Antiquariat

Vier Fragen an Simon Beattie

Simon Beattie (geb. 1975) war lange für Bernard Quaritch in London tätig und betreibt seit Anfang 2010 in Chesham in Buckinghamshire sein eigenes Antiquariat. Ein Gespräch über Messen, Social Media und deutsche Bücher im englischsprachigen Raum.

Sie waren im Januar auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse als Fachbesucher, auf der California International Antiquarian Book Fair in Oakland am vergangenen Wochenende haben Sie selbst ausgestellt. Lassen sich beide Messen vergleichen?

Simon Beattie: Die kalifornische Messe mit rund 200 Ausstellern ist sehr viel größer als die Stuttgarter Antiquariatsmesse. Die meisten Aussteller in Oakland sind natürlich Amerikaner, aber es stellen auch viele ausländische Kollegen aus, aus Europa einschließlich Russland, Kanada, Australien usw. Was die Bücher betrifft, würde ich sagen, dass man in Deutschland immer noch richtig antiquarische Sachen sieht. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber ich finde bei deutschen Kollegen zum Beispiel schöne Bücher aus dem 18. Jahrhundert, was in Amerika nicht der Fall ist. Dort findet man vieles aus dem 20. Jahrhundert, Erstausgaben zeitgenössischer Literatur und Pressendrucke zum Beispiel, auch Fotobücher zu höheren Preisen. Solche Bücher haben in Amerika einen richtigen Markt gefunden.
 

Der Antiquariatshandel in Großbritannien und mehr noch in den USA wirkt manchmal moderner, optimistischer, experimentierfreudiger – wie schätzen Sie das ein?

Moderner? Optimistischer? Das weiß ich nicht. Natürlich ist die englischsprachige Welt größer als die deutsche; wir haben eben ein größeres Publikum. Ich finde Initiativen wie das neue Blog "The New Antiquarian" der Antiquarian Booksellers' Association of America wirklich toll! Viele Händler beklagen den Aufstieg des Internets und die negativen Folgen für den Antiquariatshandel; aber man kann auch das Internet zum Beispiel auch zur Kundenansprache nutzen.

Sie veröffentlichen sorgfältig bearbeitete und gestaltete Kataloge, sind auf verschiedenen Social Media-Plattformen aktiv und betreiben ein eigenes Blog – lohnt sich dieser Aufwand?

Ich bin der Meinung, dass man alles machen muss: Kataloge, gedruckt und als PDF, Bloggen, Facebook und so weiter. Ich habe Kunden, die gern meine gedruckten Verkaufskataloge durchblättern. Es gibt aber auch Kunden, die lieber per E-Mail einen Katalog bekommen, den sie auf ihrem Tablet lesen können. Der Auftrieb für das Bloggen und für die Hinwendung zu Social Media gehen im angelsächsischen Raum von den Bibliotheken aus. Viele Bibliothekare, die für die oft sehr bedeutenden Sondersammlungen der großen Bibliotheken tätig sind, machen das als Maßnahme, um ihre Bestände bekannter zu machen oder vielleicht als Werbung für eine neue Ausstellung. Buchhändler beziehungsweise Antiquare können das aber auch! Ich halte meine Blog-Einträge für eine Art von Werbung. Die meisten Bücher, über die ich im Netz etwas schreibe, sind verkauft. Aber die Leser meines Blogs können trotzdem etwas darüber erfahren, welche Themengebiete mich interessieren und was meine Handelsschwerpunkte sind. Ich habe dadurch nicht nur neue Kunden gefunden, sondern auch aus Privatbesitz Bücher kaufen können. Einmal hat jemand mir geschrieben, dass er ein Buch in einem Blog-Eintrag gesehen hat, das er kaufen wollte, ohne dass ich einen Preis gesagt habe. Jemand anderes hat nach einem Buch gefragt, das schon verkauft war, aber ich konnte noch ein weiteres Exemplar für diesen Interessenten finden.
 

Welche Rolle spielen deutschsprachige Bücher in Ihrer Geschäftstätigkeit? Gibt es Kunden dafür in Großbritannien und den USA?

Ich habe an der Universität Germanistik studiert, also kaufe ich sehr gern deutsche Bücher, bei Kollegen oder auf Auktionen. Es stimmt, dass Deutsch als Fremdsprache in Großbritannien und Amerika nicht so weit verbreitet ist. Wenn man dort deutsche Bücher verkaufen will, muss man zusammen mit den Büchern auch Perspektiven anbieten, zum Beispiel müssen schöne Bilder vorhanden sein oder es muss irgendeine inhaltliche Beziehung zu Amerika geben. Bei der Belletristik ist es anders: für die großen Werke der deutschen Literatur – Goethe, Kafka und andere – lassen sich Käufer überall finden. Dasselbe gilt für Erstausgaben von Karl Marx …

Die Fragen stellte Björn Biester.

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