Interview mit Alice Horáčková

"Die Geschichten sind da - aber wie kommen sie nach draußen?"

1. Oktober 2026
Stefan Hauck

Erfolgreiche Autorinnen, literarische Biografien: Warum sich Schriftstellerin Alice Horáčková mehr Aufmerksamkeit für die tschechische Gegenwartsliteratur wünschen würde.

Alice Horáčková

Alice Horáčková 1980 in Prag geboren, studierte sie ­Sozialwissenschaften und arbeitete für Tages­zeitungen. Ihr Debüt über die Beat-­Dichterin Vladimíra Čerepková wurde 2014 für den Magnesia-Litera-Preis nominiert, ihr Roman "Geteiltes Haus" über die politischen Umbrüche in einem Dorf im Riesengebirge erschien im August bei Diogenes. 

Börsenblatt: Als Schriftstellerin sind Sie selbst Teil der tschechischen Gegenwartsliteratur. Von welchen Strömungen wird sie geprägt?

Alice Horáčková: An der Uni hat uns unser Professor die zwei Hauptströmungen der tschechischen ­Literatur erklärt: die aristokratische und die plebejische. Während die erste von Milan Kundera repräsentiert wurde, stand für die zweite Bohumil Hrabal, der die Welt von unten betrachtet hat – quasi aus der Perspektive eines Bierdeckels. In der zeit­genössischen tschechischen Literatur gibt es nach wie vor etliche Nachfolger Hrabals. Zu den bekanntesten gehört Jaroslav Rudiš ("Wo die Toten sprechen", Luchterhand), in dessen Werk die Sprachrhythmen aus den tschechischen Kneipen mitschwingen und dessen Geschichten eine tiefe Melancholie in sich tragen. Aber ich habe das Gefühl, dass sich diese traditionellen Strömungen gerade in den vergangenen Jahren stark verzweigt haben und es mittlerweile für jede Regel eine Ausnahme gibt. Die tschechische Literatur befindet sich im Moment in einer spannenden, dynamischen Phase.