Novitäten zum interreligiösen Dialog

Irrtümer ausräumen

Über den Koran und die Lehren des Islam wird viel diskutiert – leider oft mit erschreckend wenig Sachverstand. Aktuelle Titel vermitteln Basiswissen, gehen aber auch in die Tiefe. STEFAN HAUCK

Täglich ist der Islam in den Schlagzeilen, allerdings nur als Mittel der Machtpolitik. Die Auseinandersetzung mit der Religion selbst droht dabei in den Hintergrund zu geraten, zu schnell steht der Vorwurf im Raum, Religion fördere Gewalt.

Aber ist das wirklich der Fall? Wie gehen die Medien mit der Kritik an den Religionen um? Und wo hört der Spaß bei Witzen und Karikaturen auf? Mit solchen Fragen haben sich jüngst christliche und muslimische Experten auf dem Gebiet des interreligiösen Dialogs bei einer Fachtagung auseinandergesetzt. In dem Buch "Kritik, Widerspruch, Blasphemie" (Pustet, 192 S., 26,95 Euro) ist dieses geballtes Wissen nun in 19 Beiträgen versammelt. Der Band belässt es jedoch nicht bei der Analyse, sondern zeigt Möglichkeiten auf, wie Christentum und ­Islam produktiv mit der Kritik an den ­Religionen umgehen können.

"Impulse für das Gespräch zwischen Christentum und Islam" möchte auch der von Dirk Siedler herausgegebene Sammelband "Dialog und Begegnung" geben (Neukirchener Theologie, April, 240 S., 30 Euro). Neben einem Überblick über die aktuellen Diskussionsansätze islamischer sowie christlicher Theologen werden in dem Buch auch ganz praktische Projekte des Miteinanders vorgestellt.

Einen vom Orden der Franziskaner geprägten Blick auf den Islam eröffnet der Band "Muslime und Christen" (Echter, 104 S., 9,90 Euro). Anhand der frühen Bemühungen des Ordensgründers Franz von Assisi, dessen Begegnungen mit dem Sultan und Muslimen den Anstoß zu einem inzwischen jahrhundertealten Dialog gab, werden sowohl die Anfänge dieser Verständigung als auch ihr Nutzen in der heutigen Zeit beleuchtet. Nach einem kurzen Abriss über die drei abrahamitischen Glaubensrichtungen werden die Grundpfeiler des Islam und die Stellung der Christen in der Religion dargestellt. Besonderes Augenmerk legt der Franziskaner und Islamwissenschaftler Jürgen Neitzert hierbei auf die Strömung des Sufismus, deren Gedanken zu Armut, Gottesliebe und Altruismus viele Berührungspunkte mit denen der Franziskaner aufweisen. Dass der franziskanische Orden bis heute für einen offenen Dialog mit dem Islam steht, zeigt sich an den Konferenzen, die immer wieder in Assisi abgehalten werden. Dieser Umgang mit der Religion birgt sowohl Chancen als auch Konfliktpotenzial für Deutschland, weshalb sich Neitzert mit den Grundlagen des Zusammenlebens auseinandersetzt und die Bedeutung der gemeinsamen Akzeptanz hervorhebt.

Zum Miteinander gehört es auch, etwas über den anderen zu wissen – die ­wenigsten Christen jedoch kennen Texte aus dem Koran.
Was den Koran zum Hörerlebnis macht und warum eine poetische Übersetzung zwingend ist – das erfahren die Leser in Karl-Josef Kuschels Buch "Die Bibel im ­Koran" (Patmos, März, 608 S., 49 Euro). Der Tübinger Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs erklärt darin, wie der Islam entstanden ist und was seine Kernbotschaften sind. ­Außerdem vergleicht er Gottes- und Menschenbilder in den Geschichten von Noah, Mose, Maria und Jesus, die sich auch in den Suren des Koran wiederfinden. Klar formuliert, erhellen die vielen kommentierten Textstellen die Glaubensgrundsätze der jeweiligen Religion – Ergebnis einer 20-jährigen Forschungs­arbeit, die dazu auffordert, nicht konfrontativ, sondern vernetzt zu denken.

Kompakter fällt Thomas Schirrmachers Vergleich zwischen "Koran und Bibel" aus (SCM, 160 S., 12,95 Euro) – schon allein dadurch, dass der Autor mit knapperen Zitaten arbeitet. Anhand vieler Fragen (etwa "Dreieinigkeit: Vielgötterei oder Wesen Gottes?") arbeitet Schirrmacher in zwei- bis dreiseitigen Kapiteln die unterschiedlichen Sichtweisen heraus. Sein Buch, 2008 erstmals erschienen, ist für die aktuelle, siebte Auflage entschieden übersichtlicher gestaltet worden – und enthält ein zusätzliches Kapitel, in dem erläutert wird, welche Elemente der Koran konkret aus der Bibel übernommen hat und wie er biblische Inhalte aufgreift. Besonders lesefreundlich sind die Abschnitte, in denen zwei Spalten nebeneinander laufen (Koran / Bibel).

Während Kuschel und Schirrmacher als christliche Theologen Unterschiede und Gemeinsamkeiten erklären, meldet sich mit dem Buch "Und Jesus ist sein Prophet" (C. H. Beck, 108 S., 18 Euro) der muslimische Korangelehrte Mehdi Bazargan zu Wort. Der Führer der iranischen Freiheitsbewegung war der erste Ministerpräsident des Iran nach dem Sturz des Schahs 1979, wurde aber von Khomeini in die Opposition gedrängt. Bazargan wendet sich ­dezidiert an "Meine christlichen Brüder und Schwestern" und hat die Aussagen des Koran zu Jesus, Maria und den Christen chronologisch zusammengestellt und erläutert.
Friedenspreisträger Navid Kermani bezeichnet das Buch im Vorwort als einen wichtigen Beitrag auch zur christlichen Theologie; der Koran wird laut Kermani als ein zentrales Werk der biblischen Deutungsgeschichte erkennbar: "Ohne problematische oder konfrontative Stellen zu übergehen, widerlegt Bazargan anhand der Quellentexte manches westliche Urteil über den Islam."

Auf eine Schlüsselkategorie der islamischen wie der christlichen Lehre konzentrieren sich dagegen Walter Kardinal Kasper, Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster, und der ZDF-Journalist Jürgen Erbacher: nämlich auf die Barmherzigkeit. In dem Buch "Gottes Erster Name" (Patmos, 128 S., 12,99 Euro) zeigt das Autorentrio, was die Reli­gionen in diesem Punkt verbindet.

Schon der Nachwuchs lässt sich für die Gemeinsamkeiten der Religionen sensibiliseren: In der Thora, der Bibel und im Koran wird die Geschichte von Abraham / Ibrahim erzählt; sein erster Sohn Ismael gilt als Stammvater der Muslime, sein zweiter Sohn Isaak als Stammvater der Juden und Christen. In ihrer Arbeitshilfe "Abraham – Ibrahim" (V & R, 48 S., 15 Euro) weisen Christine Hubka und Ramazan Demir auf das Verbindende hin. Das Buch vermittelt den erwachsenen Lesern theologisches Hintergrundwissen – und liefert pädagogische Anregungen, Aufgaben und Gesprächs­impulse für die Arbeit mit Kindern.

Neue Perspektiven für interreligiöses Lernen eröffnet auch der Band "Kindertora. Kinderbibel. Kinderkoran" (Herder, März, 304 S., 24,99 Euro). Die ­Beiträge stellen die verschiedenen Blickwinkel der drei monotheistischen Reli­gionen einander gegenüber. Anders als bei "Abraham – Ibrahim" richten sich die wissenschaftlichen Texte jedoch ausschließlich an Religionspädagogen.

Über gängige Irrtümer klären 34 jüdische und christliche Wissenschaftler mit einer Stichwortsammlung zu den Berührungspunkten zwischen Juden- und Christentum auf: "Von Abba bis Zorn Gottes" (Patmos, 208 S., 10 Euro) heißt das Buch, das vom Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken initiiert wurde und mit Missverständnissen aufräumt. Beispielsweise wird die Textstelle "Auge um Auge, Zahn um Zahn" oft fälschlicherweise als Aufforderung zur Rache gedeutet. Dabei geht es eigentlich um das Prinzip der Verhältnismäßigkeit beim Schadenersatz. Bei entsprechender Kenntnis hätten viele Streitigkeiten in der Geschichte beider Religionen vermieden werden können.

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