Michael Schikowski über Romane als Ruhezone

Medien der Selbstbehandlung

Romane sind Ruhezonen. Schon ihr Umfang führt dazu, dass Leser solcher Bücher sich für eine relativ lange Zeit vom Alltag abschirmen. Michael Schikowski hält Romanlektüren deshalb für ein Heilmittel gegen die erschöpfende Wirklichkeit.

Der Tag war wieder vollgestopft mit hunderterlei Sachen. Erschöpft, müde und blöde geworden, ist man nur allzu gern bereit, sich von einem Buch überwältigen zu lassen. Kennen Sie diese Vorfreude auf den Roman, der auf dem Nachttisch liegt, auch?

Dagegen gelten uns heute Erzählungen als schwieriger, vor allem schwieriger zu verkaufen. Warum eigentlich? In den unterschätzten 1950er Jahren waren Erzählungen zum Beispiel von Heinrich Böll oder Anna Seghers beliebter. Texte, die insgesamt eher darauf aus waren, genauer gelesen zu werden. Also mag es daran liegen, dass wir eine Erzählung um des Nachdenkens willen lesen, den Roman aber eher, um uns vom Grübeln zu befreien. In den Roman tauchen wir dauerhaft ein, aus der Erzählung tauchen wir dauernd auf.

Also ist der Roman auch Realitätsflucht? Ein Vorwurf, der dem Roman seit Anbeginn gemacht wird. Wenn sich der Roman seit Grimmelshausen auch sehr verändert hat, so ist er doch immer noch das Kunststück, das den langen Atem kultiviert. Und in dieser Eigenschaft der Ruhe, der Geschlossenheit, der Ganzheit hebt er sich von unserer Gegenwart ab – so sehr, dass wir uns abends nach ihm sehnen. In einer Gegenwart, in der alles auf Überraschungen ausgerichtet ist, alles der Zerstreuung, der Vertreibung der Langeweile dient, wird – wie zum Beispiel bei Caroline Ronnefeldts "Quendel" – ein Buch zum Schutzraum, der uns gefangen nimmt und von allen störenden Außenreizen abschirmt. Der Rückzug in den Roman spiegelt sich in den klassischen SBB-Leseorten (Sofa, Bett, Balkon). Und in der Gegenwelt der Fantasy wird in großen absehbaren Bögen erzählt, in einer Art von Ästhetik der Vorhersehbarkeit. Schon Tolkien verteidigte seine Romane mit dem Hinweis eines grundsätzlichen Rechts auf Wirklichkeitsflucht.

Im Vergleich zu allen anderen Medien kann man das für den Roman aber verallgemeinern. Romane etablieren Ruhezonen, innerhalb derer zwar auch die Ästhetik der Plötzlichkeit, der Hagelschlag des Neuen und Fremden, die Faszination der überraschenden Wendungen erlebt wird – allerdings immer im Rahmen von 500 Seiten. Der stets ähnliche Umfang, der klare Handlungs­rahmen und das übersichtliche Figurenensemble des Romans unterscheidet ihn himmelweit von unserem Alltag.  

In der Musikindustrie hat sich die Struktur der Songs geändert. Durch die digital messbare Ungeduld der Zuhörer sind die Künstler gut beraten, möglichst rasch, also in den ersten 10 Sekunden, alle ihre musikalischen Ideen auszubreiten. Weil der Hörer sonst nicht dabeibleibt. Auf die Buchkultur und die Messungen beim digitalen Lesen übertragen, bedeutet das, dass Bücher, die ihre Leser zunächst in den Rhythmus des Buchs hereinholen wollen, es schwer haben werden. Nicht allein bei Lesern.

Bücher müssen es darauf ankommen lassen, ob der Leser den anfänglichen Erschließungsaufwand des Texts als Langeweile deutet und die Lektüre abbricht, oder dranbleibt und hofft, dass die aufgewendeten Mühen noch mit einer Deutung des Gelesenen belohnt werden – seiner Deutung!

Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob der Vorwurf des Eskapismus heute selbst bei Fantasy noch so ohne Weiteres zutreffend ist. Die Erschöpfung des Kopfs ergibt sich doch aus den verdichteten Forderungen des Tages, an denen der digitale Freizeitstress seinen gehörigen Anteil hat. Tagsüber also herrscht eher Zerstreuung, Zerlegung und Zerfaserung der Wirklichkeit. Danach wäre die Lektüre des Romans als ein Gegenmittel besser verstanden, bei dem man auf etwas Ganzes ausgerichtet ist, um ganz zu werden, eine Form der Selbstbehandlung durch Konzentration und Konstanz.

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