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Antiquare und Kunsthändler in München

Am 19. Juli richtete das Stadtarchiv München zusammen mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte ein Forschungskolloquium über "Münchner jüdische Antiquare und Kunsthandlungen während und nach der NS-Zeit" aus. Ein Bericht.

Tagung in den Räumen des Stadtarchivs

Tagung in den Räumen des Stadtarchivs © Stadtarchiv München

Bereits seit einiger Zeit kümmert sich das Stadtarchiv München mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) um die Erschließung der Geschäftsbücher und Verkaufskataloge des Münchner Antiquariats Jacques Rosenthal und der Familien- und Geschäftskorrespondenz der Familien Jacques und Erwin Rosenthal. Nach der Projektbeschreibung in der DFG-Datenbank ist vorrangiges Ziel des Vorhabens "die Wiederherstellung bzw. Rekonstruktion des Firmenarchivs des Antiquariats Jacques Rosenthal sowohl unter den jüdischen Besitzern Jacques und Erwin Rosenthal (1895–1935) als auch unter deren Nachfolger Hans Koch (1936–1977)". Darüber hinaus soll die nun dank glücklicher Umstände im Stadtarchiv München befindliche "Geschäfts- und Familienkorrespondenz der Familien Jacques und Erwin Rosenthal, die in vielfältiger Weise auch über das Jahr 1935 hinaus mit der Firma verwoben ist, in das neu zu formierende Familien- und Firmenarchiv Rosenthal integriert werden".

Am 19. Juli richtete das Stadtarchiv gemeinsam mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte eine wissenschaftliche Konferenz aus, um das vor dem Abschluss stehende Projekt öffentlich vorzustellen und in den Kontext des Kunst- und Antiquariatshandels in München einzubinden (Programm siehe hier). Im ersten Tagungspanel referierten Melida Steinke, die an einer Dissertation über die Verdrängung und Vernichtung jüdischer Kunsthandlungen, Antiquariate und Antiquitätenhandlungen in München nach 1933 arbeitet, Franziska Eschenbach, die sich mit der trotz des politischen Drucks ungewöhnlich einvernehmlich arrangierten Übergabe des Antiquariats Jacques Rosenthal an den Mitarbeiter Hans Koch (1897–1978) als "Treuhänder" befasste, und Edda Maria Bruckner, die auf die geschäftlichen Beziehungen zwischen den Häusern Rosenthal und Karl & Faber einging. Weitere Vorträge der Tagung untersuchten etwa die Erwerbungen des Münchner Stadtmuseums und des Germanischen Nationalmuseums während der NS-Zeit.

Am Nachmittag sprach Caroline Jessen, Mitarbeiterin des Marbacher Literaturarchivs, über die Rekonstruktion der Bibliothek Karl Wolfskehl "im Kontext der Münchner Antiquariate". Wolfskehls umfangreiche private Bibliothek, von Salman Schocken erworben und 1938 nach Jerusalem transferiert, wurde 1975 und 1976 im Auftrag der Schocken-Erben bei Hauswedell & Nolte in Hamburg versteigert. Für ihre Rekonstruktion hat Jessen unter anderem Unterlagen aus dem Firmenarchiv von Hauswedell & Nolte eingesehen. Auf Jessens für November 2018 im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag angekündigtes Buch über Karl Wolfskehl als Sammler darf man gespannt sein.

Meike Hopp, deren Pionierarbeit über den tief in die Machenschaften des NS-Unrechtsregimes verstrickten Münchner Kunsthändler Adolf Weinmüller bereits 2012 publiziert wurde, behandelte das Thema der (nur marginalen) Remigration von Kunsthändlern und Antiquaren nach München nach 1945. Thomas Schubert, Rosenthal-Projektmitarbeiter im Stadtarchiv und zusammen mit Anton Löffelmeier einer der Organisatoren der Tagung, ging im Schlussvortrag auf den gütlichen Ausgleich zwischen Hans Koch einerseits und Erwin Rosenthal und seinen Söhnen Bernard und Albi andererseits nach 1945 ein – Hans Koch wurde sogar gestattet, den Firmennamen Jacques Rosenthal weiterzuführen.

Aus den Vorträgen wurde die Fruchtbarkeit des Forschungsfeldes deutlich, allerdings bewegten sich die zeitlich recht knapp angesetzten Referate, soweit es um das Antiquariat Jacques Rosenthal ging (das bedeutende Antiquariat des Bruders Ludwig Rosenthal wurde vielleicht zu wenig gewürdigt), in einigen Teilen in den Bahnen der 2002 erschienenen Publikation 'Die Rosenthals. Der Aufstieg einer jüdischen Antiquarsfamilie zu Weltruhm'. Andere Münchner Antiquare der Zeit, beispielsweise Emil Hirsch, wurden erwähnt, aber nur eher am Rand.

An der gut besuchten Tagung nahmen nicht nur Vertreter mit Provenienzforschung befasster Institutionen (hauptsächlich aus dem Freistaat Bayern), Doktorandinnen und Doktoranden, Buchwissenschaftler und Antiquarinnen und Antiquare teil, sondern auch die Söhne von Hans Koch und Vertreter der Familie Rosenthal, so Edith Petten-Rosenthal aus den Niederlanden und Julia Rosenthal aus Großbritannien. Julia Rosenthal, Urenkelin Jacques Rosenthals und Tochter von Albi Rosenthal (1914–2004), verlas am Ende einige Worte für die während des 'Dritten Reichs' in München so schändlich behandelte Familie, die vor allem den Gedanken der Versöhnung hervorhoben – ein würdiger Abschluss der gelungenen Veranstaltung, an die sich hoffentlich weitere einschlägige Forschungen anknüpfen.

Björn Biester

Die Podiums- und Abschlussdiskussion "Quo vadis, Provenienzforschung?" hat der Berichterstatter versäumt. Ein Blog mit Vortragszusammenfassungen findet sich hier Ein Tagungsband ist nicht geplant. In der kürzlich veröffentlichten Festschrift für Alfred Grimm (Wiesbaden: Harrassowitz 2018, ISBN 978-3-447-10959-8, siehe hier) schreiben Anton Löffelmeier und Michael Stephan über das Firmen- und Familienarchiv Jacques Rosenthal im Stadtarchiv München. Die annotierten Kataloge des Antiquariats Jacques Rosenthal ab 1895 werden derzeit im Digitalisierungszentrum der Bayerischen Staatsbibliothek digitalisiert und stehen bald online zur Verfügung.

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