Arbeit aus philosophischer Perspektive

Schön im Flow

Mit feinsinnigen Beobachtungen nähert sich die Philosophiezeitschrift "Hohe Luft" in einem Sonderheft der schnöden Maloche.  MARCUS SCHUSTER

"So viel wie heute haben wir schon lange nicht mehr über Arbeit diskutiert", schreibt Thomas Vašek. Themen wie Digitalisierung, Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, künstliche Intelligenz oder Überforderung des menschlichen Individuums füllen ganze Bücherregalwände. Höchste Zeit also, einmal aus philosophischer Sicht "über Arbeit und ihre Bedeutung für unser Leben neu nachzudenken".

Das tut die Philosophiezeitschrift "Hohe Luft" in ihrem aktuellen Sonderheft. Chefredakteur Vašek reibt sich seit Jahren an den Debatten, die über die Arbeitswelt geführt werden. In seinem 2013 erschienenen Buch "Work-Life-Bullshit" (Riemann Verlag, 288 S., 9,99 Euro) kritisiert er die populäre Trennung von Arbeit und Leben im kollektiven Bewusstsein und die daraus entstehende Burn-out-Industrie mit ihren Ratgebern, Seminaren und Sabbatical-Wellen. "Arbeitszeit ist Lebenszeit", so Vašek. Selbst ein scheinbar schlechter Job stifte Identität, strukturiere den Tag, stelle Herausforderungen und fördere zwischenmenschliche Kontakte. Wenn, dann bräuchten wir nicht weniger Arbeit, sondern bessere, so sein Fazit.

Weil das so vor ihm offenbar kaum einer ausgesprochen hat, wird Vašek seitdem herumgereicht in den Medien. Ähnlich unausgetretene Pfade beschreitet er mit seinen Autoren in der "Hohen Luft". Mit ihrer philosophischen – aber trotzdem gut zu konsumierenden – Perspektive wollen die Hamburger "Einsichten für die Zukunft gewinnen", in einer Zeit, in der jede Veränderung von festgefahrenen Strukturen vor allem eines braucht: Mut. Mut braucht der Chef, der seine Abteilung umkrempelt, genauso wie der Arbeitnehmer, der alle paar Jahre weiterzieht, um sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Um etwas zu verändern, gilt es zunächst den Status quo zu analysieren. Vielleicht ist ja die Erkenntnis, dass die eigene Arbeit gar nicht so schlimm ist, schon die erste Veränderung. Viele Probleme hat der Zeitgeist gemacht. "Heute sind die Ansprüche an den Beruf so hoch, dass wir leicht den Überblick darüber verlieren, worauf es uns wirklich ankommt", weiß "Hohe Luft". Sicher aber ist: Teil eines angesehenen Unternehmens zu sein, kostenlose Smoothies und coole Kollegen reichen im Zweifelsfall nicht mehr aus, damit wir uns im Job wohlfühlen. Die meisten Menschen suchen im Büro nach Sinn und Identität.

Dabei haben die großen Denker der klassischen Antike Arbeit gar nicht als Voraussetzung für ein zufriedenes Leben gesehen. Auch darüber klärt die Lektüre auf. Sogar im Gegenteil: Arbeitende Zeitgenossen – im malochenden Sinne, ohne jeden Müßiggang – galten damals als Banausen, als Sklaven. Später, im anbrechenden Kapitalismus und der industriellen Revolution, wurde Arbeit dann wertgeschätzt, aber lediglich als Mittel zur Ernährung des Menschen. Dass der tägliche Dienst mehr kann, jedem Einzelnen seinen Platz in der Gesellschaft zuweist, diese Lesart setzte sich erst allmählich durch.
Im Endeffekt ist Arbeitszufriedenheit vergleichbar mit der Zufriedenheit in einer Partnerschaft, stellt »Hohe Luft« fest. Mit all ihren Voraussetzungen von Abwechslung über Auto­nomie bis zu Verlässlichkeit und Treue. Und wenn es nicht mehr funktioniert, muss man sich eben trennen.

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