Über die Veränderung eines Zitats

"Habent sua fata libelli"

"Sie haben ihre je eigenen Schicksale, die Büchlein": Das bekannte Zitat stammt aus einer Schrift des spätantiken Philologen Terentianus Maurus "Über die Silben" und ist ein reizvolles Beispiel dafür, welche Schicksale Zitate "erleiden". Prof. Klaus Bartels hat dem Zitat in einem gerade bei Philipp von Zabern erschienenen Band nachgespürt:

1493 sei Terentianus Maurus' längst vergessene Schrift in der italienischen Benediktiner-Abtei S. Colombano bei Bobbio (Provinz Piacenza) wieder aufgefunden worden, berichtet Bartels: "Im Nachwort hatte Terentianus, wie die rhetorische Kunst es empfiehlt, die zu erwartende herbe Kollegenkritik vorweggenommen: Vielleicht werde einer dieser Kritikaster nicht anstehen zu sagen, das Buch mache allzu viele Worte; vielleicht werde ein 'weit Verdienstvollerer' meinen, es bringe doch nur wenig Neues – er selbst habe schon weit mehr gefunden; vielleicht werde ein träger und ungeduldiger Geist es für allzu dunkel, allzu schwer verständlich halten:

Forsitan hunc aliquis verbosum dicere librum

non dubitet; forsan multo praestantior alter

pauca reperta putet, cum plura invenerit ipse.

Deses et impatiens nimis haec obscura putabit.

Und nachdem er so genüsslich vier Verse weit ausgeholt hat, schlägt er mit dem fünften zu: 'Pro captu lectoris habent sua fata libelli', 'Je nach der Fassungskraft des Lesers haben sie ihre Schicksale, die Büchlein'. Er meint es im Sinne des Lichtenbergschen Aphorismus: 'Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstossen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?' Nach der Erstausgabe der Terentianischen Schrift im Jahre 1497 mochten die Humanisten des 16. Jahrhunderts, die späten Kollegen und damit Konsorten, 'Schicksalsgenossen, Leidensgenossen', jenes Terentianus Maurus, das gelehrte Zitat auf mancherlei unliebsame, eitle Beckmesserei münzen, und die Kenner unter sich auch ohne den Klartext jenes 'Pro captu lectoris ...', dafür mit einem fröhlichen Augenzwinkern."

Seit der Renaissance sei jene Schrift "Über die Silben" zum zweiten Mal der Vergessenheit verfallen, erläutert Bartels: "Nicht so das geflügelte 'Habent sua fata libelli'; das hatte sich bald, seiner ursprünglichen besonderen Bezüge beraubt – oder eher: davon befreit – zu seiner heute geläufigen allgemeinen Bedeutung gemausert und leichtbeflügelt in den Zitatenhimmel aufgeschwungen. In der Verkürzung auf die zweite Vershälfte, ohne das voraufgehende 'Pro captu lectoris ...', gewann das nun an die erste Stelle geratene 'Habent ...' ein besonderes Gewicht, und so zitieren wir das Wort heute in dem schicksalsträchtigen Sinne: 'Ja, sie haben ihre je eigenen Schicksale, die Bücher' – nunmehr ohne fröhliches Augenzwinkern, dafür mit bedeutender Schicksalsmiene.

'Habent sua fata libelli':  Das ist zum geflügelten Hoffnungs- oder Trostspruch geworden für alle um ihre 'Büchlein' und ihr daran geknüpftes Rühmlein besorgten Autorinnen und Autoren und entsprechend, mutatis mutandis, für Verlegerinnen und Verleger, Buchhändlerinnen und Buchhändler. Im Jahre 1888, bei der Einweihung des Deutschen Buchhändlerhauses in Leipzig,  hat der Wappenzeichner Emil Döpler das Wort zur beziehungsreichen Devise des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels erhoben. So, wie wir die hintersinnige, hinterhältige Pointe jenes antikischen Kollegen Terentianus Maurus heute verstehen und zitieren, ist sie da ja genau am rechten Ort. Aber von seiner Herkunft her taugte dieses geflügelte 'Habent sua fata libelli' doch eher zum selbstironischen Motto einer literarischen oder wissenschaftlichen  Rezensionszeitschrift, in der die 'weit verdienstvolleren' Autoren und Gelehrten, die selbst schon sehr viel mehr gefunden haben, die mit allzu vielen Worten und wenig Neuem daherkommenden, allzu dunklen und schwer verständlichen Büchlein ihrer weniger verdienstvollen Kollegen kunstgerecht zerrupfen."

 

Der Text stammt aus Klaus Bartels Sammlung "Geflügelte Worte aus der Antike – woher sie kommen und was sie bedeuten". Verlag Philipp von Zabern, 168 S., 19,99 Euro. Von Bartels ist im gleichen Verlag im Frühjahr in 14. Auflage das Nachschlagewerk "Veni vidi vici. Geflügelte Worte aus dem Griechischen und Lateinischen" erschienen.

Die zitierten Stellen stammen aus: Terentianus Maurus: "De litteris, syllabis et metris", 1282ff.; Georg Christoph Lichtenberg: "Sudelbücher" D 399, vgl. E 215

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