechen die Dämme reihenweise. Ich sehe dem kommenden Herbst folglich mit einem gewissen Bangen entgegen.

Sie wollen Beispiele hören, um auch bei der Börsenblatt-Lektüre ein sinnliches Prickeln zu verspüren? Bitte. Fangen wir im Sachbuch an, bei Florian Werners grandioser Kulturgeschichte »Die Kuh«, die in einem Kapitel merkwürdige Vorlieben Schweizer Bauern anführt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Oder Ralf Rothmann, der diesmal, in »Feuer brennt nicht«, ohne Umschweife zur Sache kommt und amouröse Abenteuer zwischen einem Schriftsteller und einer umtriebigen Professorin so eindeutig schildert, dass man als alter Suhrkamp-Leser fast erröten möchte. Oder der hoch gelobte Hildesheimer Debütant Thomas Klupp, der in »Paradiso« Sex in den Tiefen bayerischer Wälder beschreibt, ohne jedoch bei der Darstellung von Höhepunkten Bleibendes zu schaffen. »Ich flüsterte irgendwas: Mein Gott, oder so etwas Ähnliches«, wirkt zumindest auf mich unbefriedigend, ästhetisch.

Selbst die serbische Literatur, die bei uns eher ein Schatten­dasein fristet, fährt in diesem Frühjahr schwere Geschütze auf, in Vladan Matijevi´c »Die Abenteuer der Mieze A.« zum Beispiel. So schmal dieser Roman ist, so intensiv lässt er uns am Sexual­leben einer jungen Frau teilhaben, deren Lebenswandel mit freizügig höflich beschrieben wäre. Dergleichen würde ich meiner Mutter nie vorlesen.

Irgendwann wird hoffentlich eine Anthologie diese Lesefrüchte versammeln und belegen, dass in den kalten Zeiten der Finanzmarktkrise wenigstens auf den Laken dieser Welt rege Geschäfte getätigt wurden. Dass nicht alle dieser Umsetzungen künstlerisch zu überzeugen wissen, steht auf einem anderen Blatt. Oder gefällt Ihnen der metaphorische Überschwang, den ein junger österreichischer Autor, dessen Namen wir aus Dezenz verschweigen, in seinem sehr umfangreichen Roman an den Tag legt? Ich zitiere und schweige verschämt: »Ich zog mich aus ihr zurück und sah sie an: Sie war herrlich weit geöffnet, ein feuchter Tunneleingang, der mich an den Milchkrug in dem Gemälde von Vermeer denken ließ.«